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14.08.2006
Die meisten werfen Schrott einfach nur weg. (Bild: AP) Die meisten werfen Schrott einfach nur weg. (Bild: AP)

Konservierer, Archivar, Autoarchäologe

"Schmidtkult“ bringt Schrott wieder ins Lot

Von Christian Geuenich

Michael Schmidt ist "Schmidtkult". Er verwendet den Schrott alter Autos für seine Kunst- und Designobjekte. Aber das ist noch nicht alles. Schmidtkult konserviert auch die Zeitzeugen der Autoproduktion, indem er Rost einlegt oder den Staub eines alten Autos in ein Reagenzglas füllt. Auf deutschen Schrottplätzen wird er für seine Objekte allerdings nur selten fündig, hier sind die Materialien einfach noch zu jung.

"Ich bin Schmidtkult: Ich bin Michael Schmidt, und das was ich mache, ist der Kult. Ich weiß nicht, ob das Schrottkünstler ist. Letztendlich mach ich aus Schrott etwas, aus dem, was andere nicht mehr gebrauchen können."

Aus alten Autoteilen in allen Größen und Zuständen stellt Schmidtkult seine Kunst- und Designobjekte her. Ein wuchtiger Schreibtisch aus einem alten Citroen DS war sein bisher aufwendigstes Projekt. Dieser Schreibtisch sieht aus wie ein komprimiertes Auto mit aufgearbeiteten Originalteilen wie Kofferraum, Kotflügeln, Zierleisten, Blinkern und sogar funktionierenden Scheinwerfern.

Schmidtkult schleift gerade am etwa einen halben Meter großen Kopf einer Frauenbüste und glättet die verschweißten Nähte. Ob und wie er ein Teil verwenden kann, spürt der kahlköpfige, schmale Mann im beige-braunen Overall sofort, wie bei der Frauenbüste deutlich wird, deren Materialien er auf einem Schrottplatz in San Francisco gefunden hat.

"Das ist von 'nem 56er Chrysler, und dieses Rücklicht sieht schon so aus wie ein Gesicht. Man kann hier oben die Stirn erkennen und hier unten ist ein verchromter Ansatz, der aussieht wie ein Kinn ... Dahinter ist jetzt ein kugelförmiger Kopf, dazu hab ich dann die Kieferpartie angefertigt und den Hals. Und den Torso bilden dann zwei 54er Cadillac-Stoßstangen."

Diese Cadillac-Stoßstangen, deren Hörner später die Brüste stilisieren sollen, und der Unterbau der 1,20 Meter hohen Frauenbüste warten noch im Keller. Dort hängen auch Scheinwerfer, Motorhauben und Kotflügel fein säuberlich von der Decke.

In der Garage seiner Eltern hat der Autodidakt vor 19 Jahren nach seiner Maler- und Lackiererlehre zunächst Bügelbretter zu Lampen umgebaut. Nach einem Unfall mit seinem ersten Auto, einem Karmann Ghia Coupé, haben ihn die verbeulten Teile aus Blech und Chrom schließlich zur Autokunst inspiriert.

"Das war von jeher so, dass ich immer in die Ecken geguckt hab, wenn irgendwas weggeschmissen werden sollte. Dann hab ich erst mal geguckt, ob ich nicht noch was damit anfangen konnte, und ich kann sofort sagen, ob ein Teil etwas für mich ist, ein kreatives Potential hat oder nicht."

Seit vier Jahren hat der detailversessene Perfektionist Werkstatt und Ausstellungsraum in einem Dortmunder Hinterhofhäuschen. Hier fühlt man sich durch einen verstaubten Citroen DS mit verblasster roter Farbe und die alten, anderswo ausrangierten Maschinen direkt in die 60er Jahre zurückversetzt.

Gegen die Bezeichnung Handwerker hat Schmidtkult nichts, es ist schließlich das Rüstzeug, das er braucht, um alte Autoteile in einen neuen Kontext zu setzen.

Das Material für seine Werke sucht er auf Flohmärkten, Oldtimer-Messen und ausländischen Schrottplätzen - auf den deutschen sind die Autos für ihn einfach noch zu jung.

"In Amerika, da lagen Cadillacs aus den 60er Jahren wie Streichhölzer, wie Mikadostäbchen auf den Schrottplätzen. Das ist schon echt klasse, das ist wie ein großer Einkaufsladen."

Aber Schmidtkult verwandelt nicht nur Schrott in neuwertige Skulpturen, Möbel und Lampen.

"Also ich bin Archivar, ich bin Aufräumer, ich bin der, der den Schrott wieder ins Lot bringt oder sortiert, einlegt, präpariert."

Viele Autoteile beziehen ihre Schönheit für ihn gerade durch die unterschiedlichen Verrottungszustände. Matter Lack, alte Schrauben und jedes Fleckchen Rost sind für ihn Zeitzeugen der Autoproduktion.

"Ja, es ist einfach ne Geschichte, die nur dieses Teil erzählen kann und ich hab in meinem Kellerlager da unten so viele verschiedene Autoteile, die teilweise aus England kommen oder Arizona oder aus Italien oder sonst wo, und die erzählen alle was anderes, ... man kann es quasi hören, was mit diesen Teilen los ist, wenn man sentimental genug ist dafür."

Besonders deutlich wird das an einem alten Autotürgriff, den der 41-Jährige in bräunliches Hydrauliköl eingelegt und in einem 25 Zentimeter hohen, abgerundeten Glaszylinder konserviert hat. Jede Roststelle, jede durch Abnutzung und Witterung hervorgerufene Unebenheit ist durch den Lupeneffekt des Öls deutlich zu erkennen.

"Der sieht ja aus fast wie ein Stück von der Titanic oder ein Korallenriff. Die Farben, die Rost hat, von dunkelbraun bis hellgelb, orange kommen in dieser Hydraulikflüssigkeit ganz, ganz deutlich heraus."

Die Arbeit in der Werkstatt ist sein Leben, für anderes bleibt wenig Zeit. Wenn ihn ein Projekt richtig gepackt hat, arbeitet Schmidtkult manchmal auch nächtelang durch. So wie bei seinen Reliquienschreinen, einem weiteren "konservierenden" Kunstwerk. Bei diesen Objekten hat Schmidtkult Schrauben, Dichtungen, Unterlegscheiben und Muttern in filigraner Kleinarbeit auf Papierfähnchen genäht und in Holzkästen genagelt. Von der Machart erinnert das Ganze an eine Schmetterlingssammlung.

"Das war wirklich archäologische Arbeit, das alles aufzuschreiben, aufzunähen, einzunageln und aufzureihen. Ich habe selbst aus diesem Auto den Staub, der sich im Auto befand, ausgefegt, ganz vorsichtig, und habe Teile davon in ein Reagenzglas auch in diesen Schrein gemacht. Und es wäre unwiederbringlich, wenn's verschrottet worden wäre."

Schmidtkult passt in keine Schublade. Er ist Konservierer, Eckengucker, Archivar, Autoarchäologe, Handwerker, Designer und vor allem leidenschaftlicher Künstler.

"Das ist mehr als Beruf, ich geh nicht zur Arbeit, ich darf in meine Werkstatt gehen und weitermachen und das mach ich immer noch gerne."


 
 

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