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05.06.2008
"Brausende Bulgen" (Bild: Deutschlandradio / Bettina Straub) "Brausende Bulgen" (Bild: Deutschlandradio / Bettina Straub)

Beeindruckende Wucht der Worte

Hendrick Jackson: Vom Geheimtipp zum Star der Literaturszene

von Martina Nix

Der Lyriker Hendrik Jackson erhält den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis 2008 für sein lyrisches und übersetzerisches Werk. Insbesondere den Prosaband "Brausende Bulgen" hebt die Jury hervor. Mit beeindruckender Wucht übertrage Jackson darin den Aufstand Thomas Müntzers' "... eine Literatur, die keine feiertägliche Formalie ist". Jacksons Gedichte wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt.

Hendrik Jackson geht schwungvoll auf die kleine Lesebühne des Berliner "Kaffee Burger". Der große, schlanke Lyriker stellt seine Umhängetasche auf einen Stuhl und sein Bierglas auf einen kleinen Tisch. Eingehüllt in rotes Bühnen-Licht leuchtet seine dunkle Bundjacke jetzt olivgrün. Auf dem Kopf trägt er eine Che Guevara Mütze.

Und auch, wenn dem 36-Jährigen im privaten Rahmen das Sprechen eher schwer fällt, strahlt er hier am Standmikrofon eine angenehme Gelassenheit aus.

Die Lesung des kleinen Kookbooks-Verlages, die seinen Lyrikband "Dunkelströme" herausgebracht hat, ist nicht besonders gut besucht. Bei seiner ersten Buchpremiere 2001 herrschte dagegen ein großer Andrang. 90 Literaturbegeisterte wollten den damaligen Neuling lesen hören und kauften allein an diesem Abend 40 Bücher.

"Da war auch ganz verrückt was los, damals in Berlin. Das ist heute unvorstellbar, ich weiß auch nicht, was in den letzten Jahren passiert ist. Es war damals in Berlin 'ne ganz besondere Zeit, die Leute waren extrem interessiert."

Diese Art Aufbruchstimmung, die nach der Wende in Berlin herrscht, bekommt Hendrik Jackson ziemlich zeitig mit. 1991 zieht der Sohn einer Lehrerin und eines Juristen von Düsseldorf nach Berlin, um hier Philosophie und Slawistik zu studieren. Hier entdeckt er die Lyrik, lernt Gleichgesinnte kennen und beginnt mit Anfang 20, Gedichte zu schreiben.

"Was wirklich wichtig ist und oft vergessen wird, dass Lyrik ganz stark aus anderer Lyrik hervorgeht. Man beschäftigt sich mit alter Lyrik oder mit zeitgenössischer, die zeitgenössische Auseinandersetzung spielt auch eine große Rolle. Die Dichter, die fernab von allen geniale Sachen dichten, gibt's eigentlich sehr selten."

Neben der russischen Lyrik, hat ihn vor allem die Philosophie beeinflusst. Schon als Jugendlicher liest er philosophische Bücher, auch wenn er die, wie er zugibt, damals nicht ganz verstand. Trotz philosophischer Auseinandersetzung mit der Sprache, lehnt er die Lyrik als reines Sprachspiel wie zum Beispiel im Dadaismus ab. Die Lyrik muss für ihn immer einen Bezug zur Wirklichkeit haben, gleichzeitig aber über das bloße Beschreiben von Erfahrungen und Erlebnissen hinausgehen.

Nach dem Kino Schwärze und Regen, oder ein Saal in dem man zurückblieb, noch einige Zeit in ruhiger Aufmerksamkeit, das Rad des Uhrwerks sichtbar, nach Mitternacht, Windstöße, die kurze Müdigkeiten vertreiben, schließlich schüttete einer von uns das Jahrhundert aus über den Tisch wie einen flüchtigen Witz, in einer Lache sammelten sich Übergänge, nicht zu erzählender unablässiger Regen prasselte draußen.

" Das sind unsichtbare Faktoren, denen ich versuche Raum zu geben in den Gedichten. Deswegen werden meine Gedichte oft als schwierig empfunden. Die sind nicht schwierig, versuche von Dingen zu reden oder vorbeizureden, die man eben nicht sieht. Deshalb sind sie ein bisschen ungreifbar. Es gibt ne abstrakte absichtliche Unschärfe, weil es eigentlich um die Dinge dahinter geht, um die Atmosphäre."

Auch in seinem lyrischen Prosaband "Brausende Bulgen" geht es ihm um die Dinge, die unter der Oberfläche liegen. So wollte er nicht einfach nur die mittelalterliche Sprache von Thomas Münzer in die heutige Zeit transportieren, sondern den kämpferischen Impetus des revolutionären Bauernführers mit aufnehmen. Bisher hat Hendrik Jackson vier Bände herausgebracht, für die er mehrere Preise und Stipendien erhielt. Aber auch seine Übersetzung von Marina Zwetajewa, eine der bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, wurde er gelobt.

"Ich mache das nicht, um an einer Karriere zu basteln. Das ist in der Lyrik auch zu absurd. So ein Preis wie jetzt der ist wirklich 'ne große Ausnahme und so schön er ist, wirklich leben kann man davon nur im äußersten Fall. Es geht eher darum, was auf die Beine zu stellen, ist natürlich gut, wenn man von außen Unterstützung findet, durch einen Verlag, durch einen Preis, sonst geht man irgendwann ganz unter. Im Grunde kann man viel alleine auf die Beine stellen und das sollte man auch machen."

So gründete er 1996 die Theater- und Aktionsgruppe "Lemma" oder veranstaltete die Berliner Lyrikspartakiade. Und als beispielsweise 2004 niemand seinen polemischen Artikel zum Literaturbetrieb drucken wollte, stellte er die Webseite www.lyrikkritik.de ins Netz und veröffentlichte seinen Artikel einfach dort. Inzwischen finden sich auf seiner Webseite auch Essays und Kritiken anderer Autoren, da der umtriebige Vollblutlyriker den literarischen Austausch pflegt. Denn, wenn es um die Literatur geht, ist der Vater eines vierjährigen Sohnes auf eine sympathische Art und Weise unerbittlich.

"Wenn man sich für sich interessiert, müsste man sich auch für Literatur und Lyrik interessieren. Wer sich nicht dafür interessiert, hat auch kein gewisses Interesse an sich."

Service:
Am 17. Juni liest der Lyriker zusammen mit anderen Autoren des kookbooks-Verlags um 20.00 Uhr in der Kulturbrauerei in Berlin. Weitere Infos unter www.lyrikkritik.de oder www.kookbooks.de


 
 

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