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18.10.2005

Trashkünstlerin in der Traumfabrik

Die japanische Künstlerin Yuka Oyama

Von Astrid Mayerle

Warum immer wieder Kleider, Waren, Dinge kaufen? Fragt sich die japanische Künstlerin Yuka Oyama und kreiert deshalb sehr individuelle Schmuckstücke aus vorhandenen Materialien. Ihre Kunden können in ihrem Atelier auch selber schneidern, müssen dann aber diszipliniert wie ein Roboter arbeiten.

Yuka Oyama: It's like "oho", it's like "wow" (Lachen) Your mind is like a parachute: it works best when it's open.

"Dein Geist ist wie ein Fallschirm, er arbeitet am besten, wenn er offen ist" - so Yukas Oyamas Arbeitsmotto. Es hängt im Atelier der Performancekünstlerin, der Schmuck- und Trashkreateurin. Yuka aus dem Wunderland ist Chefin einer Fabrik, genauer, einer Traumfabrik.

Yuka Oyama: Jeder ist willkommen. Man kann Schmuck herstellen… Das ist wie eine Meditation. Oder man kann nebeneinander sitzen und mit Menschen zusammenarbeiten. Man bekommt es auch bezahlt. Sie sind alle gerne eingeladen - sie haben sehr flexible Arbeitszeiten…

Das Setting der Performance gleicht dem Anblick einer üppig bestückten Handarbeitsstunde. Auf den Tischen sind Wolle, Perlen, Münzen und kleine Stempel ausgebreitet. Die Zuschauer lassen sich sofort auf die Aktion ein, denn Yuka ist eine begnadete Animateurin. Schneeballbroschen werden als Wintermodeschmuck kreiert. - Eine Persiflage auf die Mode, die so vergänglich ist wie schmelzender Schnee? Einige ihrer Performance-Mitarbeiter erkennen schnell Yukas hinterlistigen Humor und ihre scharfsinnige Ironie:

Ich denke, sie will damit auch auf die Arbeitsverhältnisse in Japan anspielen oder darauf aufmerksam machen. Es ist schon hart. Es ist sehr diszipliniert. Man arbeitet fast wie ein Roboter. Es kommt nur noch auf Leistung an und auf die Masse, die man produziert.

Lenken Sie nie ihre Kollegin oder Ihren Kollegen durch Kommentare oder Gespräche ab.

Ich sitze hier schon seit zwei Minuten, ohne irgendetwas zu tun und deswegen sollte ich jetzt mal weitermachen, aus eigenem Ehrgeiz, damit ich meinen Flechtzopf noch schaffe.


Yuka macht zwar gerne selbst Accessoires…

Yuka Oyama: …aber der Schwerpunkt ist eher, die Leute in meine Arbeit zu involvieren. Und ich genieße es dann auch, kleine Sachen zu machen…

...oft aus Recyling-Materialien: Yuka verarbeitet japanische Kimonostoffe, alte Krawatten, aber auch Watte, Wäscheklammern und Weihnachtsdeko.

Yuka Oyama: It's like "oho", it's like "wow". Wenn ich nicht mit meiner Kunst unterwegs bin, dolmetsche ich japanisch-englisch. Das ist eine ganz andere gesellschaftliche Szene. Ich bin Künstlerin und fast alle meine Freunde sind irgendwie in kreativen Bereichen beschäftigt, aber wenn ich zur Arbeit gehe, sind das alles Geschäftsmänner, mehr Männer als Frauen und meine Jobgeber sind alles Japaner. Ich muss mich sehr bewusst ändern, anders aussehen. (…) Es ist ein anderer Bekleidungscode, wenn man in einer Konferenz sitzt oder in einer Werkstatt arbeitet. Es ist viel cleaner und ich ziehe meine Uniform an.

Trotzdem: Völlig zur kühlen Businesslady mutieren will sie nicht. Daher trägt sie einen Glücksring - einen selbst entworfenen Tailsman aus Gold. Als moderne Alchemistin verschmilzt Yuka Oyama Märchen, Magie und Manga. Kleine selbst entworfene Figuren sind ihre persönlichen Fetische:

Yuka Oyama: Hier ist ein Altar für das Kind meiner Schwester. Im fünften Monat der Schwangerschaft hat der Arzt gesagt, dass es sein kann, dass es eine Krankheit hat und dann hab ich hier einen Altar gebaut. Ich hab gewünscht, dass es eine Tochter wird, deswegen hat es goldene Haare gekriegt.

Yuka beschreibt sich als "heimatloses Diplomatenkind". Sie lebte vier Jahre in Indonesien, sieben in Malaysien, fünf in den USA und sieben in Japan. Seit zehn Jahren ist sie in Deutschland. Als Kind liebte sie indonesische Opferzeremonien mit hoch aufgetürmten Altären aus bunten Blüten und Früchten. Erinnerungen an diese und andere Feste scheinen auch in ihrer Kunst wieder auf.

Yuka Oyama: Das ist eine Arbeit, sie heißt "Liebesbandage". Es gibt eine Version aus Stoff und eine aus Metall. Die Liebesbandage gibt es auch als Liebescharivari und das kommt von der Assoziation, dass alle meine Freunde und meine Familie überall auf der Welt verstreut sind. Es ist immer schade, dass man sich nur kurz trifft und dann wieder auseinander geht. Das ist in meinem ganzen Leben so gewesen. Daher schätze ich sehr Familientreffen und ich finde Hochzeiten und Beerdigungen faszinierend. (…) Es sind Gelegenheiten, bei denen Bekannte und die Familie zusammenkommen. Die Besucher schreiben den Nachnamen auf Wachs und ich gieße das in Metall und das bleibt für immer. Mit dem Textil ist es, wie wenn man den Arm verletzt und man einen Gips bekommt. Dann schreiben die Freunde den Namen darauf. Da ist ein ähnlicher Gedanke drin.

Die Liebesketten und Freundschaftsbänder sollen natürlich Glück bringen. Glück ist Yukas Thema schlechthin und daher hat es ihr das Schwein, das alte Symbol für Glück und Reichtum, besonders angetan, auch in einem makabren japanischen Song:

Sie singt, ihre Mutter war das beste Schwein im Schlachthof, sie hat viel gegessen, war superfett und ist mit dem höchsten Preis verkauft worden. Und jetzt bist du dran: du musst wirklich fett werden und dann mit einem gutem Preis verkauft werden.


 
 

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