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09.09.2005
Edda Tasiemka (Bild: Louise Brown) Edda Tasiemka (Bild: Louise Brown)

Menschliche Suchmaschine

Edda Tasiemka sammelt seit 55 Jahren Zeitungsausschnitte

Von Louise Brown

Seit 55 Jahren schneidet und sammelt die 82-jährige Edda Tasiemka Wissens- und Faktenreiches aus Zeitungen und Magazinen und verteilt sie, je nach Thema, in ihrem geräumigen Haus. Deshalb ist sie bei Londons Journalisten sehr gefragt, von denen sie einer als "Suchmaschine lange vor Google" bezeichnete.

Edda Tasiemka: Uff, das ist aber schwer aufzumachen, das ist überfüllt hier, also hier haben wir die britische Armee, das sind die Regimente, das sind die Royal Marines...

In Edda Tasiemkas unauffälliger Doppelhaushälfte im bürgerlichen Golders Green ist nichts, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Wände werden zu verschiebbaren Schranktüren, Mahagonikommoden zu Museumsvitrinen. Im Flur bilden Zeitungstürme bizarre Berglandschaften, im Schlafzimmer steht ein riesiges Kopiergerät. Und in der Küche...

Edda Tasiemka: Jetzt sind wir in der Küche... (Aufschieben eines Schrankes) In der Küche ist Medizin und dies hier sind alles medizinische Themen.

Seit 55 Jahren schneidet und sammelt Edda Tasiemka Wissens- und Faktenreiches aus Zeitungen und Magazinen und verteilt sie, je nach Thema, in ihrem geräumigen Haus. Von hundert Jahre alten Originaleditionen, bis zu aktuellen Ausgaben der Sun, dem New Yorker oder Paris Match liegen diese in Schlafzimmerkommoden, Badezimmerschränken und Wohnzimmervitrinen.

Hier ist das Klo, hier sind die Fußballer. Es sind alles berühmte Fußballer und wenn man sich niederläßt auf dem Klo, dann macht man die andere Tür auf, dann ist der Rest der Fußballer, die kann man hier sitzenderweise betrachten.

Ein etwas eigenwilliges Ordnungssystem - aber eines, das aufzugehen scheint: Zehn bis zwölf Anrufe bekommt Tasiemka am Tag, zu ihren Kunden gehören bekannte Biografen wie Michael Crick, aber auch Boulevard-Blätter wie der Daily Express. Anrufe bei einer 82-jährigen Deutschen, auf der Suche nach Informationen, die es selbst im Internet-Zeitalter nicht mehr gibt.

Längst gilt sie unter Londons Journalisten als Geheimtipp, immer hat sie eine Extrainformation parat. Tasiemka, so der Königshausexperte Robert Lacey, sei eine Suchmaschine, lange bevor Google erfunden wurde: ein Kompliment, das ihr nichts sagen wird, da sie das Internet noch nie benutzt hat.

Die Faszination für Geschichten hat Tasiemka von ihrem Mann, einem jüdischen Journalisten. Mit ihm zog sie nach dem Krieg nach London:

1949, in meiner Heimatstadt in Hamburg habe ich meinen Mann kennen gelernt. Er war damals in der britischen Armee. Und was mir gleich auffiel, die Uniform war sehr unordentlich und in den Taschen hatte er immer kleine Zipfelchen von Papier. Ich denk, was hat er denn da für Papier in den Taschen? Und er sagt, es sind Zeitungsausschnitte! Die hat er schon damals leidenschaftlich gesammelt.

Zuerst wohnten wir in einem kleinen möblierten Zimmer, da waren die Zeitungsauschnitte unterm Bett. Aber dann, nach und nach, wurden immer mehr Zeitungsausschnitte zusammengetragen und dann mussten wir umziehen, und dann wieder umziehen, es wurde immer zu klein, wo wir wohnten, bis wir endlich in diesem Haus gelandet sind. Es ist ein ziemlich großes Haus - auf drei Geschossen - es sind überall, wo man nur hinschaut, Zeitungsausschnitte...


Tasiemka musste schon das Dach ausbauen lassen; dort stehen die neuen "Abteilungen", Internet und Straßenkriminalität. Deartiges gab es damals nicht, sagt Tasiemka über ihre Jugend, dafür einen richtigen Krieg. Ihre Eltern waren unverheiratet, der Vater Kommunist. Als ihre Mutter 1938 verhaftet wurde, da war sie gerade 15: Eine vernünftige Schulausbildung bekam sie nicht, ihre Eltern waren "zu links".

Wie ein Storch stolziert sie in schwarzen Strumpfhosen über ein Meer aus vergilbten Zeitungsausschnitten: Beine einer Ballettänzerin, schulterlange, weiß-graue Haare im einfallenden Sonnenlicht fast transparent. Nichts ist im Haus wie es zu sein scheint, am wenigsten aber seine Besitzerin: Neben der Archivpflege hat sie selbst als Journalistin gerarbeitet, für die "Bravo" hat sie die Beatles und Jimi Hendrix interviewt.

Ich bin 82 Jahre alt, da kommt ein Zeitpunkt, da möchte ich, dass irgendjemand das Archiv übernimmt und weiterleitet. Ich möchte nicht, dass es eines Tages alles verschwindet irgendwo. Das ist ein ziemliches Problem, denn ich bin schon in Kontakt gewesen mit einer Universität und mit verschiedenen Magazinen und Zeitungsverlägen. Aber bisher hat sich niemand gefunden, der es übernehmen würde.

In einem schmalen, ledergebundenen, roten Buch stehen sie, die Aufträge der letzten Woche: Justin Timberlake, David Blunkett, Hugh Grant.

An diesem Tag hat Tasiemka nach "postnatale Depression bei Sadie Frost" gesucht. Bei Google gibt es dazu 292 Einträge innerhalb von 0, 48 Sekunden. Tasiemka hat dafür einen halben Tag verbracht - aber dabei, sagt sie mit einem Augenzwinkern, hat sie etwas ganz Interessantes entdeckt...


 
 

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