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24.07.2005
Cora Stephan (Bild: Sven Paustian) Cora Stephan (Bild: Sven Paustian)

50 plus gewinnt

Der Blick nach vorn - Deutschlands Zukunft denken (2)

Von Cora Stephan

Die demographische Zukunft ist überschaubar und absehbar, und das schon seit Jahrzehnten: Dank zunehmender Lebenserwartung und zurückgehender Kinderzahl wird die Bevölkerung der Industrienationen im Schnitt immer älter. Das ist so und daran lässt sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Mit ungeheurer Beharrlichkeit aber redet man hierzulande - ebenfalls seit Jahrzehnten - an diesem factum brutum vorbei.

Man warnt vor einer vergreisenden Gesellschaft und ruft mit penetranter Regelmäßigkeit zu gesteigerter Gebärfreudigkeit auf. Doch selbst wenn ein Ruck durch die gebärfreudige Klasse ginge und die Geburtenrate in signifikanter Weise stiege, würde das auf absehbare Zeit nichts an den bestehenden Relationen ändern. Es wäre also an der Zeit, sich der Wirklichkeit auszusetzen - und siehe da: bis auf die Fähigkeit zur Mobilisierung von Massenarmeen fehlt einer älterwerdenden Gesellschaft eigentlich gar nicht viel.

Es gibt kaum etwas, das Menschen unter 30 den zwanzig bis dreißig Jahre Älteren voraushaben. Die über 50-Jährigen sind in ihrer Mehrzahl bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit, unverbraucht und lernfähig. Alles, was sich an Bildern erhalten hat von den eingeschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten von Älterwerdenden, hat sich als Vorurteil erwiesen. Wer keiner körperlich besonders schweren oder riskanten Arbeit nachgegangen ist, hat mit dem Alter nicht weniger, sondern mehr zu bieten als Junge: Die Älteren sind seltener krank, haben die schlimmsten Lebenskrisen wie Liebeskummer und Ehescheidung bereits hinter sich, die Kinder sind aus dem abbezahlten Haus und ihr Kopf ist frei für neue Dinge. Schöner noch: sie haben nicht nur Berufs-, sondern auch Lebenserfahrung und verfügen meistens über etwas, was eine Dienstleistungsgesellschaft weit dringender braucht als maulfaule 20-Jährige: Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, Geduld.

Doch eher trifft man diese strotzend energiegeladenen älteren Herrschaften auf dem Rennrad in den Bergen oder in den Lehrsälen der Universitäten, als in den Dienstleistungswüsten und Industriebrachen Deutschlands. Wir haben nichts Besseres zu tun hierzulande, als all die ungeheuren Investitionen zu verschwenden, die Menschen in Ausbildung und Erfahrung gesteckt haben und wundern uns, wenn dieses Land ergrauter wirkt als seine so genannten Senioren.

Insbesondere die Rentendebatte läuft völlig schief. Es gibt keinen Generationenkonflikt und es gibt keinen "Streit" zwischen Jung und Alt, sondern höchstens die politische Unfähigkeit, die Grundvoraussetzung des bundesdeutschen Rentensystems an eine veränderte Wirklichkeit anzupassen. Absurder noch: Während darüber gezetert wird, dass immer mehr "Junge" immer mehr "Alte" mit der Rente zu versorgen hätten, schickt man gut ausgebildete Menschen bereits mit Mitte 50 in den Vorruhestand. Dass sich angesichts langer Ausbildungszeiten damit die Zeit verkürzt, in der ein Erwerbstätiger in die Rentenkassen einzahlen kann, liegt auf der Hand. Die Problematik unseres Rentensystems liegt nicht in der Relation zwischen Jung und Alt, sondern in der Relation zwischen Erwerbstätigen und nicht mehr oder noch nicht Erwerbstätigen. Und es ist natürlich müßig, eine längere Lebensarbeitszeit zu fordern, wenn schon jetzt die weit überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer vor dem offiziellen Renteneintrittsalter aus dem Arbeitsleben ausscheidet.

Wir verschwenden unser wichtigstes Potential.

Ist diese verzerrte Wahrnehmung Ergebnis jenes Jugendwahns, dem auch grauhaarige Pferdeschwanzträger aus der Werbewirtschaft huldigen? Dort hat es unendlich lange gebracht, bis man erkannte, dass die Generation der über 50-Jährigen auch in anderer Hinsicht ein enormer wirtschaftlicher Faktor ist - durch ihre Masse und ihre Kaufkraft. Und die möchten knackige 60-Jährige nicht in Kukident und Treppenlifte investieren, der Bedarf danach hat noch 20 bis 30 Jahre Zeit. Die Werbewirtschaft, die jahrelang mit Jugend und Sex verkauft hat, weiß im Grunde immer noch nicht, wie sie um die wirbt, die auch noch anderes im Kopf haben.

Noch schwerer tut man sich übrigens mit den Frauen über 50. Das ist nicht allein das Problem von Hollywood, wo man nicht begreifen will, dass das Publikum auch ältere Frauen sind, die ihresgleichen auf der Leinwand sehen wollen. Vor bis nicht allzu langer Zeit waren Frauen über 40 das unsichtbare Geschlecht und erst heute erstreckt sich vor ihnen bis ins hohe Alter ein Meer der Möglichkeiten, das ihnen historisch zum ersten Mal in dieser Fülle zur Verfügung steht. Da liegt weit mehr power verborgen als bei jenen ewig jungen Bubis, die schon ab 40 ihre midlife crisis hätscheln.

Eine älter werdende Gesellschaft ist eine reifere, selbstbewusstere, vielleicht auch risikoärmere, aber sicherlich weniger gewalttätige und kriegerische Gesellschaft. Für Konflikte sorgen die Gesellschaften mit kräftigem Geburtenüberschuss, von dort droht Gefahr.

Wovor also fürchten wir uns? Die Zukunft ist jetzt.

Vielleicht sollten wir mal endlich anfangen, das Beste draus zu machen.

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".


 
 

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