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15.02.2006
St. Petersburg (Bild: AP Archiv) St. Petersburg (Bild: AP Archiv)

"Wirf deinen Fernseher weg!"

Street Art in St. Petersburg

Von Judith Rettenmeier

"Wirf deinen Fernseher weg!" - diese und andere Aufforderungen stehen irgendwo in St. Petersburg. Die Sprüche sind mit Hilfe einer Schablone von jungen Künstlern aufgesprüht, auf Mauern, alten Türen oder Mülltüten. Die Künstlergruppe "Search and Upgrade" will ihren russischen Mitbürgern mentale Überlebenshilfe im Kampf gegen staatliche Willkür und die Globalisierung bieten.

Nikita: "Poderzi pozalysta!"

Aljoscha: "Davaj"

Aljoscha: "Das ist unser Copyright."

Nikita hat blonde Strubbelhaare, die Jeans ist ihm viel zu weit, der Pulli schlabbert um den Hosenbund. Mit der linken Hand drückt er eine große Schablone auf eine Kellertür, in der anderen Hand hält er eine Sprühdose mit schwarzer Farbe. Aljoscha assistiert.

Als Nikita die Pappschablone abnimmt, bleibt auf der Tür die Abbildung eines Gebäudes zurück: Darunter steht in kyrillischen Buchstaben der Satz: Sie kümmern sich nicht um uns.

Nikita: "Das ist das Weiße Haus in Moskau, wo die Regierung sitzt. Wir wollen mit dieser Arbeit darauf aufmerksam machen, daß sich unsere Regierung nicht um die Menschen kümmert. In den Behörden tun sie immer nur so, als ob sie sich um alle kümmern würden. Aber meistens arbeiten sie in die eigene Tasche."

Seit sich Nikita und Aljoscha auf der Hochschule für Gestaltung getroffen haben, erscheinen in ganz St. Petersburg kryptische Botschaften auf Stromkästen, Mauern und Brückenpfeilern. Arbeiten an der Stadt, wie Aljoscha unter seinem grünen Baumwoll-Hut hervor erklärt:

"Unser Projekt heißt "Search and upgrade" - suchen und aufwerten. Wir tauchen in die Straßen ab und übertragen Text auf den Stadtraum. Damit wollen wir einen Ort und seine Umgebung verändern; vor allem im Zentrum, weil da doch alles wie in einem Museum aussieht, alles wie mit Staub bedeckt ist. Durch diesen Staub wollen wir durch, wir wollen Regeln brechen."

Mit dem Cutter schnitzt Nikita an einem Pappkarton herum, bis er Bild und Schrift im Negativ ausgeschnitten hat. Das Bild eines Fernsehers entsteht als Sprühschablone, es soll auf die vielen Mülltüten in den Hinterhöfen zusammen mit dem Satz:

"Wirf Deinen Fernseher weg!"

Nikita: "Das ist eine Arbeit über das Fernsehen, weil bei uns sehr viele Leute unter der Krankheit leiden, fernsehen zu müssen. Darauf will ich aufmerksam machen und sagen, dass das Fernsehen schlecht ist. Weil es eine Illusion ist, Leute in ihrer Meinung beeinflusst. Die Programme bei uns sind miserabel, so in der Art 'alles wird gut', 'bleibt sitzen und schaut uns zu, alles wird gut'."

Search and Upgrade leistet Überlebenshilfe für den russischen Mitbürger. Mit Schattenbildern gehen Nikita und Aljosch an gegen Globalisierung, gegen Krieg und eine mit Geschichte zugerümpelte Stadt.

Nikita und Aljoscha arbeiten heimlich. Die Miliz hat die Künstler noch nicht erwischt:

Aljoscha: "Bis jetzt haben wir Glück gehabt."

Nikita: "Wir versuchen, immer sehr vorsichtig zu sein."

Alljoscha: "Im Winter haben wir Plakate und Litfass-Säulen mit Farbe zugekleistert. Am hellen Tag war das. Ich bin mit der Leiter auf dem Nevskij herumspaziert. Niemand hat irgendwie reagiert. Wenn wir das in der Nacht gemacht hätten, dann hätte uns die Miliz sofort eingesammelt. Aber wir machen das nicht, weil es verboten ist, wir machen das, weil wir das wichtig finden und wir tun das eben unerlaubt."

Sie reagieren auf die Willkür des Staates. Beispiel dafür ist die Armee: Einen DJ-Freund treffen sie den einen Tag noch auf der Straße, am nächsten Tag ist er weg, eingezogen zum Militär. Einen Monat schlägt er sich durch den Drill, dann bezahlt er Geld und ist wieder draußen. Bestechung.

Aufträge neureicher Russen versprechen manchmal ein Sümmchen bar auf die Hand.

Aljoscha: "Für einen Neureichen haben wir auf einem Hinterhof was an eine Wand gemalt. Gegenüber vom Fenster seiner Liebsten. Da stand dann, 'guten Morgen geliebte Ksjúscha! Dein Viktor'. Mit lauter Liebesherzchen und so. Danach sind wir in ein Nacht-Café und haben Milch und Eis bestellt."

Oft klettern Nikita und Aljoscha aber einfach nur zu ihrem Lieblingsplatz auf Nikitas Haus am Nevskij Prospekt. Dann sitzen ein Blondschopf und ein grüner Hut über der Stadt. Sie denken nach, spinnen rum und träumen davon, dass der Staat freundlicher mit seinen Bürgern umgeht, und diese dann freundlicher miteinander sind.




 
 

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