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17.06.2009
Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (Bild: AP Archiv) Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (Bild: AP Archiv)

Die Rückkehr des 17. Juni

Von Lutz Rathenow

Die Bundesrepublik Deutschland hatte immer ein Problem mit ihren von der Politik gesetzten nationalen Feiertagen. Der 17. Juni und die allmählich verblassende Erinnerung an die Rebellion der Arbeiter und Bürger der DDR im Jahre 1953 ersetzten einen aus der Geschichte der westlichen Bundesrepublik geschöpften Feiertag.

Auch der immer noch routiniert gefeierte 1. Mai wirkt keineswegs gesellschaftsverbindend und zwingend. Und die bis auf Weihnachten, Ostern und Pfingsten regional unterschiedlich verteilten religiösen Feiertage lösen Ungerechtigkeitsgefühle aus - zumindest bei denen, die weniger zu feiern haben. Am Reformationstag strömen die arbeitsbefreiten Brandenburger ins feiertagsfreie Berlin, um in aller Ruhe einzukaufen.

Feiertage werden von den meisten als Entspannungstage genutzt und gern als Brückentage eingesetzt, um sich ein verlängertes Wochenende zu schaffen. Das Wort "Brücke" ist verräterisch. Nicht der Feiertag ist der Höhepunkt, er dient nur als Brücke, um viel arbeitsfreie Zeit für möglichst wenige Urlaubstage herauszuschlagen. Vielleicht sollten bis auf Weihnachten, Ostern und Pfingsten alle religiösen Anlässe zugunsten arbeitsfrei gehaltener Tage abgeschafft werden. Jeder Bürger erhält gewissermaßen zwei oder drei flexibel bestimmbare Tage auf seinem persönlichen Feiertagskonto. Das entspräche unserer gesellschaftlichen Situation, die durch immer mehr in Deutschland lebende Menschen aus nicht-christlichen Glaubensverhältnissen gekennzeichnet ist. Fast wäre dies ein nationales und religiöses Gebot der Gleichberechtigung.

Derartige Gedanken erzeugen Unbehagen. Es kann nicht allein um den ökonomisch zuträglichen Freizeitfaktor gehen. Wir brauchen einen politischen Gedanken, für einen Feiertag, der pathetisch gesprochen unserer nationalen demokratischen Identitätsvergewisserung dient. Oder sogar eine internationale, europäische Komponente enthält. Leipzig hat schon Recht: Wenn an die deutsche Einheit in Form eines Prozesses der beginnenden West-Integration Osteuropas erinnert werden soll, dann wäre der 9. Oktober das plausiblere Datum als der von oben verordnete 3. Oktober. Jener 9. Oktober, an dem sich zum ersten Mal Zehntausende in Leipzig zum größten Massenprotest unter DDR-Bedingungen zusammenfanden und den Staat zum Kippen brachten - trotz angedrohten staatlichen Terrors. Dieser Tag und jene Aktion schufen die Bedingungen, die einen von der DDR ungewollten Mauerfall und die gewaltlose Hinnahme seiner Folgen bewirkten.

Wenn es gelänge, die europäische Komponente stärker aufleuchten zu lassen, könnte der 9. Oktober ein geeigneterer Tag der Einheit und ein Ansporn für Nachdenken über zivilen Ungehorsam und demokratisches Verhalten sein. Oder sollte man in diesem Zusammenhang doch intensiver über einen Feiertag nachdenken, bei sich mehrere Länder wiederfinden können? Die friedensfördernde Integration eines großen Teils des ehemaligen Ostblocks ist solch ein Vorgang fortschreitender Demokratisierung Europas. Insofern ergibt sich eine paradoxe Möglichkeit: die Reaktivierung des aus sympathischer Solidarität Westdeutschlands mit den Ostdeutschen geschaffene Gedenk- und Feiertages am 17. Juni.1953. Im Verlauf seiner Geschichte schien er für jüngere Bundesdeutsche immer aufgesetzter zu sein. Er wurde nach erfolgter deutscher Neu-Vereinigung abgeschafft. Aber die Forschungen aus Anlass des 50. Jahrestages der Aufstandsversuche und der Massenproteste vor zwei Jahren ergaben ein erstaunliches Bild: Es fanden mehr Proteste als geahnt statt. Sie enthielten mehr demokratische Forderungen als oft vermutet, und sie waren Teil einer ersten osteuropäischen Protestbewegung, die später mit 1956 und 1968 noch andere dramatische Daten bekommen sollte. Der 17. Juni könnte somit - substanzieller grundiert als lange vermutet - nicht nur ein Feiertag der deutschen Einheit sein, sondern ein Datum, das an eine demokratische Entfaltungsperspektive für Ost-Europa und damit ganz Europa erinnert.

Lutz Rathenow, Schriftsteller, 1952 in Jena geboren, Studium Germanistik/Geschichte, gründete erst die Black-Panther-Party dann den AK Literatur in Jena, 1975 aufgelöst, kurz vor dem Examen 77 aus politischen Gründen von der Universität ausgeschlossen, Transportarbeiter, 77 Übersiedlung nach Ostberlin, knapp 15.000 Seiten Stasi-Akten zeugen von Aktivitäten und Repressalien, wegen des ersten nur im Westen verlegten Buches 1980 kurz inhaftiert, Lyriker, Essayist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist, Gelegenheitsdramatiker. Zusammen mit Harald Hauswald (Fotografie) schrieb er den erfolgreichen Foto-Text-Band "Ost-Berlin - Leben vor dem Mauerfall" (Jaron Verlag, 2005, englisch/deutsch, 4. erweiterte Auflage 2008. Neue Bücher: "Ein Eisbär aus Apolda" (Kindergeschichten, 2006), "Im Lande des Kohls. Eine Groteske" Edition Buntehunde, Regensburg (2008), "Gelächter, sortiert. Neue Gedichte" Verlag Ralf Liebe, Herbst 2008.


 
 

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