Der Schriftsteller Arno Surminski hat sich in der Debatte um die Nominierung von Erika Steinbach in den Beirat der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" für einen freiwilligen Verzicht der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen auf diesen Posten ausgesprochen.
Frank Meyer: Der Schriftsteller Arno Surminski ist jetzt für uns am Telefon. Seine viel gelesenen Bücher, die erzählen häufig von der Landschaft, aus der er selbst als Kind vertrieben wurde, von Ostpreußen. Herr Surminski, Sie sagen, Frau Steinbach hat in dem Stiftungsrat nichts verloren. Warum denn nicht?
Arno Surminski: Ja, weil ich finde, dass die Sache so belastet ist, dass es einfach schade ist, wenn diese gute Idee nun mit dieser Personalie so weit da nun hinausgezögert und belastet wird. Also um des lieben Friedens willen müsste sie darauf verzichten. Das ist meine Meinung. Und sie müsste auch einen weiteren Schritt gehen, sie müsste mal nach Polen fahren zu Gesprächen, um diese Irritation, die also ihre Person und die Sache betreffen, auszuräumen. Das …
Meyer: Frau Steinbach hat nun aber jahrelang für diesen Ort gekämpft, an dem an die Vertreibung erinnert wird. Die "Frankfurter Allgemeine" schreibt heute, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", es wäre ein Skandal, wenn sie kein Mitspracherecht in dieser Institution bekommen würde, die es ohne sie gar nicht geben würde.
Surminski: Ja, das mag ja richtig sein, aber um der Sache willen und eines guten Verhältnisses zu Polen muss sie eigentlich darauf verzichten, muss sie sagen um des lieben Friedens willen, ich trete zurück, lass andere das machen. Die Institution bleibt ja. Also ich bin ja selbst aus den Ostgebieten und ich habe alles dort mitgemacht. Ich war von Anfang an skeptisch, was dieses Projekt anbetrifft, weil ich … Ich hab so viel Schrecken dort erlebt, ich hab die Flucht erlebt, ich hab die Vertreibung erlebt, ich hab die Massenvergewaltigungen erlebt, ich hab die Deportationen erlebt im Osten und war ein wenig irritiert, als ich hörte, man macht ein Zentrum gegen Vertreibung. Die Vertreibung war von diesen Schrecken, die ich aufgezählt habe, das Geringste, nach meinem Empfinden, damals. Alles andere war viel schlimmer, und ich fand ein wenig, dass die anderen Opfer zu kurz kommen, wenn ich nun mich ganz auf diese Vertreibung fokussiere und nicht auch meinetwegen an die Verschleppungen und an solche Dinge denke.
Meyer: Aber die Vertreibung, dieses Zentrum gegen Vertreibungen, das in Berlin entstehen soll, das soll ja an die europäische Geschichte der Vertreibungen erinnern, unter anderem an die Vertreibungen, die gerade erst in jüngster Vergangenheit im Jugoslawienkrieg passiert sind. Das ist doch völlig berechtigt.
Surminski: Das ist eine sehr gute Idee. Ich finde überhaupt, es soll ja eine solche Einrichtung geben, aber sie muss europäisiert werden. Wir müssen da den nationalen Charakter herausnehmen und jeder muss also innerhalb des großen Daches Europa nun hier einen Beitrag zu einer solchen Dokumentation oder was das ist leisten. Das wäre also meine Vorstellung davon.
Meyer: In den wissenschaftlichen Beirat für diese Bundesstiftung sollen auch ausländische Wissenschaftler berufen werden, Historiker aus Polen, aus Ungarn, aus Tschechien. Das reicht Ihnen nicht aus?
Surminski: Nein, ich möchte die ganze Institution europäisch haben.
Meyer: Was würde das heißen, wo sollte die hin, Ihrer Meinung nach, Herr Surminski?
Surminski: Nach Brüssel meinetwegen. Nach Brüssel, und dort wird eine Dokumentation über alles erarbeitet, was im 20. Jahrhundert Schreckliches in diesem Europa passiert ist.
Meyer: Aber wäre das nicht auch für die Deutschen, die so verantwortlich sind für so viele Vertreibungen, die in Europa passiert sind, wäre es nicht gerade von daher richtig, das in Berlin zu machen und zu sagen, da müssen sich die Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen?
Surminski: Na ja, dann könnte man es gleich in Auschwitz machen, wenn es so ist, also ... Das sehe ich nicht so. Ich würde das schon als eine europäische Angelegenheit auffassen, die auch in Europa sein müsste. Und der Ort, wo es ist, ist eigentlich dann egal im Grunde genommen. Aber ich würde es nicht nach Berlin geben.
Meyer: Das Ganze hat ja zwei Dimensionen, die eine ist die Außenwirkung, die Frage, welches Verhältnis haben wir zu Polen, welche Versöhnung können wir da erreichen, aber es hat ja auch eine sozusagen innerdeutsche Dimension. Erika Steinbach wird ja abgelehnt von vielen, weil sie damals gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt hat, 1991. Sie hat nun aber in dieser Auseinandersetzung gerade gestern gesagt, der ganze Bund der Vertriebenen sei schon 1993 davon abgerückt und erkennt diese Grenze inzwischen an, und man müsse auch dem Bund der Vertriebenen zugestehen und ihr selbst, Erika Steinbach, dass sie lernt aus dem, was ihr widerfährt.
Surminski: Ja, das ist es ja. Deshalb muss man mal nach Warschau fahren und denen das erklären da drüben. Das ist … Es ist traurig, dass diese schöne Sache von dieser Personalie so belastet wird. Und die Polen sind klug genug, die würden sich einem Gespräch nicht verweigern. Denn wer ein Gespräch verweigert, der würde … bekommt den Schwarzen Peter automatisch.
Meyer: Herr Surminski, Sie haben sich ja immer wieder selbst in Ihren Büchern damit auseinandergesetzt. Wie müsste denn - Sie haben schon gesagt, Sie würden so ein solches Zentrum nach Brüssel geben -, wie würde denn in Ihren Augen eine passende, eine historisch gerechte Erinnerung an das Jahrhundert der Vertreibung aussehen?
Surminski: Also es müsste eine Dokumentation sein ohne Schuldzuweisungen, eine Dokumentation, die nur die Fakten schildert, vom Kosovo bis meinetwegen den Russlanddeutschen und so weiter, und natürlich dann auch unsere Vertreibung. Aber die Vertreibung, wie gesagt, ist nicht die Hauptsache. Die anderen Dinge sind mir also viel wichtiger. Und da müssten wir die mit einbeziehen. Also im Grunde genommen eine Dokumentation über alles Schreckliche, was in dieser Zeit hier passiert ist.
Meyer: Also Sie denken, das Zentrum gegen Vertreibungen, das in Berlin entstehen wird - der Beschluss ist ja da, es wird daran gearbeitet -, das wird eher die Versöhnung zwischen Deutschland und den anderen europäischen Völkern behindern?
Surminski: Ja, also das kommt drauf an, wie es ausgestaltet wird. Ich meine, man hat ja nun schon viele Konzessionen gemacht. Ursprünglich ging es nur um Vertreibung, dann wurde die Flucht hinzugenommen und die Versöhnung. Dann hat man internationale Hilfe genommen. Sie sagten es selbst, also polnische Professoren sollen daran mitwirken und so was. Das sind ja schon alles Schritte, um diesen Anfangsverdacht - es geht um Rückansprüche und Rückgaben und Vermögensansprüche -, um den auszuräumen. Aber das muss nun ganz klar auch den betroffenen Ländern dort gesagt werden. Und es ist am besten, wenn wir das aus dieser deutschen Zuständigkeit herausnehmen und die ganze Institution europäisieren.
Meyer: Und wenn wir aber - wir haben nun diese Institution in Berlin mit einer durch Regierungsbeschluss festgelegten Beteiligung des Bundes der Vertriebenen, eben diese Sitze, einer soll eigentlich an Erika Steinbach gehen. Sind Sie denn grundsätzlich gegen eine Beteiligung des Bundes der Vertriebenen an dieser Institution?
Surminski: Nein, da bin ich natürlich nicht dagegen. Ich bin nur dagegen, dass aus Gründen der Zusammenarbeit und des politischen Klimas eine Person da nun hineinkommt, die die Sache immer und immer wieder unangenehm aufrührt, nicht durch ihre Schuld, weil sie einfach so da drüben gesehen wird in Polen, als blonde Bestie oder wie sie da bezeichnet wird. Und das ist natürlich auch von den Polen überzogen, die ganze Geschichte, aber es ist nun mal da, und es muss ausgeräumt werden. Es muss … Diese Person muss - so viele Verdienste sie auch hat - sie muss aus dieser Geschichte rausgehalten werden. Und das wäre großartig, wenn sie selbst das so empfinden würde und sagen, gut, ihr habt mich zwar benannt für diesen Posten, aber um des lieben Friedens willen verzichte ich drauf.
Meyer: Nun haben wir gerade erfahren vor wenigen Minuten, dass der Bund der Vertriebenen, das Präsidium heute beschlossen hat, diese Entscheidung zunächst erst einmal wieder zu vertagen, die Entscheidung darüber, ob Erika Steinbach in den Vorsitz, in den Beirat der Bundesstiftung berufen wird. Arno Surminski, der Schriftsteller und Heimatvertriebene im Gespräch hier im Deutschlandradio Kultur. Ich danke Ihnen sehr!
Surminski: Ich danke auch, tschüss!
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