Der 34-jährige Regisseur und Theaterautor Olivier Kemeid leitet seit drei Jahren das Theater "Espace Libre" in Montreal. In seinen Stücken beschäftigt er sich häufig mit der Übertragung antiker Mythen in die Gegenwart. So auch in dem Stück "Die Aeneis", das in Potsdam zu sehen ist.
Er ist klein und kompakt, das Hemd spannt ein wenig über dem Bauch. Bart, dunkle Haare und eine Brille, hinter der wache Augen blicken, runden das Bild dieses sympathischen Mannes ab. Olivier Kemeid hat gerade in Berlin ein Appartement gemietet. Anlass für seinen Besuch ist die deutsche Erstaufführung seines jüngsten Stückes "Die Aeneis".
Während Olivier Kemeid in der Küche Kaffee kocht, füttert seine Frau Stefanie den sechs Monate alten Raphael.
"Er war schon mal in Deutschland, in Karlsruhe, dann in Paris und Limoges. Das ist jetzt seine dritte Reise über den Atlantik."
Olivier Kemeid wurde 1975 in Montreal geboren und hat dort sein ganzes Leben verbracht. Er studierte "écriture dramatique", dramatisches Schreiben, an der École nationale du Théâtre du Canada und leitet seit drei Jahren das Theater "Espace Libre" in Montreal.
"Ich Aeneas meinen Vorfahr auf dem Rücken meinen Sprössling auf dem Arm
Ich laufe durch die Feuerkorridore auf der Suche nach dem Ufer
Gestern hab ich noch getanzt jetzt laufe ich
Und weiß in diesem Augenblick
Ich werde niemals wiederkehren
Werde endlos weiterlaufen."
Der 34-jährige Olivier Kemeid hat schon zahlreiche Theaterstücke geschrieben und inszeniert. "Die Aeneis" ist sein neuestes Werk und das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde. Die Geschichte von Aeneas, der mit dem alten Vater und seinem kleinen Sohn aus dem brennenden Troja flüchtet und seine Irrfahrten haben den Theaterautor fasziniert. Vergils Text sei, so Olivier Kemeid, von großer Modernität, denn es ginge um Immigration, darum, seinen Platz in einer neuen Gesellschaft, ja, im Leben überhaupt zu finden. Der Kanadier hat die alte Geschichte von Krieg, Vertreibung und Neubeginn in die Gegenwart übertragen.
"Ich wollte meine eigene Aeneis schreiben, habe aber Titel, Namen und im Großen und Ganzen auch die Struktur beibehalten. Allerdings wollte ich die Götter weglassen. Aber je länger ich an dem Stück arbeitete, desto klarer wurde mir, dass die Götter zurückkehren - aber in anderer Form. Für die Immigranten meines Stückes sind die Hotelbesitzerin, die Einwanderungsbeamtin göttergleich. Denn sie sind es, die über das Schicksal entscheiden. Was haben sie für eine Macht!"
Als Olivier Kemeid Vergils Aeneis zum ersten Mal las, glaubte er, darin die Geschichte seiner eigenen Familie zu erkennen. Die Kemeids stammen aus dem Libanon, wanderten nach Ägypten ein und gehörten bald zum gehobenen Bürgertum Kairos. Bis zum Sommer 1952, als antibritische Demonstrationen den Zorn der Bevölkerung anheizen. Er richtet sich auch gegen Einwanderer wie die Kemeids.
"Mein Vater war damals sechs Jahre alt, mein Großvater 41. Sie sind in einer Wohnung im westlichen Teil Kairos. Durch das Fenster sieht er, wie die halbe Stadt brennt. Troja ist dabei, unterzugehen. Meinen Vater hat das sehr geprägt."
Der Familie gelingt die Flucht über Alexandria nach Marseille und Le Havre und von dort weiter nach Quebec. Als die Kemeids in Kanada an Land gehen, schneit es.
"Ich habe das Stück Charles Kemeid gewidmet, meinem Großvater. Ich nenne ihn den Aeneas der Familie. Es ist ein Wortspiel im Französischen: zum einen l'ainé, der Älteste, also der Patriarch der Familie, und dann Enee, eben Aeneas. Er hat in mir die Freude am Lesen und Schreiben geweckt. Mein Stück ist einerseits ganz persönlich und intim, andererseits eben auch universell. Ich verbinde diese Geschichte mit dem Mythos, mit allen Menschen, die vor schweren Entscheidungen stehen."
Das Herumirren, die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, die neue Identität - mit diesen beherrschenden Themen wächst Olivier Kemeid auf - und er verarbeitet sie später in seinen Stücken. Bei aller Lebensfreude und Zugewandtheit, die er ausstrahlt, ist der Theaterautor aus Montreal ein tiefsinniger, zuweilen melancholischer Mensch.
"Ich schreibe zum einen, weil ich große Lust dazu habe, aber auch aus einer Angst heraus, aus Unsicherheit, vor allem aus Angst vor dem Tod. Auch wenn es in meinen Stücken um die Endlichkeit und das Alter geht, so ist doch der Tod die alles beherrschende Frage. Daneben ist alles andere flüchtig."
Service:
Weitere Aufführungen der "Aeneis" am Hans Otto Theater in Potsdam:
21. November 2009, 19.30 Uhr
12. Dezember 2009, 19.30 Uhr
20. Dezember 2009, 19.30 Uhr und im Januar
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Profil
Profil: Matthiejs Wouter Knol - Chef des Talentcampus der Berlinale
Sendezeit: 09.02.2012, 10:53
Profil: Jens Thomas, Jazzpianist und Theatermusiker
Sendezeit: 08.02.2012, 10:53
Profil: Heide und Christian Schwochow, Drehbuchautoren
Sendezeit: 07.02.2012, 10:53
dradio-Recorder
im Beta-Test: