Seit 1989 endet der Zweite Weltkrieg, und das immer wieder. Peter Sloterdijk hat nun die deutsche und europäische Posthistorie als "Bekehrung vom Heroismus zum Konsumismus" gedeutet. Für diese Bereitschaft zur Umformung verwendet er den Ausdruck "Metanoia". Einfacher sagte es Churchill schon während des Krieges: Er wünsche sich das Nachkriegsdeutschland "fett aber impotent".
Sloterdijk stellt "die neuen Möglichkeiten der metanoetisch gefilterten Affirmation" dem hier und da noch anzutreffenden "Furor des negativen Nationalismus" recht wohlwollend gegenüber. Die mit den Namen Botho Strauss, Martin Walser und Günter Grass verbundenen geschichtspolitischen Skandale sind ihm nur noch Übergangsphänomene, wobei er nicht die Hoffnung hat, dass die - Zitat - "semitotalitär wirksamen Medien" auf ihre "symbolischen Lynch-Aktionen" künftig verzichten würden. Dafür, dass die Zeichen auf Normalisierung stehen, trumpften die Deutschen auch außenpolitisch mit ihrer "anmaßenden Schwäche" bedenklich auf.
Die wesentlichen Stationen der deutschen Selbstrekonstruktion bei Sloterdijk, das Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche von 1945, die deutsch-französische Aussöhnung 1962 in Reims, Brandts Kniefall 1970 in Warschau und die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals 2005 in Berlin gehören wesentlich in die Geschichte der Bundesrepublik, nicht der DDR. Es sei die These gewagt, dass die DDR gerade deshalb, weil sie von der Tiefenwirkung bundesdeutscher "Metanoia" ausgeschlossen blieb, nach ihrem Untergang zu der Normalisierung, die wir jetzt erleben, ihren unbeachteten Beitrag leisten konnte. Warum?
Es gab in der Bundesrepublik nicht nur die großen geschichtspolitischen Gesten, es gab auch einen Umbau der Innerlichkeit. Dieser Prozess begann mit der Umerziehung durch die Amerikaner, wurde sozialtherapeutisch vertieft in den nach verborgenen Schuldanteilen suchenden Gruppenexperimenten der Frankfurter Schule und drang mit der Fernsehserie "Holocaust " in die bundesdeutschen Wohnzimmer ein. Spätestens seit dem Historikerstreit 1986/87, als die weltgeschichtlich maximale Schuld erfolgreich für Deutschland reklamiert war, gaben die Bundesbürger, zynisch gesprochen, nicht nur die besseren Amerikaner, sondern auch noch die besseren Juden. Von all dem kann im Hinblick auf die DDR keine Rede sein, schon deshalb nicht, weil sie ein armes Land war, was Heiner Müller zu der Bemerkung veranlasste, die Bundesrepublik habe den Krieg gewonnen, die DDR habe ihn verloren und bezahlt. Schuldig fühlt man sich eher in der Toskana als Schlange stehend nach knappen Nahrungsmitteln.
Zudem konnte in der DDR die Sonderweg-Theorie der westdeutschen Historiker nicht greifen. Dieser Versuch einer Korrektur deutscher Daseinsverfehlung nach Maßgabe eines zwar schönen, aber ziemlich frei erfundenen westlichen Vorbilds hatte sich dort mit der Einführung des Sozialismus erledigt. Eine gewisse Wertschätzung der russischen Besatzer für die deutsche Kultur ermöglichte trotz ideologischer Reglementierung nach Ende der Kriegswirren eine Pflege des nationalen "Erbes". Der Erfolg lässt sich an der Vertrautheit mit dem klassischen Kanon ablesen, die den Germanistikstudenten noch in der späten DDR zuteil wurde. Vielleicht ging es dem Geist wie den Häusern. Die notdürftige Sicherung von Ruinen, die man in der Bundesrepublik längst abgerissen hatte, bescherte dem wiedervereinigten Deutschland so manches Juwel.
Die Rückbesinnung der späten DDR auf die preußische Herkunft hat einen für viele Bundesdeutsche bis heute befremdlich wirkenden Affirmationsschub ausgelöst, der 1989 in dem Ruf "Wir sind ein Volk" gipfelte. Im Ergebnis sind sogar vielen der in der DDR groß gewordenen linken Künstler und Intellektuellen die ritualisierten und heuchlerischen öffentlichen Selbstanklagen und geschichtspolitischen Inszenierungen erstaunlich gleichgültig. Die inquisitorischen Maßnahmen gegen vermeintliche Antisemiten sind ihnen suspekt - schon aufgrund eigener Erfahrungen mit öffentlichen Anklagen, die keine Verteidigung kennen.
Die grobe Identifizierung Hitlers mit Deutschland haben kluge Zeitgenossen des Dritten Reiches noch abgewehrt, bevor die alliierte Propaganda sie im Westen Deutschlands durchsetzte. Den pauschalen Verdacht gegen das Eigene und den selbstvergessenen Schuldstolz der späten Bundesrepublik suchte man in der DDR vergebens. Freilich hatten beide deutsche Staaten, um einen weiteren Begriff Sloterdijks aufzunehmen, ihre Form der "Kriegsergebnisfälschung". Vor allem war es die Linke beiderseits der Mauer, auch Westeuropas, die die Erfolge der Roten Armee auf ihr Konto buchte. Die einen haben ihre Dolchstoßlegende, die anderen ihre Siegesfälschung. Die Anmaßungen des nachgeholten Widerstands, die aus der bundesdeutschen Tradition kommen, dürften jedenfalls von unseren Verwandten aus der armen DDR um einiges abgeschwächt worden sein.
Andreas Krause Landt, Verleger und Journalist, geb. 1963 in Hamburg. Studierte in Heidelberg und Berlin Germanistik, Philosophie und Geschichte. Seit 1997 Mitarbeiter der "Berliner Zeitung". 1999 erschien sein Buch "Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte", 2005 "Holocaust und deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden" in der Zeitschrift Merkur (Heft 680), 2007 "Mechanik der Mächte. Über die politischen Schriften von Panajotis Kondylis" in "Panajotis Kondylis. Aufklärer ohne Mission" (hrsg. von Falk Horst). 2005 Gründung des Landt Verlags in Berlin.
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