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06.11.2005
Das Brandenburger Tor, im Hintergrund die Kuppel des  Reichstags (Bild: AP) Das Brandenburger Tor, im Hintergrund die Kuppel des Reichstags (Bild: AP)

Nette Aussichten

Von Rudolf Walther

Koalitionen unter demokratischen Parteien sind Zweckbündnisse auf Zeit und folgen als solche situationsbestimmten taktischen und strategischen Überlegungen. Koalitionen können bei Bedarf schnell aufgekündigt oder gar nicht erst eingegangen werden - je nach Interessenlage, Wahlaussichten oder Personalplanungen. Seltsamerweise sollen diese einfachen Spielregeln hierzulande nicht genügen, wenn es darum geht, Gründe für eine schwarz-grüne Koalition zu finden. Folgt man den Artikeln von Botho Strauß und Dietmar Dath, die jüngst im FAZ-Feuilleton erschienen sind, braucht eine schwarz-grüne Koalition höhere Weihen.

Dem Schriftsteller Botho Strauß geht es immer ums Ganze, darunter macht er es nicht. Für ihn sind die Grünen keine gewöhnliche Partei, sondern eine "metapolitische Partei", die über den Niederungen von politischen und sozialen Interessenkämpfen schwebt. Demnach sind die Grünen eine "Gaia-Partei", also eine feminine und heidnische Partei im Gefolge der griechischen Göttin der Erde und damit automatisch verbunden mit "den Elementen Licht, Wind, Gewässer". Eine solche Partei jenseits von profanen Interessen und Überzeugungen betriebe, wenn es nach Strauß ginge, "Elementarpolitik" und wäre einzig dem "Elementarismus" des Einfachen und Unvermeidlichen verpflichtet und zwar - so Strauß - in "neuer Entscheidungsstrenge".

Warum und wozu "neue Entscheidungsstrenge"? Die bündige Antwort des Popular-Ökologen und Freizeit-Apokalyptikers Strauß lautet: Der Zustand der Welt "kurz vorm Eintritt der Katastrophe" erfordert eine Rückkehr zu einem Menschentypus, den nur er kennt - zum "mythischen Menschen" nämlich, der "naturgemäß, naturhörig, naturergeben" lebt. "Das Leben", meint der Dichter, "kann auch als Dickicht sehr schön sein."

Dem Journalisten Dietmar Dath reichte die vage Aussicht auf ein zukünftiges "Leben als Dickicht" bzw. im Gestrüpp der Natur nicht aus. Er warf den Frankfurt-typischen Überbietungsgenerator an. Mit Martin Heidegger im Tornister - wie einst die Landser mit Hölderlin - stürmt er aufs Schlachtfeld. Hier stellt er den Feind, der auch Heideggers Feind war: die Technik, die Industrie, die Fabrikation, denn diese vernichten nicht nur die Existenz der Land- und Handarbeiter, sondern erzeugen Vermassung. Technik, Industrie und Fabrikation gegenüber gibt es nach Daht nur eine Alternative: "Ändern oder abschaffen". Da sich die Technik in ihrem Wesen nicht verändern lässt, bleibt nur deren Abschaffung und die Re-Agrarisierung der Gesellschaft.

Was heißt das? Die Menschen, die es vom Land in die Städte und Fabriken verschlagen hat, müssen "mit Gewalt zurück aufs Land" geschickt werden. Mit welchem Recht und in wessen Namen kann man Industriegesellschaften gewaltsam in Agrargesellschaften zurückverwandeln? Hier behilft sich Dath mit einem Zitat des Sozialisten Friedrich Engels, den er durch die rustikale Brille Heideggers liest. Engels hegte die optimistische Hoffnung, die forcierte Entwicklung der Industrie erzwinge durch ihre Eigendynamik und das Gesetz der großen Zahl der Proletarier von sich aus eine Demokratisierung der Gesellschaft und damit die Abschaffung von Privilegien und Ungleichheit. Das ist eine geschichtsphilosophische Spekulation - nicht mehr und nicht weniger.

Für Heidegger dagegen sind Privilegien und Ungleichheit - anders als für Engels - notwendige Dämme gegen das, was er Vermassung nannte. Nur soziale Wälle schützen angeblich die Kultur vor "Abdankung" und "Nivellierung". Deshalb plädieren Dath wie Heidegger für Privilegien, Eliten und "stabile Hierarchien", wobei den Philosophen die Aufgabe zufällt, den Massen - neben der Rückkehr aufs Land - auch "den Verzicht auf die Früchte der Industrialisierung als etwas moralisch Hochwertiges, als eine neue Frömmigkeit" zu verkaufen.

Und was ist, wenn die Massen den Einflüsterungen der verblendeten Eliten nicht folgen und von "neuer Frömmigkeit" partout nichts wissen wollen? Die Elite wird dann nicht umhin kommen, die Nichtprivilegierten mit Gewalt dorthin zu vertreiben, wo sie sie haben möchte, um ihre eigenen Privilegien aufrechterhalten zu können. Was Botho Strauß implizit und Dath mit Heidegger explizit fordert, ist die Einsargung rechts- und sozialstaatlicher Normen. Auf dem Altar der Ent-Industrialisierung sollen Freiheit und Gleichheit im Namen von finsteren Mythologemen wie "neuer Frömmigkeit", "neuer Entscheidungsstrenge" und ähnlichem Klimbim geopfert werden. Das sind nette Aussichten für die Debatte über eine schwarz-grüne Koalition.


Rudolf Walther lebt als Journalist in Frankfurt am Main und arbeitet für deutsche und schweizerische Zeitungen. Zusammen mit Werner Bartens und Martin Halter schrieb er das "Letzte Lexikon", das 2002 im Eichborn Verlag erschien.


 
 

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