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15.06.2013
Blick über Barcelona, im Hintergrund die Gaudi-Kathedrale "La Sagrada Familia" (Bild: AP Archiv) Blick über Barcelona, im Hintergrund die Gaudi-Kathedrale "La Sagrada Familia" (Bild: AP Archiv)

Katastrophen in Katalonien

Wie ein deutscher Pfarrer in Barcelona die neue Armut erlebt

Von Blanka Weber

In einer Suppenküche trifft er Leute im Anzug und Mütter mit Kindern. "Die Krise ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Jeremias Treu, evangelischer Pfarrer in der deutschen Gemeinde in Barcelona.

Gottesdienst am Sonntagvormittag. Der kleine, schlichte Kirchraum ist gut gefüllt. Knapp 60 Personen sind es an diesem Tag. Meist Deutsche, die vor Jahrzehnten aus beruflichen Gründen hierher kamen und blieben.

Jeremias Treu hält die Predigt. Vor sechs Jahren übernahm er hier die Pfarrstelle:

"Das ist ein langer Weg gewesen, mit Bewerbung und ein langes Wahlverfahren mit der EKD, bis dann schlussendlich wir gewählt wurden von der Gemeinde selbst. Ja, und dann Sprachkurs und dann ab nach Barcelona in diese wunderschöne pulsierende Stadt."

Er lächelt und blickt aus seinem Bürofenster im Gemeindehaus. Draußen blühen Alpenveilchen, die Dattelpalmen wippen im Frühlingswind. Aus dem Park gegenüber tönen wilde Papageien und Fußball spielende Kinder.

Eigentlich ein schöner Ort, einer, den man nicht verlassen möchte. Trotz Krise - sagt der Theologe:

"Man hört immer mehr von verzweifelten Menschen, die nicht mehr ein und aus wissen, weil sie rausfliegen, also aus der Wohnung fliegen. Ich hab' neulich in der Zeitung gelesen, dass in Barcelona jeden Tag fünf Leute aus ihrer Wohnung rausgeschmissen werden, weil sie es nicht mehr bezahlen können. Was passiert mit den Menschen dann? Wo gehen die hin? Das sind alles Schicksale."

Er erzählt von jungen Erwachsenen, die mit 35 Jahren wieder zurückziehen zu den Eltern, von 50-Jährigen, die den Job verloren haben und von Armen, die es vor Jahren noch gar nicht gab in seinem Umfeld:

"Wenn ich hier ganz in der Nähe in einer katholischen Gemeinde in eine Suppenküche gehe und Leute sehe im Anzug, Mütter mit Kindern, die nicht so aussehen, wie man das früher gewohnt war. Menschen, die betteln. Mein Eindruck ist, dass die Krise in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist."

Nur wenige Metro-Stationen entfernt spielt eine Straßenband ihr Lied vom verlorenen Glauben an die Banken.

Die Sonne scheint, und die Musik macht - trotz des Textes - gute Laune. Am Schluss erklären die Musiker, dass sie nicht zu Hause sitzen wollen, nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern etwas tun möchten. Sie bitten um kleine Spenden für ihr Open-air-Konzert und bieten ihre neue CD so charmant an, dass kaum ein Zuhörer weiterläuft.

In der Deutschen Evangelischen Gemeinde schreibt Ruth, die Küsterin, gerade die Besucherzahl des letzten Gottesdienstes in ihre Liste. Knapp 600 Mitglieder gehören zu ihrer Gemeinde bei - geschätzt - 20.000 Deutschen in der Stadt Barcelona. Seit elf Jahren arbeitet die gebürtige Schweizerin für die Kirchgemeinde. Zurück möchte sie nicht:

"Aber hier, das möchte ich nicht missen."

Die 76-Jährige ist die gute Seele im Haus, kennt die Jüngsten und die Ältesten:

"Hier sind viele, sehr alte Leute. Jetzt seh' ich den gerade nicht, der eine Herr, der wird jetzt 97."

Julio - ein kleiner, gebückt gehender Mann mit Stock, steht an der Ecke mit anderen und redet.

Die Gemeinde von Pfarrer Jeremias Treu ist wie eine Familie, man kennt sich meist seit Jahrzehnten, spricht deutsch und spanisch, so wie Frauke Schreck, knapp über 70. Durch den Beruf ihres Mannes kam sie vor 40 Jahren hierher:

"Man hat den größten Teil seines Lebens hier verbracht und ist verbunden mit dem Land und fühlt auch mit den Spaniern. Man weiß zwar, dass sie viel Mist gebaut haben, aber irgendwie ist da auch eine Verbundenheit."

Ob man als Deutsche mittlerweile schief angeschaut wird? Nein, sagt Frauke Schreck, ganz bestimmt nicht, auch wenn es durch die Demonstrationen oder Euro-kritischen Äußerungen so scheinen mag:

"Ich denke, dass gerade hier in Katalunien die Deutschen sehr angesehen sind. Es sind noch nie so viele Jugendliche gewesen wie im Moment, die sich bemühen, Deutsch zu lernen. Das Goethe-Institut wird überflutet mit Leuten, die dort gerne was machen möchten."

Frauke Schreck hat sich jahrelang im Vorstand der Gemeinde engagiert so wie Matthias Weilmann, der einst aus Heidelberg nach Barcelona kam. Er ist Musiker, spielt Cello im Opernhaus der Stadt.

"In meinem Fall ist es auch so, dass ich sehr gerne hier bin und sehr gerne bleiben möchte und hier weiter arbeiten möchte, aber das weiß man eben nicht, ob es dann auch der Fall sein wird, immer."

Wenn alles schief gehen sollte, sagt er, und zieht die Stirn in Falten, gibt es Plan B: Zurück nach Deutschland. So wie ihm geht es vielen in der Gemeinde.

Auch Jeremias Treu ist nachdenklich geworden beim diesem Thema:

"Man hat schon manchmal den Eindruck, dass die Kritiker des europäischen Gedankens jetzt in die Hände schlagen und sagen: Guckt mal, das haben wir schon die ganze Zeit gesagt. Das ganze System ist auf Sand gebaut. Aber - ich glaube das nicht. Ich glaube, dass wir, wenn wir Europa sehen und auch die Geschichte des europäischen Gedankens, der ja wirklich älter ist älter als 20 Jahre, dass wir in einer Phase sind, die durchaus krisenhaft bezeichnet werden kann. Und diese Krise, dass solche Krisen Erfahrungsräume eröffnen und solche Erfahrungsräume sind nötig, um Dinge eben neu zu sehen und neu zu bewerten."

Draußen im Innenhof der Gemeinde werden Kaffe und Kuchen verteilt. Man trifft sich hier immer nach den Gottesdiensten, tauscht sich aus, redet miteinander.

"Keiner weiß so richtig, wie weit man noch fällt, was kommt noch, welche Branche bricht noch ein. Man hat auch eigentlich keine Idee, was das Land, eigentlich Europa, richtig retten kann. Aber, das Image des vereinten Europas, das jahrzehntelang hoch gelobt wurde, hat stark gelitten."

Er wird im Sommer seine Koffer packen. Die nächste Station des Theologen ist eine Gemeinde in der Schweiz. Er geht, weil seine Frau in Barcelona sechs Jahre lang - seit der Krise - keinen Job fand und er nun - ihr zu Liebe - mitreisen wird, dorthin, wo sie Arbeit gefunden hat.

In Barcelona übernimmt dann der nächste evangelische Pfarrer aus Deutschland diese Stelle. Einer, der sich offen zu seiner homosexuellen Lebenspartnerschaft bekennt und gemeinsam mit seinem Partner in das sonnige, katholische Spanien ziehen wird.


 
 

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Katastrophen in Katalonien.

Sendezeit: 15.06.2013 16:50

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