Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
17.09.2007

Wir kochen uns ein Erscheinungsbild

Der Grafikdesigner Sven Voelker

Von Tobias Wenzel

Sven Voelker ist freier Grafikdesigner und außerdem Professor für Design in Karlsruhe. Obwohl er nur ein Ein-Mann-Kellerbüro unterhält, erhielt er vor kurzem den Auftrag seines Lebens. Er entwickelte das Corporate Design für einen Weltkonzern. Er lieferte nur die Zutaten, betont Voelker, aus dem das Unternehmen nun "seine Suppe" kochen kann.

Sven Voelker: "Design ist etwas, was ich mache, um massenhaft Menschen zu erreichen, wo wir ein unglaubliches Publikum haben, viel mehr als in jedem Theater, viel mehr als in jedem Museum, Millionen Menschen vor irgendwelchen Monitoren und Millionen Menschen, die irgendwelche Zeitungen durchblättern - Warum kann das nicht einfach intelligenter und besser sein?!"

Der Berliner Grafikdesigner Sven Voelker wollte immer selbst ein Millionenpublikum erreichen. Und das gelang ihm, mit dem Auftrag seines Lebens:
"Dieses Olivgrün, das ist eigentlich die Mischung aus einem Straßengrau, einem Waldgrün und einem dreckschlammigen Braun."

Diese Farbe beschäftigt Sven Voelker seit einem Jahr, als Bestandteil seines ganz besonderen Kochbuchs:

"Die eine Suppe ist eben ein bisschen mehr eine Kartoffelsuppe, die andere ein bisschen mehr eine Möhrensuppe. Aber am Ende ist es immer vom Geschmack her Suzuki."

Suzuki - dieser Name hat Sven Voelkers Leben verändert. Vor zwei Jahren fragte der Grafikdesigner ganz frech beim japanischen Automobilkonzern an, ob er das Corporate Design der Firma entwerfen dürfe, was eigentlich sonst nur eine große Agentur mit zahlreichen Mitarbeitern macht. Das Erstaunliche: Mit damals 30 Jahren bekam Sven Voelker den Auftrag: er, der selbstständige Designer mit kurzen roten Haaren, der einen Keller in Berlin-Mitte zu seinem Ein-Mann-Büro machte.

"Hier ist noch der Wickeltisch von unserem Kleinen und hier die Nähmaschine, wo wir gerade noch die Krabbeldecke genäht haben. Wir vereinen das jetzt gerade. Und inzwischen ( ... ) wird auch immer mehr dieses Büros übernommen von unserem Sohn. [LACHT]. Der hat da, glaub ich, schon ziemlich viel Einfluss drauf."

Dieses schlichte Büro entspricht so ganz und gar nicht dem Bild, das man von Designagenturen hat. In diesem Kellerraum findet man nur einfache Schreibtische und haufenweise Papier:

"Im Fernsehen sieht man ja immer Agenturen und denkt, die Designer sitzen den ganzen Tag nur da und trinken Milchcafé oder Latte Macchiato. Das machen wir hier definitiv nicht: Wir arbeiten hier richtig hart."

Für das Corporate Design des japanischen Automobilkonzerns. Das Corporate Design ist für die Wiedererkennung einer Firma entscheidend. Da muss alles stimmen, zum Beispiel bei Coca Cola der handgeschriebene Schriftzug, die Farben Weiß und Rot. Eigentlich wird beim Corporate Design alles definiert. Doch Sven Voelker machte aus der Not eines Ein-Mann-Betriebs eine Tugend und ging einen anderen Weg:

"Es ist wirklich wie Suppe kochen. Also der Witz dabei ist wirklich zu sagen: Wir definieren nicht, wie euer Briefbogen aussieht, was viele Agenturen machen, die Corporate Design betreiben. Wir sagen einfach: Das sind die fünf Zutaten, Farbe, Schrift, die Rastersysteme, Bildstil und das Logo. Und diese fünf Elemente ergeben, egal wie man's eigentlich macht, immer etwas, was nach Suzuki aussieht."

Wenn Sven Voelker "wir" sagt, dann meint er vor allem seinen Bruder, der ihm in den stressigsten Phasen half.

Jetzt ist das Kochbuch ohne essbare Zutaten fertig. Und die Design-Mitarbeiter Suzuki in aller Welt kochen nach diesen Zutaten ihr eigenes Süppchen. Seitdem läuft einfach alles rund in Sven Voelkers Leben: Gerade erhielt er für ein Handschuhfach-Buch den IF Award in Gold, eine Art Design-Oscar. Schon als Kind war Sven Voelker in Autos vernarrt, weniger in die Technik als in ihre Form. So auch, als seine Eltern mit ihm in der Schweiz Urlaub machten:

"In Gstad, in der nächsten Stadt, saß ich dann an der Straßenecke, wo es dann zum Palasthotel hochging. Und dort habe ich mir dann die teuren Autos angeschaut. Für mich waren tolle, teure, schnelle Autos ein absolutes Faszinosum. Ich habe immer noch zu Hause massenhaft Schwarz-Weiß-Filme belichtet mit diesen Autos, die ich an diesen Straßenecken fotografieren konnte."

Eigentlich wollte Sven Voelker, geboren 1974 in Coesfeld, Künstler werden. Er spielte Schlagzeug in sieben Bands gleichzeitig, von der Punk- bis zur Big Band. Aber bald schon hatte er einen anderen Traum als den des Musikers:

"Als ich angefangen habe zu studieren, wollte ich eigentlich Fotograf werden. Dann habe ich aber gesehen, dass die anderen riesige Taschen dabei hatten mit riesigen Kameras. Und ich hatte nur so eine kleine Minolta. Das habe ich dann nicht gemacht. Dann war ich bei der Illustrationsklasse. Und die waren unheimlich gut beim Illustrieren. Und dann habe ich festgestellt, was eigentlich am einfachsten ist, ist Schriften hin- und herschieben."

Am einfachsten und am faszinierendsten. Diese Faszination will er an seine Studenten weitergeben. Seit vier Jahren ist er nämlich Professor für Design in Karlsruhe. Wer ein guter Grafikdesigner ist, dem stehen alle Wege offen, erzählt er seinen Studenten. Den Auftrag seines Lebens hat Sven Voelker aber nur bekommen, weil Suzuki noch ein Familienunternehmen ist, das gewisse Entscheidungen unbürokratisch fällt. In anderen Weltkonzernen wäre Sven Voelker an den dortigen Hierarchien gescheitert.

"Dieses Risiko will keiner eingehen, da mit einem Einmann-Büro in einem Möbelgeschäft gearbeitet zu haben. Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Großunternehmen diesen Mut haben."


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 00:05 Uhr
Lange Nacht
Nächste Sendung: 03:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Profil

Profil: Matthiejs Wouter Knol - Chef des Talentcampus der Berlinale

Sendezeit: 09.02.2012, 10:53

Profil: Jens Thomas, Jazzpianist und Theatermusiker

Sendezeit: 08.02.2012, 10:53

Profil: Heide und Christian Schwochow, Drehbuchautoren

Sendezeit: 07.02.2012, 10:53

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link