Ständige Erreichbarkeit, Informationen auf Knopfdruck und virtuelle Freunde: Die Neuen Medien haben unser Leben verändert. Schon sehnen sich die ersten nach der "internetlosen Zeit" zurück. Für den Soziologen Armin Nassehi zeigt das Thema, dass Medienkritik heute hauptsächlich in den Medien stattfindet.
Holger Hettinger: Schon seltsam - da sind wir nun alle so ziemlich versorgt mit Breitband-Internet und Handy zum Festpreis, und schon werden die Stimmen derer laut, denen das alles zu viel ist, zu viel Druck durch die ständige Erreichbarkeit, zu viel Müll auf dem virtuellen Schreibtisch durch die zahllosen E-Mails. Kürzlich sind zwei Bücher erschienen, in denen Menschen beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn man sich der digitalen Massenkommunikation verweigert, wenn Handy und Computer einfach mal ausgeschaltet bleiben, und der "Spiegel" schwärmt in einer großen Titelgeschichte von der "Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter". Ist diese Haltung eine ganz normale Reaktion auf ein Zuviel an Internet, oder steckt mehr hinter dieser Sehnsucht, die vermeintlichen Segnungen der digitalen Massenkommunikation auch mal hinter sich zu lassen? Das ist jetzt mein Thema mit dem Kultursoziologen Armin Nassehi, er ist Professor für Soziologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität zu München. Schönen guten Morgen!
Armin Nassehi: Guten Morgen!
Hettinger: Herr Nassehi, wenn man die Bücher der Internetabstinenzler liest, dann hat man den Eindruck, dass es zwei Leben gibt: das mit Internet und Handy und das richtige Leben ohne, verbunden mit dem Stoßseufzer, was einem doch so alles entgeht, wenn man ständig am Bildschirm hängt. Ist es wirklich so, dass uns die digitale Massenkommunikation vom wirklichen Leben fernhält?
Nassehi: Na ja, das ist ja schon eine schöne Umschreibung dessen, was wir von den Medien eigentlich erwarten, also dass wir eigentlich zwei Welten haben: die Welt, wie sie wirklich ist, und die Welt, wie sie in den Medien dargestellt wird. Das gilt übrigens auch fürs Radio, in dem wir gerade reden. Also diese Verdoppelung der Welt ist etwas, woran wir uns letztlich in den Medien gewöhnt haben. Woran wir uns auch gewöhnt haben, ist die Kritik an dieser Verdoppelung, und interessanterweise können wir diese Kritik fast immer nur auch, sagen wir mal, über die Medien auch kommunizieren. Ich fände diese Bücher noch viel interessanter, wenn sie nur als E-Books erschienen wären.
Hettinger: Wenn man dieses Phänomen aus einem gewissen Abstand betrachtet: Da verzichten Menschen ganz bewusst auf etwas, um den Blick wieder zu schärfen und so zum Eigentlichen vorzudringen. Das ist doch eine Art Erlösungsanspruch, oder?
Nassehi: In der Tat, ein Erlösungsanspruch. Das ist natürlich eine sehr bildungsbürgerliche Form, wie man mit Neuen Medien eigentlich immer umgeht. Man muss sich ja nur ein paar Jahrzehnte zurückversetzen und sich fragen: Wie haben Bildungsbürger über das Fernsehen geredet? Das sollte dann also einen Bildungsanspruch haben, aber alles andere, ja, waren Dinge, die eigentlich uneigentlich waren, und man sollte sie eigentlich nicht verwenden. Ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurück - die Diskussion darüber, ob Frauen tatsächlich Liebesromane, bürgerliche Frauen Liebesromane lesen sollen, weil dort andere Männer vorkommen als in ihren eigenen Haushalten und Familien: Ist es nicht besser, da abstinent zu bleiben, um sozusagen das schätzen zu lernen, was man hat? Das ist eine ganz normale Reaktion darauf, dass, ja, dass diese Medien sich offensichtlich durchgesetzt haben. Abstinent können Sie ja nur von etwas werden, wovon Sie, naja, abhängig ist vielleicht übertrieben, aber was sozusagen im Alltag so selbstverständlich vorkommt, dass es einen Informationswert hat, es nicht zu verwenden.
Hettinger: Aber diese Kritik am aufkommenden Fernsehen, die wurde ja geübt von relativ knorrigen, bildungsbürgerlichen Positionen, die außer ihren Büchern dann auch nichts kannten. Diese beiden Menschen, die diese Internetabstinenz-Bücher geschrieben haben, die waren ja voll drin, das sind beide Journalisten und die sprechen auch zu Beginn ihrer Bücher von solchen Entzugsphänomenen. Also es ist ja keine Warte von außen auf etwas, was neu und fremd und irgendwie komisch erscheint, sondern das ist ja von Menschen geschrieben, die die ganze Bandbreite dieser neuen Technologien nutzen und erfahren haben?
Nassehi: Vielleicht ist es ja nur ein Hinweis darauf, dass das Bildungsbürgerliche heute nicht mehr knorrig daherkommt. Also interessant ist ja, dass diese Formen heute eigentlich eher Bekenntnischarakter haben, was wiederum kulturell eine interessante Erscheinung ist, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass das Argument eigentlich dadurch ersetzt wird, dass man eigene Erfahrungen in den Vordergrund rückt und sagt, also ich habe dies gemacht, ich habe jenes gemacht, ich war damit womöglich vergleichsweise erfolgreich und stelle jetzt fest, dass man sich davon eigentlich entfernen muss. Und in der Tat: Wenn man das mal ganz ernst nimmt, muss man sagen, dass die permanente Erreichbarkeit selbstverständlich den Menschen überlastet. Ich kenne das selber auch, ich bin im Prinzip auch den ganzen Tag erreichbar und werde schon nervös, wenn ich andere nicht erreichen kann. Das ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Was man daran lernen kann, ist, dass Neue Medien ja nicht nur neue Übertragungswege sind, sondern auch neue, man kann sagen, Alltagspraxen hervorbringen, an die man sich gewöhnen muss, und solche Bücher, solche Reflexionen, die helfen einem natürlich dabei, über bestimmte Dinge nachzudenken. Ernsthafterweise denkt ja tatsächlich niemand daran, vollkommen netzabstinent zu leben, schon deshalb, weil man dann gar nicht sehen kann, wie die eigenen Bücher diskutiert werden.
Hettinger: Bücher über diese Abstinenz haben ja Konjunktur, manches hat, ja, fast schon protoreligiöse Züge. Was suchen die Menschen wirklich, die sich eine Auszeit vom Internet gönnen?
Nassehi: Ich glaube, dass das ein kultureller Versuch ist, mit diesen neuen Techniken tatsächlich umzugehen, und öffentliche Diskussionen laufen natürlich über zwei Schienen: Die eine Schiene ist die, die ich schon gerade genannt habe, über Bekenntnisse und eigene Erfahrungen, das andere, ja, man kann sagen, ist die Übertreibung des Arguments. Also Sie können natürlich über das Internet und die Techniken des Internets und die permanente Erreichbarkeit und diese Beschleunigung öffentlich nur dann nur so reden, wenn Sie das Argument radikal übertreiben, was wiederum interessanterweise ein Medienargument ist. Das heißt: Medienkritik findet heute hauptsächlich in den Medien statt, wo sonst, sonst könnte man sie nicht sehen, und ich würde das als ein ganz normales Phänomen tatsächlich ansehen. Ob das einen Erlösungscharakter hat, da bin ich mir nicht so ganz sicher. Natürlich muss man das extrem aufladen, wenn man so etwas beschreibt, aber das würde ich schon für eine - mit Verlaub - auch knorrige bildungsbürgerliche Form halten, zu glauben, dass das Eigentliche dort stattfindet, wo keine Geräusche sind. Ich glaube da nicht dran.
Hettinger: Sie sprechen es an, diesen Mediendurchlauferhitzer: Wir haben in der Redaktionssitzung recht lange darüber diskutiert gestern, ob das wirklich so etwas wie ein gesellschaftlicher Trend ist, ob das eine allgemeine Sehnsucht ist, die von diesen Büchern in irgendeiner Weise, finde ich, aufgegriffen wird, oder ob es erst die Medien sind, die diese Bücher natürlich fleißig vorstellen und besprechen und diesen Trend sozusagen erst generieren.
Nassehi: Das kann man, glaube ich, gar nicht voneinander trennen. Also das, was wir über die Welt wissen, das wissen wir ja fast nur über diesen Durchlauferhitzer, und das Spannende ist ja, dass dieser Durchlauferhitzer keineswegs beschleunigt und auch nicht verlangsamt, sondern dass der Durchlauferhitzer genauso schnell ist, wie diese Welt schnell ist. Was man ja erleben muss, ist, dass die Medien uns die unterschiedlichsten Perspektiven dieser Gesellschaft gleichzeitig darbieten. Diese Perspektiven sind schon da, und es bleibt letztlich den Medien gar nichts anderes übrig, als genau das zu zeigen. Viel interessanter ist ja am Netz, dass wir es hier mit einem Medium zu tun haben, bei dem der Nutzer viel aktiver ist als bei allen anderen Medien, und man sozusagen womöglich da deshalb denkt, dass man es selbst ist, der diese Praxis hervorbringt und dann auch selbst man das zurückfahren kann. Ich glaube schon, dass man diese Medienformen lernen muss, gerade weil man dort aktiv ist, und da gibt es natürlich die Sehnsucht danach, eine angemessene Form von Praxis zu finden. Ich würde das auf die Formel bringen: Ein moderner Alltag macht eigentlich immer unzufrieden.
Hettinger: Aber das ist doch eigentlich, wenn man es so in der Tiefe der Geschichte auch sieht, kein neues Phänomen, das kann man ja auch so ein bisschen unter Technologiekritik zusammenfassen im Prinzip. Die alten Griechen waren ja schon der Ansicht, dass das Schreiben, dass die Schriftsprache was Verwerfliches sei, da man dadurch den freien Fluss der ach so hoch geschätzten Rede verlerne. Ist das so eine Art Dauerbrenner-Thema?
Nassehi: Das ist ein Dauerbrenner-Thema. Ich habe es ja gerade gesagt: Medieninnovationen bringen eben nicht nur neue Übertragungswege hervor, sondern tatsächlich neue Alltagspraxen, das heißt: Alltagspraxen müssen sich daran gewöhnen, müssen sich daran anpassen, wie das Ganze funktioniert. Wenn ich meinem 15-jährigen Sohn versuche, zu erklären, dass ich durch eine Schulzeit gekommen bin, ohne ein einziges Mal ein Handy dabeigehabt zu haben, dann bin ich für ihn historisch ungefähr so weit weg wie die Neandertaler, also das kann er sich überhaupt nicht vorstellen, weil in der Alltagspraxis diese permanente Erreichbarkeit vorkommt. Und damit muss eine Gesellschaft natürlich klarkommen, mit diesen unterschiedlichen Möglichkeiten, sozusagen permanent an Informationen zu kommen, und dann bleibt natürlich immer auch nur Technologiekritik. Und das gilt ja nicht nur fürs Internet, das gilt ja für fast alles, was in den Medien stattfindet, und es gibt dann eben unterschiedliche Formen, damit umzugehen. Um noch mal aufs Fernsehen zu kommen: Es gibt dann die bildungsbürgerliche Auswahl des richtigen Programms, oder die, wenn ich das mal so sagen darf, südeuropäische Form, dass das Ding den ganzen Tag läuft, aber keiner hinguckt.
Hettinger: Diese Schulzeit ohne Handy, die so schwer darstellbar ist, aber an die man sich doch irgendwie vergleichsweise wohlig erinnert - sind diese Bücher irgendwie auch Nachklänge dieser nostalgischen Sehnsucht, so wie man davon schwärmt, von der Zeit, als die Fanta-Flasche noch braun war und Rillen hatte?
Nassehi: Hatte die Rillen? Stimmt, die hatte Rillen, ich erinnere mich! Ja, in der Tat, also das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, und dieser Retro-Trend, den wir ja auch im Design beobachten können, den wir daran beobachten können, dass also Leute meines Alters - ich bin gerade 50 geworden - es toll finden, wenn alte Automobile rumfahren, die in den 70er-Jahren neu waren und heute Oldtimer heißen. Das ist natürlich ganz toll, so etwas zu sehen. Aber diese Sehnsucht nach dem früher Besseren, das ist ja eine alte bürgerliche Geschichte, die es eigentlich immer gegeben hat, die Frage sozusagen, dass wir uns immer an das erinnern, was angenehm ist. An das Unangenehme - dass man womöglich nicht erreichbar war, dass es sehr kompliziert war, mit Freunden zu telefonieren, weil das Telefon an einem Kabel hing und die Eltern mithören konnten und so weiter und so weiter -, an das erinnern wir uns nicht mehr. Also Medieninnovationen haben ja durchaus auch Vorteile gebracht, aber man muss sich eben an sie anpassen. Die Geschichte des Telefons ist ja auch so etwas Ähnliches: In einem Dorf ein Telefon zu haben ist eine andere Form, als dass jeder ein Telefon in der Tasche hat. Beides hat Vor- und Nachteile, das Frühere erscheint aber irgendwie, ja, nostalgischer, romantischer - aber haben will es doch keiner.
Hettinger: Bei all den Klagen über Geschwindigkeit und Unerbittlichkeit dieser digitalen Kommunikation: Ist es nicht auch so, dass wir über das Internet schimpfen, aber letztlich die Arbeit meinen, die über diese Kommunikationsmittel in unseren Arbeitsalltag gespült wird?
Nassehi: Ich glaube, das ist eine richtige Diagnose. Wir meinen eigentlich die Praxis, die daran hängt, wir schlagen sozusagen den Sack und meinen den Esel. Es ist der Tat so, wobei man umgekehrt sagen muss, wenn ich mir meine eigene Alltagsarbeit angucke und frage mich, was ich noch tun müsste zusätzlich, wenn ich diese Medienmöglichkeiten nicht hätte: Dann würde sich womöglich der Alltag noch stärker beschleunigen. Also wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir das Medium gar nicht mehr als Medium wahrnehmen und deshalb über das Medium schimpfen können. Und darüber sollte man vielleicht empirisch genauer - das sagt jetzt der Sozialwissenschaftler - nachdenken als nur in kulturkritischer Form.
Hettinger: Der Soziologe Armin Nassehi war das über Internetabstinenz und die Sehnsucht nach dem Zeitalter vor der digitalen Massenkommunikation. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!
Nassehi: Ebenso vielen Dank!
Beiträge zum Nachhören
Thema
Kohle für Knochen: Der privaten Fossilienhandel treibt Blüten wie der Kunstmark
Sendezeit: 25.05.2012, 16:08
Glamour, Kitsch und Ohrwürmer: Morgen ist Finale beim 57. Eurovision Songcontes
Sendezeit: 25.05.2012, 15:09
Dresden: Die Sixtinische Madonna von Raffael - ein Kultbild wird 500
Sendezeit: 25.05.2012, 14:08
dradio-Recorder
im Beta-Test: