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27.10.2007
Bischof Wolfgang Huber (Bild: DRadio) Bischof Wolfgang Huber (Bild: DRadio)

"Ich bin ein Verantwortungspazifist"

Bischof Wolfgang Huber über Krieg und Gewalt

Moderation: Herbert A. Gornik

Für den Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber, können militärische Einsätze wie beispielsweise in Afghanistan nur die Bedeutung eines "letztens Notbehelfs" haben. "Wer den Frieden will, muss auch den Frieden vorbereiten", betonte Huber.

Herbert A. Gornik: "Position beziehen" heißt das neue Buch mit dem Untertitel "Das Ende der Beliebigkeit". Das Buch erscheint im Johannis-Verlag. Autor ist der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Dr. Wolfgang Huber. Und er ist zugleich Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, jetzt in "Religionen" zu hören. "Ich nehme Themen auf", schreiben Sie im Vorwort. "Ich nehme Themen auf, die viele Menschen Woche für Woche für Woche bewegen." Ihr Buch ist ein Vademekum zur christlichen Urteilsbildung. Was ist denn der eigentlich der Königsweg für ethische Urteilsbildung?

Dr. Wolfgang Huber: Für mich selber ist der Königsweg, alle Fragen daran zu prüfen, wie ich aus Gottvertrauen und mit Liebe zum Nächsten mit diesen Fragen umgehen kann. Und meine Beobachtung ist, dass dies in vielen Hinsichten eine realistischere Perspektive ist als manche anderen Perspektiven, mit denen ich zu tun bekomme. Wenn ich mal unter "realistisch" verstehe "wirklichkeitsnah" und "den Menschen zugewandt".

Gornik: Der große Kirchenmann Martin Niemöller hatte für sich ein Kriterium gefunden, das hieß, was würde der Herr Jesus heute dazu sagen. Wie wirkt das auf Sie?

Huber: Ja, ich habe das auch sehr gerne aufgenommen. Ich habe bloß jetzt erst mal inhaltliche Perspektiven dazu in den Vordergrund gerückt. Was ich damit meine, wenn ich die Frage stelle, was würde Jesus dazu sagen. Es ist ja anrührend, sich daran zu erinnern, wie Martin Niemöller auf diese Frage gekommen ist. Als Kind aus einer kinderreichen Familie war ihm die Aufgabe zugedacht, die Schuhe der Familie in Lippstadt zum Schuster zu bringen, wo die Familie zu Hause war. Und da sah er plötzlich in der Werkstatt des Schusters an der Wand in Holz geschnitzt diese Frage hängen: Was würde Jesus dazu sagen? Da hatte also ein Schuster sein tägliches Wirken auch mit der Eintönigkeit, die dazugehört, unter diese Frage gerückt. Offenbar hat Martin Niemöller das nicht vergessen, weder in seiner Zeit als U-Boot-Kommandant noch als Pfarrer, und hat später an diese Frage angeknüpft und sie zur Leitfrage seines eigenen Wirkens gemacht. Ich gebe zu, dass beeindruckt mich, obwohl man mit der Frage nicht zu kurzschlüssig umgehen sollte. Man findet nicht einfach bei Jesus die Rezepte dafür, wie wir mit unseren eigenen Lebenssituationen umgehen. Aber es hilft uns sehr, wenn wir sie in die Perspektive Jesu, des Bergpredigers, des Menschen rücken, der anderen zu Hilfe gekommen ist.

Gornik: Was ist Ihre holzgeschnitzte Antwort, jetzt mit Pastelltönen versehen, auf die Frage: Was ist evangelisch heute?

Huber: Evangelisch ist der aufrechte Gang aus christlichem Glauben. Evangelisch ist die Dankbarkeit für Gottes gute Gaben, die in die Freiheit führt. Evangelisch ist die Möglichkeit, aus der Vergebung Gottes heraus jeden Tag neu anzufangen.

Gornik: Der Evangelischen Kirche wird ja oft so ein Toyota-Effekt im Negativen vorgeworfen, nichts ist unmöglich. Die Kirche scheint profillos und unscharf und alles und jedes für möglich zu halten. Haben die Protestanten da etwas falsch gemacht?

Huber: Also ich halte das inzwischen für ein Klischee, das wiederholt wird. Ich glaube, unsere Kirche hat ein klares Profil und von diesem Profil ausgehend dann eine Vielfalt der Lebensformen. Sie ist nicht eine Kirche mit einer Figur an der Spitze. Und das wird ja oft dann schon für Profil gehalten. Denn sie hält zu dem einem Herrn Jesus Christus und hat deswegen davon Abstand genommen, einen einzigen Stellvertreter auf Erden herauszuheben. Es ist eine Kirche, in der Frauen und Männer die gleiche Stimme haben, Gott sei Dank inzwischen auch im geistlichen Amt, auch im Leitungsamt der Kirche, auch im Bischofsamt, und die deswegen im Miteinander von Frauen und Männern ihr Profil entwickelt. Das alles hat aber für mich mit Profillosigkeit nichts zu tun. Und wenn ich zurückdenke an die letzten Jahre, dann ist uns gelegentlich vorgehalten worden, dass wir zu pointiert, zu klar profiliert geredet haben. Eher als dass gesagt worden ist, diese Kirche hat gar kein Profil.

Gornik: Sie nennen die Profillosigkeit ein Klischee. Aber im positiven Sinne bedienen Sie dieses Klischee, indem Sie sagen, "Position beziehen", das ist der Titel Ihres Buches, und der Untertitel heißt "Das Ende der Beliebigkeit". Sie müssen ja auch den Eindruck gehabt haben, wir müssen wieder konturierter reden. Ist das richtig?

Huber: Ja, aber das ist keine innerkirchliche Botschaft, sondern das ist eine Botschaft an die Gesellschaft insgesamt. Wir sind durch eine Phase hindurchgegangen, in der gesagt wurde, Wahrheitsansprüche gelten gar nichts mehr. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Wir müssen tolerant sein, und das heißt, alles im gleichen Maß gelten lassen. Und jetzt sehen wir ein, das ist überhaupt keine Toleranz, und es hilft auch nicht dazu, festen Boden unter die eigenen Füße zu bekommen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Man muss sich um Klarheit darum bemühen, wo man eigentlich selber steht. Dann kann man auch die Position des anderen achten und dort, wo die Dinge wirklich unvereinbar sind, in einen fruchtbaren Streit eintreten. Deswegen bin ich davon überzeugt, gerade eine Gesellschaft, in der es unterschiedliche Positionen, unterschiedliche religiöse Haltungen, unterschiedliche Weltanschauungen und Überzeugungen gibt, gerade in einer solchen Gesellschaft braucht man klare Positionen, eindeutige Grundhaltungen und Menschen, die auch bereit sind, dazu zu stehen.

Gornik: Lassen Sie uns einige Themen aus Ihrem Buch durchgehen. Wie tolerant müssen Christen gegenüber anderen, wenn auch vielleicht schrägen weltanschaulichen Gruppierungen sein wie zum Beispiel gegenüber Scientology?

Huber: Der Ausgangspunkt heißt: Jeder Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen und hat deswegen eine Würde, die zu respektieren für uns alle oberstes Gebot ist. Das gilt auch für Menschen, ganz unabhängig davon, welche Weltanschauung sie vertreten. Aber hinsichtlich dieser Weltanschauung selber ist Klarheit angesagt. Und wenn ein kommerzielles Unternehmen, das die Sinnsuche der Menschen nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausnutzt und unter der Vorgabe der Hausaufgabenhilfe in Wahrheit Menschen vereinnahmen will, wenn sie das zusätzlich auch noch unter dem Namen von Kirche und von Wissenschaft tut, dann ist Klarheit angezeigt und nicht ein windelweiches Ausweichen.

Gornik: Nehmen wir ein anderes Beispiel. Frohe Weihnachten zu wünschen, das kommt vielen nicht recht über die Lippen. Man flüchtet sich in Formulierungen, wie "Schönes Fest" oder "Schöne Feiertage". Was wünschen Sie?

Huber: Ich wünsche nicht nur frohe Weihnachten, ich wünsche sogar gesegnete Weihnachten, weil ich davon überzeugt bin, dass der klare Inhalt dessen, was ich anderen Menschen wünsche, entscheidend ist für die Glaubwürdigkeit meiner Wünsche. Ich hab mir übrigens die Frage vorgelegt, was Muslime eigentlich dazu sagen würden, wenn wir als Christen in diesem Land darauf verzichten würden, Weihnachten Weihnachten zu nennen. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, sie würden darüber nur lachen.

Gornik: Oft wird landauf, landab beklagt, die evangelischen Kirchen seien zu oft geschlossen. In manche käme man nur mit Eintritt rein, wie zum Beispiel in den Berliner Dom. Darf das sein, Eintritt für Gotteshäuser zu verlangen?

Huber: Mir wäre es auch lieber, das wäre nicht notwendig. Aber ich beuge mich dem Argument, dass der Unterhalt eines so großen Gotteshauses und der Aufwand, der notwendig ist, es die Woche über offen zu halten, Kosten verursacht, die auch irgendwie gedeckt werden müssen. Und ich habe festgestellt, dass nach anfänglichen Schwierigkeiten Menschen auch einsehen, dass sie einen Erhaltungsbeitrag für dieses Gotteshaus leisten müssen unter der Voraussetzung, dass sichergestellt ist, dass es dort zugleich einen Ort und einen Raum gibt, der für das Gebet vorgesehen ist und in dem man auch ohne zu zahlen reinkommt. Das ist im Berliner Dom sogar in einer ganz idealen Weise der Fall. Es ist auch richtig, dass es Teile des Berliner Doms gibt, bei denen niemand in Zweifel ziehen würde, dass man da auch Eintritt bezahlen muss. Die sagenumwobenen Sarkophage, der Särge sage ich lieber, der Hohenzollern sind ein Beispiel dafür. Ich hab dann mir auch angeschaut, dass es in anderen Ländern Kirchen gibt, bei denen das ganz ähnlich gemacht wird. Saint Paul's in London ist mir ein besonders wichtiges Beispiel dabei. Es ist ein Kompromiss, wenn man so sagen will. Und es muss dabei bleiben, dass in der Regel evangelische Kirchen unentgeltlich besucht werden, ganz besonders natürlich auch zum Gottesdienst, und dass sie möglichst lange geöffnet sind. Mehr als bisher. Und ich bin froh darüber, dass sich das rumspricht. Es hat sich sehr viel verändert in dieser Hinsicht.

Gornik: Sie beantworten, Herr Bischof, ganz konkrete Fragen in diesem Buch "Position beziehen", zum Beispiel zu Ostern. Das ist beste theologische Nachhilfe für Nichttheologen, wie ich das empfinde. Viele Menschen bewegen aber in diesem Land auch ganz handfeste politisch-ethische Fragen, und auch dafür wollen sie die Urteilsbildung schärfen. Millionen Menschen suchen Asyl, verfolgt von Hunger und Gewalt. Zu uns kommt aber fast gar keiner mehr rein. Müssen wir uns schämen, wenn wir die Grenzen verriegeln?

Huber: Das ist eines der politischen Themen, die mich über Jahrzehnte, muss ich jetzt wirklich sagen, besonders intensiv beschäftigt haben. Und mein Wunsch nicht nur, sondern auch meine politische Forderung ist, dass wir wieder in höherem Maß Menschen in Not beistehen und zwar nicht nur dort, wo diese Not entsteht, sondern auch, wenn sie vor dieser Not Zuflucht suchen und zu uns kommen. Das Argument, dass das nicht unbegrenzt geschehen kann, ist richtig. Aber daraus darf man keine Folgerung ziehen, die praktisch auf das Abschließen der Grenzen hinausläuft.

Gornik: Angesichts des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr stellen sich viele Christen wieder die Frage ganz neu und doch immer wieder in Wellenbewegungen in den letzten 50 Jahren in der Bundesrepublik diskutiert: Können Christen überhaupt Soldaten sein, oder ist nicht doch der Friedensdienst mit der Waffe ein deutlicheres Zeichen?

Huber: Dass der Friedensdienst ohne Waffen das deutlichere Zeichen ist, ist ganz gewiss richtig. Nur ist daraus automatisch zu folgern, dass Christen nur das deutlichere Zeichen geben können und sich dem undeutlicherem in jedem Fall weigern müssen? Denn auch wenn der Friedensdienst ohne Waffen das deutlichere Zeichen ist, auch wenn wir alle dafür eintreten, dass gewaltfreie Wege der Konfliktbeilegung den Vorrang haben, können wir nicht davon absehen, dass wir in einer Welt leben, in der Gewalt Realität ist. Und dann genügt es nicht zu sagen, dass ich an dieser Realität keinen Anteil habe, sondern dann muss ich mich fragen, was ich dazu beitrage, dass diese Realität beendet, begrenzt, dass Menschen davon befreit werden, unter ihr zu leiden und ihr Leben zu lassen. Das ist die entscheidende Frage. Und da kommen wir immer wieder auf das Problem der äußersten Möglichkeit, der Ultima Ratio, des letzten Notbehelfs zurück, der in bestimmten Situationen vielleicht unausweichbar erscheint. Das ist die Frage, die sich bei militärischer Gewalt stellt. Ich persönlich bekenne mich dazu, ein Verantwortungspazifist zu sein. Ich will den Frieden, nicht den Krieg. Ich bin davon überzeugt, dass man sagen muss: Wer den Frieden will, muss auch den Frieden vorbereiten. Aber Verantwortungspazifist heißt, dass ich mich nicht zu sehr dafür interessiere, ob ich selber unschuldig durchs Leben gehe, das tue ich sowieso nicht, sondern ob andere Menschen die Chance zum Leben haben, behalten oder wiedergewinnen. Und diese Frage führt dann dazu, dass in bestimmten Situationen der Gewaltanwendung kein letztes Nein entgegengesetzt werden kann. Aber wir reden neu über die Kriterien. Und wenn man die ernst nimmt und eng definiert, müssen wir zugeben, auch in unserer Zeit wird viel Gewalt eingesetzt, auch unter Beteiligung der Bundeswehr, die diesen Kriterien leider nicht genügt.

Gornik: Die ethische Kriterienbildung, die ethische Urteilsbildung aus christlicher Verantwortung war unser Thema. "Position beziehen" heißt das neue Buch des Berliner Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Dr. Wolfgang Huber mit dem Untertitel "Das Ende der Beliebigkeit". Der Band erscheint im Johannis-Verlag. Herzlichen Dank, Herr Bischof!


 
 

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