Sein erster Roman ist gerade erschienen, doch schon vorher stand das Buch von Sasa Stanisic auf der Longlist für den Deutschen Bücherpreis. Dem 28-Jährige hat das Schreiben geholfen, Leerstellen in seinem Leben zu füllen, die durch die Flucht vor dem Krieg nach Deutschland entstanden. Nun möchte der Fußballfan Deutscher werden und seinen blauen bosnischen Pass abgeben.
Wenn Sasa Stanisic auf dem Weg zum Literaturinstitut Leipzig an seinem Stammcafé vorbeigeht, in Jeans und Turnschuhen und einem braunen Wollpullover kurz mit dem Kellner plaudernd, wirkt er eher unauffällig. Dabei ist er das literarische Nachwuchstalent dieses Herbstes. Das Institut, wo er seit zwei Jahren studiert, ist wie leergefegt.
Auch Sasa Stanisic war in der letzten Zeit selten hier. Er hat an seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" geschrieben. Dafür ist er oft nach Hause, nach Bosnien gefahren, hat vor Ort recherchiert, Einwohner befragt und eigenen Erinnerungen nachgespürt.
"Das Buch hat da schon ein wenig erledigt an dieser Wehmut, das ist ja eine Sehnsucht nach einer Erinnerung, die ist sehr abstrakt. Wenn ich da bin, sind es eher Orte und die Geschehen, die sich an diesen Orten ereignet haben, die mich so eine Art Heimatgefühl denken lassen. Aber dieses alles liegt so lange zurück, dass es nicht mehr so präsent ist, sobald ich weg bin. Dann ist es einfach nur eine alte schöne Geschichte bis zum Krieg natürlich."
14 Jahre war Sasa Stanisic alt als der Krieg 1992 in Bosnien-Herzegowina ausbrach und er mit seinen Eltern nach Heidelberg floh.
"Und das Buch hat mir aber eben geholfen, diese Leerstellen, die danach gekommen sind durch Fragen und Recherchen und noch mal vor Ort sein ja artifizielle Umarbeitung dieser Ereignisse, hat mir geholfen diese Leerstellen zu füllen mit Leben, so dass das keine richtige Wehmut im Sinne von schmerzvollem Vermissen ist, sondern eher eine Wehmut in diesem Sinne, schade, dass diese Kindheit irgendwann so abrupt enden musste."
Dennoch hat er sich eine kindlich-naive Erzählart bewahrt. Sein stark autobiografischer Roman sprudelt nur so vor magischen und unglaublichen Geschichten über Deutschland, seine Flucht und den Krieg in Bosnien.
"Aus Cikas Wohnung tritt ein Sieger auf den Flur, zieht den Kopf unter dem Türrahmen ein, kein Helm der Welt passt auf diesen größten Kopf der Welt. Er schleift ein Grammofon hinter sich her, wie eine Gans zum Schlachten hat er den Trichter gepackt, hebt es über die Schwelle. In seiner Pranke ist der Plattenspieler spielzeuggroß. Er setzt den Tonarm auf die Platte, aber nichts geschieht. Er reißt an den Knöpfen, legt die Schalter um, rüttelt am Tonarm, nimmt die Platte ins Visier, überlegt es sich und treibt den Lauf in den Trichter... "
Angefangen zu schreiben hat Sasa Stanisic mit zehn. Unzählige Terminkalender seines Vaters, die dieser aus der Bank, in der er arbeitete, mitbrachte, hat er gefüllt: Mit einem fantastischen Roman im Harry-Potter-Stil, mit Partisanengeschichten und Titolobliedern. Heute lacht er über, wie er sagt, das Brainwashing.
Seinen Eltern dagegen war diese Lobhudelei schon damals suspekt. Sie betrachteten das Treiben des Sohnes auf dem Schlafsofa, umringt von Büchern, eher amüsiert. Jetzt dagegen sind sie stolz auf ihren Sohn, auch wenn sie sein Erstlingswerk nicht lesen können. Dafür ist ihr Deutsch zu schlecht. Als vor acht Jahren ihre Aufenthaltsgenehmigung hier ablief, gingen sie nach Amerika. Dass seine Eltern inzwischen eine andere Staatsbürgerschaft haben als er selbst, findet Sasa Stanisic befremdlich. Er dagegen kämpft hier noch um den deutschen Pass.
"Ich dachte nach 14 Jahren Deutschland und 14 Jahren Bosnien ist ein gutes Jubiläum, da ich mehr jetzt in Deutschland bin, als in Bosnien, dachte ich okay jetzt geht's los, jetzt möchte ich gern, wenn ich schon für Podolski jubele, wenn er ein Tor schießt, möchte ich auch gerne Deutscher werden, doch ich möchte es ganz gerne machen…"
Während er spricht, fällt ihm eine Strähne seines kurzen, dunkelbraunen Haares, das er gescheitelt trägt, in die Stirn. Vorsichtig schiebt er die mit dem linken Zeigefinger wieder zur Seite.
"Es ist eher ein Zeichen, dass ich hier angekommen bin, ich kann mir sehr gut, vorstellen hier oder im deutschsprachigen Raum zu wohnen. Dieser bosnische blaue Pass ist zwar putzig und hat was, aber junges Land, ich bekenne mich auch dazu. Aber es ist Zeit, dass ich nicht für jedes Reischen ein Visumchen brauche und das kann man mit dem deutschen Pass schon."
Bislang hat der 28-Jährige nur eine "Aufenthaltsgenehmigung zum Zwecke der Promotion". An der arbeitet der Nachwuchsautor auch noch nebenher. Das Thema: Literatur und Fußball. Das hat er sich ausgesucht, weil er ein leidenschaftlicher Fußballfan ist.
"Ich liebe das einfach, dieses Gefühl. Ich liebe es, zu grölen und alles zu vergessen um mich herum, das ist ein sehr guter Aggressionskanal für mich, um mich ein bisschen auszuschreien."
Wenn Sasa Stanisic vom Fußball spricht, strahlen seine braunen Augen und er lacht. Er lacht überhaupt sehr viel und spricht in einem Tempo, dass man oft erst im Nachklingen seiner Worte den feinsinnigen Humor dahinter versteht. Dann merkt man, dass sich hinter dem offenen und herzlichen Wesen des Jungautors ein tiefgründiger Denker und genauer Beobachter verbirgt.
"Es sind so viel Kleinigkeiten, zum Beispiel, das bei meiner Oma, sie hat einen Raum, eine ganz kleine Kammer ist das. Die heißt Speis, das resultiert wahrscheinlich aus der Speisekammer, da wird das Möglichste und Unmöglichste seit Jahrzehnten gelagert, und diesen Raum habe ich jetzt wieder entdeckt, und der hat seit Jahren einen bestimmten Geruch. Wenn diese Tür aufgeht ist es wie feuchter Mais ein bisschen so leicht säuerlich, Brot und Holz, altes Holz, ich bin dagestanden und habe das so ganz tief eingeatmet und nach Worten gesucht.
Das sind so Augenblicke, da brauche ich auch kein Gespräch, keinen Notizblock, das ist eine Betrachtung, ein Sinneseindruck, der auch berührt, weil ich dachte, wie hab ich damals diesen Geruch geliebt, und darüber schreibe ich dann, wird irgendwo eingearbeitet, auch wenn es nur zwei Nebensätze sind. Das ist ganz wichtig."
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