Kosmopolitin und Filmproduzentin Anna Katchko auf der Berlinale (Bild: picture alliance / dpa Foto: Hannibal Hanschke)
Mit dem Film "Harmony Lessons" lief zum ersten Mal eine deutsch/kasachische Produktion auf der Berlinale. Federführend bei dem Drama über Mobbing in der Schule und Polizeigewalt war die russische Produzentin Anna Katchko, die ihre Jugend auch in Deutschland verbracht hat.
"Wir haben versucht uns zu inspirieren dadurch zum Beispiel durch Bach. Unser Regisseur Emir Bagazin, der fand das sehr schön und der fand, besonders die Winterszenen, die vielen sehr poetisch erscheinen, also wir haben dann wirklich am Set bei den Dreharbeiten klassische Musik gehört und vor allem Bach und das hat uns glaube ich auch geholfen diese Melodie zu schaffen."
Anna Katchko steckt mit Leib und Seele in ihren Filmen. Die junge russische Produzentin mit den tiefbraunen leicht mandelförmigen Augen und dem vollen dunklen Haar ist lebhaft und gleichzeitig zurückhaltend und auf sanfte Weise energisch. Ihre neue Produktion führt in das winterliche Kasachstan. Ein Junge schlachtet ein Schaf und zerlegt es.
In der Schule leidet er unter dem Mobbing krimineller Mitschüler, später gerät er selbst unter Mordverdacht und soll in Untersuchungshaft mit Folter zum Geständnis gezwungen werden. Der Film "Harmony Lessons" von Emir Baigazin zeigt in starken Bildern viel von der eigenen Kultur, aber seine Geschichte von Kindheit, Einsamkeit und Gewalt ist universell. Die Themen Mobbing an der Schule und Gewalt in Gefängnissen sind es … weil hier dann Plural nötig ebenso. Die junge Produzentin sucht diese eigenwilligen, persönlichen, aber auch allgemein verständlichen Stoffe.
"Ich habe dieses Projekt gelesen vor ein bisschen mehr als einem Jahr und ich war sofort überzeugt, dass es wirklich etwas werden kann. Also das passiert selten für jeden Produzenten. Das ist ein unglaublich wichtiger Moment im Leben, wenn man so einen Regisseur trifft, wo man wirklich glaubt, man kann zusammen weitergehen. Also wir sind beide jung, aus einer Generation und ich habe sehr viel Mitgefühl für die Geschichte, obwohl ich wie gesagt auch in Europa aufgewachsen bin, aber es ist für mich viel mehr als eine Geschichte aus Kasachstan."
Die 35-Jährige gehört einer neuen Generation des osteuropäischen Films an, die, wie sie sagt, im Umbruch groß geworden ist, das Alte noch mitbekommen hat, aber schon in das Neue hineingewachsen ist. Im Moment erlebe der osteuropäische Film einen Generationswechsel:
"Es gibt wirklich ganz, ganz junge Leute, die aus ganz Osteuropa was produzieren. Es gibt Regisseure, aber auch die ganzen Leute, die mitmachen, in Crew. Weil die ältere Generation sozusagen, die sind anders gewöhnt und auch Technologien sind jetzt unglaublich schnell entwickelt und die Jungen, die kennen nur das. Wir sind mit einer High Definition Kamera losgegangen zum Beispiel in diesem Film und das war für uns auch ganz normal und wie gesagt, das Durchschnittsalter war unter dreißig."
Die neue Generation hat mit neuen Stoffen und Produktionsformen auch längst ihre eigenen Netzwerke geschaffen. Auch Anna Katchko sucht die grenzüberschreitenden Projekte. Koproduktionen sind für sie Brückenschläge zwischen den Kulturen. Das liegt auch in ihrer Biografie begründet
"Also ich fühl mich jetzt nicht als Russin oder als Deutsche, ich war auch auf einer französischen Schule, also ich spreche Französisch, seitdem ich Kind bin, deswegen kenne ich die französische Kultur auch sehr gut. Ich fühl mich überall Zuhause, aber gleichzeitig kann ich alles mit Abstand sehen, das ist wichtig für mich."
Als sie dreizehn war, zogen die Eltern von Moskau nach Düsseldorf. Es war keine leichte Umstellung:
"Ich hab kein Wort Deutsch gesprochen, also ich wurde sofort in die Schule reingesetzt und das war natürlich schon ein bisschen schockierend. Aber dann irgendwie, lernt man sehr schnell in dem Alter andere Kulturen und andere Leute zu verstehen. Ich habe mir viele Freunde gemacht in Düsseldorf. Das hat geklappt, aber Anfang ist immer schwer, glaube ich."
Danach studierte sie in Paris Film- und Fernsehwissenschaft und lebte danach einige Jahre in den USA. Sie ging zurück nach Russland und gründete ihre eigene Produktionsfirma:
"Ich habe eine europäische Identität. Wirklich Europa ist für mich, als Land, ich sehe das wirklich mehr als Land, wo ich mich wirklich zu Hause fühle. Aber dann gehe ich nach Russland, da bin ich geboren, gehe ich nach Kasachstan, das ist immer wieder faszinierend, aber ich finde das auch schön bei so einem Leben wie bei mir, ich habe irgendwie, jede fünf Jahre lebe ich in einem anderen Land, ich kann auch ein bisschen Abstand nehmen und jedes Land und jede Kultur ein bisschen von der Seite sehen."
Für die Reisende zwischen den Kulturen wurde die Filmproduktion zum Traumberuf.
"Ich wollte immer produzieren, das war für mich auch interessant, irgendwie beides, sehr kreativ zu arbeiten, aber auch so Business und Organisation, das interessiert mich sehr. Die Businessrichtung vom Film ist auch für mich wichtig. Deswegen finde ich, dass ich für mich etwas Richtiges gefunden habe, weil die beiden Seiten mich immer fasziniert haben."
Im Idealfall ist die Filmproduktion ein Austausch von Menschen mit ähnlichen Ideen und Idealen und diese menschliche Seite zählt für Anna Katchko zu den schönsten ihres Berufes:
"Das Wichtigste und das Beste ist für mich, wenn ich mit einem Regisseur zusammen arbeiten kann, wie hier mit Emir, wo wir wirklich fast jeden Tag seit eineinhalb Jahren haben wir auch ein bisschen über Politik diskutiert, über Kunst, über Filme, haben zusammen Filme gesehen, haben zusammen Bücher gelesen, also das ist was, was für mich auch unheimlich wichtig ist."
Auf die Berlinale kam sie zum ersten Mal 2005. Damals war sie noch als Journalistin für einen Fernsehkanal akkreditiert und träumte davon, eines Tages mit einem eigenen Film im Wettbewerb zu sein. Sieben Jahre später ist dieser Traum Wirklichkeit geworden.
"Ich kann es einfach nicht fassen. Es ist auch für mich persönlich etwas, das ich immer noch nicht glaube. Ich glaube, ich bin jetzt wahrscheinlich auf einer Wolke, wo ich immer noch nicht glauben kann, was wirklich passiert. Ich brauche wahrscheinlich zwei drei Wochen oder vielleicht ein Jahr, das ich wirklich darüber nachdenke, nach der Berlinale."
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Anna Katschko - Produzentin
Sendezeit: 15.02.2013 10:53
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