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01.09.2010
Tony Blair veröffentlichte nun seine Memoiren. (Bild: AP) Tony Blair veröffentlichte nun seine Memoiren. (Bild: AP)

"Es ist ein Coup"

Großbritannien-Korrespondent Spengler über die Memoiren von Ex-Premier Blair

Jochen Spengler im Gespräch mit Frank Meyer

Jochen Spengler, Korrespondent in Großbritannien, hält die Veröffentlichung der Autobiografie des ehemaligen Premierministers Tony Blair für gelungen. "Es ist wahrscheinlich das Buchereignis des Jahres, mindestens in Großbritannien, wenn nicht sogar im gesamten angelsächsischen Raum", sagte Spengler.

Frank Meyer: Ab heute stimmen die Mitglieder der britischen Labour Party über ihren neuen Vorsitzenden ab. Und just an diesem Tag erscheint ein Buch von dem Labour-Chef der jüngsten Geschichte, von Tony Blair. Mit dem Buch will der britische Ex-Premier seine politische Karriere bis jetzt, wie es heißt, zusammenfassen. Klingt so, als hätte er noch was vor in der Politik. Unser Korrespondent in Großbritannien ist Jochen Spengler - seien Sie herzlich willkommen, Herr Spengler!

Jochen Spengler: Hallo, Herr Meyer, grüße Sie!

Meyer: Herr Spengler, viele Politikerbücher liegen ja wie Blei in den Regalen, ein Band mit Reden des Blair-Nachfolgers Gordon Brown, das soll sich überhaupt nicht verkaufen zurzeit. Wie ist das mit der Autobiografie von Tony Blair, ist das heute ein Ereignis in Großbritannien?

Spengler: Es ist wahrscheinlich das Buchereignis des Jahres, mindestens in Großbritannien, wenn nicht sogar im gesamten angelsächsischen Raum. Es ist ein Coup, der auch vom Marketing her glänzend vorbereitet war - bis heute Nacht gab es nirgendwo eine Zeile zu lesen, eine wahnsinnige Geheimniskrämerei wurde darum gemacht.

Und seit heute Morgen liegt "A Journey" in den Schaufenstern, übrigens zeitgleich dann im Vereinigten Königreich, in den USA und in Kanada. Begleitet wird die Kampagne dann von einem Exklusivinterview mit dem "Guardian" von Buchauszügen auf Blairs Webseite und von einem Fernsehinterview mit der BBC, das wird dann heute Abend ausgestrahlt, in Auszügen war schon davon zu hören.

Meyer: Klingt, als wäre Tony Blair wieder da. Als er vor drei Jahren abgetreten ist, da hieß es weithin in Großbritannien, das wurde aber auch Zeit. Warum hatten denn die Briten Tony Blair vor drei Jahren so satt?

Spengler: Nun, vor allen Dingen haben sie ihm den Irakkrieg verübelt. Tony Blair ist 1997 an die Macht gekommen, mit dem größten Sieg in der Labour-Geschichte überhaupt. Er hat damit damals 18 Jahre konservativer Regierungen beendet, und dann blieb er zehn Jahre an der Macht. Und wie das so ist, das nutzt sich dann ab. und dann waren Mitte der 2000er-Jahre dann natürlich die Entscheidungen an Seiten George Bushs, in den Irakkrieg zu ziehen, und das haben ihm viele Briten, vielleicht sogar die meisten Briten bis heute nicht verziehen.

Das heißt, er spaltet die Nation nach wie vor, er polarisiert Großbritannien - entweder man liebt ihn oder man hasst ihn, es gibt wenig dazwischen -, und trotzdem muss man ja wirklich sagen, er bleibt der erfolgreichste Labour-Politiker aller Zeiten. Er ist ein begnadeter Redner gewesen, ein Kommunikator, ein politischer Koloss, an dem gemessen die Politiker, die sich da heute um die Nachfolge als Parteichef balgen, ein bisschen wie Milchbubis wirken.

Meyer: Zu diesem Punkt, den Sie gerade angesprochen haben, in die Entscheidung für den Irakkrieg, hat Tony Blair Ende des letzten Jahres ein Fernsehinterview gegeben, und er hat da gesagt, er hätte den Irak auch dann angegriffen, wenn er gewusst hätte, dass die Massenvernichtungswaffen des Diktators Saddam gar nicht existieren - und diese Waffen wurden ja immer als Kriegsgrund angegeben. Also im Prinzip hat er damit zugegeben, diese Waffengeschichte war nur vorgeschoben. Wie geht er denn mit diesem ganzen Problem jetzt in seinem Buch um?

Spengler: Ja, also Sie haben das Interview angesprochen, dann gab es noch die Anhörung im Januar vor dem Irak-Untersuchungsausschuss, und seitdem ist klar, dass sich Tony Blair nicht entschuldigen würde für seine Entscheidung, den Irak militärisch überfallen zu haben an der Seite der USA. Er war und er bleibt ein Überzeugungstäter, und er schreibt wörtlich in seinem Roman, ich zitiere das mal: "Ich kann die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, nicht bedauern. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich mich geirrt habe. Ich bitte Sie (also den Leser meint er da) darüber nachzudenken, ob ich vielleicht recht hatte. Ich glaube immer noch, dass es ein größeres Problem für unsere Sicherheit gewesen wäre, Saddam an der Macht zu lassen, als ihn zu stürzen."

Soweit wörtlich, und dann setzt er fort, ein Irak ohne Saddam Hussein sei ein besseres Land, und der Diktator sei damals eine Bedrohung gewesen, der - und das ist eine kleine, sag ich mal, versprachliche Änderung - Massenvernichtungswaffen hätte entwickeln können. Also hinzu kommt das, was mich da allerdings erstaunt hat, also er bleibt bei dieser relativ harten interventionistischen Außenpolitik, die sich auf humanitäre Motive beruft.

Er sagt auch in einem anderen Zusammenhang, man solle so lange wie notwendig in Afghanistan bleiben, er plädiert für Härte gegenüber einem Iran, der nach der Atombombe anstrebe. Das ist der Tony Blair, den wir kennen, aber es sind dann doch in dem Buch auch nachdenklichere Zwischentöne zu vernehmen.

Er schreibt zum Beispiel, er habe viele Tränen um die Toten des Krieges vergossen, und wörtlich - und ich nehme ihm das auch so ab: "Ich empfinde Worte des Beileids und der Sympathie als völlig unangemessen. Sie sind gestorben, und ich, der die Entscheidung getroffen hat für jene Umstände, die zu ihrem Tod geführt haben, bin noch am Leben. Ich habe niemals einen solchen Albtraum erwartet, ich kann nicht mit Worten sorry sagen, ich kann nur hoffen, etwas von der Tragödie des Todes durch die Taten meines Lebens wiedergutzumachen." Und soweit das Zitat. Und Wiedergutmachen, das versucht er zum Beispiel, indem er die Einnahmen, die er da mit seinem Buch erzielt - und das sind eine ganze Menge, das werden, so fünf Millionen Pfund werden das schon sein -, die wird er sämtlich der Veteranenorganisation Royal British Legion spenden, die wollen dafür ein Rehabilitationszentrum für Kriegsverletzte bauen. Und das kommt doch zum großen Teil - auch daran gab es Kritik in Großbritannien -, aber die Mehrheit würdigt das dann schon.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, heute sind die Memoiren des britischen Ex-Premiers Tony Blair in die Buchläden gekommen unter dem schlichten Titel "Tony Blair - A Journey". Jochen Spengler ist unser Korrespondent in Großbritannien. Herr Spengler, Tony Blair hat ja nach seinem Rücktritt aus der Politik einen sehr erfolgreichen Neustart als Geschäftsmann hingelegt - er soll mit internationaler Politikberatung Millionen verdient haben. Wenn wir mal auf Deutschland schauen, hier wurde ja Gerhard Schröders Anschlussjob beim russischen Energieriesen Gazprom sehr kritisiert. Was sagt man in Großbritannien zu den neuen Geschäften des Tony Blair?

Spengler: Es ist schwierig einzuschätzen. Also es ist nicht so eine Kritik zu vernehmen, wie es sie in Deutschland gibt, sobald ein Politiker nach seinem Rücktritt oder aus dem Austritt aus der Politik Millionen verdient, so weit ist es nicht. Es ist aber auch nicht so freimütig wie in den USA, wo das sogar als Zeichen des Erfolgs gewertet wird und mit Beifall bedacht wird.

Also es wird geschätzt, dass Tony Blair seit seinem Rücktritt als Premierminister vor drei Jahren mit Beratungshonoraren, mit Reden 20 Millionen Pfund verdient hat. Letzte Woche erst hat die Familie Blair ihre neunte Immobilie hier im Großraum London gekauft, ein Apartment für fast eine Million Pfund für seine Tochter Kathryn. Das wird hier durchaus kritisch gewürdigt, das kann man in allen Zeitungen lesen, und viele, auch viele Anhänger fragen sich: Ein Mensch, der so religiös ist, der ja zum Katholizismus konvertiert ist, wieso macht er das eigentlich, wieso scheffelt er so viele Millionen, was bringt ihm das?

Meyer: In dieser Zeit, als Tony Blair jetzt zum Geschäftsmann geworden ist, hat sein Nachfolger Gordon Brown seinen Job übernommen, und es ist nun schon bekannt geworden, dass Tony Blair dieses Buch auch nutzen soll für eine Art Abrechnung mit seinem Nachfolger Gordon Brown. Was ist das denn für eine Abrechnung?

Spengler: Das ist eine heftige Abrechnung, wie ich sie selten gelesen habe in einem Werk eines Politikers, der ja noch sozusagen auch jung genug ist, vielleicht noch mal irgendwie einzugreifen und ist ja auch alles noch nicht so lange her. Also man muss vielleicht zu den beiden sagen, Blair und Brown haben ja 16 Jahre lang die britische Politik und die Labour-Partei dominiert, und das war eine Art Hassliebe, die sie miteinander verbunden hat. Am Anfang, Mitte der 90er-Jahre, waren sie Rivalen um den Labour-Vorsitz und um das Amt des Premierministers. Blair schreibt in seinem Buch, dass er Brown sogar den Vortritt lassen wollte, aber Brown hat gezögert, und dann hat Blair eben entschlossen zugegriffen, wurde beides, 97 wurde er dann auch Premierminister und machte dann Brown zu seinem Finanzminister.

Und dann vor drei Jahren, also die Leute, auch die Medien vor allen Dingen, hatten Tony Blair satt, kann man sagen, obwohl er seine dritte Amtszeit noch einmal gewonnen hat, hat er dann vor drei Jahren dem drängenden Brown nachgegeben, auch dem Drängen der Partei und der Medien nachgegeben und ihm die Nachfolge überlassen. Das sei auch angeblich von Anfang an abgesprochen gewesen, dass Brown dann irgendwann mal Nachfolger würde. Heute sagt er, das war ein Fehler, Brown zum Premierminister zu machen. Wörtlich sagt er: "Es war nicht klug, weil es nie funktionieren wird."

Und an anderer Stelle sagt er dann: "Das Gordon-Problem ist die Kombination aus brillant und unmöglich - politisches Kalkül ja, politisches Empfinden nein, analytische Intelligenz absolut, emotionale Intelligenz null." Das ist schon eine ziemlich deutliche Kritik an seinem langjährigen Rivalen. Und dann setzt er noch fort, Brown habe die Wahl im Mai verloren, weil er sich eben von den Prinzipen von New Labour abgewandt habe, und er, Brown, sei es auch gewesen, der in den Regierungsjahren immer wieder gebremst habe, wenn es um die Reformen ging, der da selber nie initiativ war, der hat es zwar nicht verhindert, aber er hat immer gebremst.

Und dann fragt man sich natürlich, das fragen sich viele hier: Warum hat denn Blair ihn damals nicht gefeuert als Finanzminister? Und auch darauf gibt Blair freimütig Antworten: weil es eben keine besseren Finanzminister als Gordon Brown gegeben habe und weil es dann auch wie ein eifersüchtiger Akt von Blair ausgesehen hätte, wenn er ihn entlassen hätte. Er sagt über Brown dann noch mal: "Er war schwierig manchmal, einen verrückt machend, aber er war eben auch stark, fähig und brillant. Ich bin zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es besser ist, ihn in der Regierung eingebunden zu haben, als außerhalb als Führungsfigur einer weit schädlicheren Kraft auf der Linken." Da hat er also sozusagen eine innerparteiliche Opposition befürchtet.

Meyer: Nun sucht ja die Labour Party seit heute genau einen Nachfolger für Gordon Brown, heute hat die Abstimmung darüber begonnen. Genau an diesem Tag erscheint dieses Buch - das sieht ja auch sehr danach aus, als ob Tony Blair bei dieser Entscheidung auch wieder mitmischen will, wenn es vielleicht mit diesem Umweg über das Buch.

Spengler: Ja, das ist Spekulation. Also ich glaube eher das Gegenteil, weil er hält sich doch sehr, sehr zurück bei ... also erwähnt keinen dieser möglichen Nachfolger von ihm als Parteichef und Gordon Brown als Parteichef persönlich. Es sind vor allen Dingen zwei, die da Chancen haben: ein Bruderkampf, die Mili-Battle sagt man hier, die Miliband-Schlacht - beide heißen Miliband. David Miliband, der war mal Außenminister unter Brown und war auch mal Berater Blairs, und sein jüngerer, fünf Jahre jüngerer Bruder Ed Miliband, der war mal Energieminister.

David Miliband, der Ältere, ist wohl der klammheimliche Favorit von Tony Blair, aber das sagt Blair nicht offen. Und David Miliband weiß auch die Mehrheit des Schattenkabinetts und der Abgeordneten hinter sich, während Ed Miliband, ein ganz sympathischer Typ mit allerdings weniger Erfahrung, die Gewerkschaften und die Linken hinter sich weiß. Also er möchte die Labour-Partei doch mehr nach links rücken als David Miliband.

Und da weiß man natürlich, was Tony Blair über so etwas denkt. Er warnte davor, warnt davor, den Modernisierungskurs von New Labour aufzugeben und wieder zurückzukehren zu Old Labour, also zu mehr Staat und weniger Wirtschaftsliberalismus, also zu dieser Politik, wie sie in den letzten drei Jahren eigentlich schon unter Brown begonnen wurde. Und das ist alles vergleichbar ein wenig mit den Auseinandersetzungen, die wir in der SPD ja auch um den Schröder-Kurs erlebt haben.

Meyer: Also Tony Blair hält fest an seinem politischen Erbe, und er rechnet ab mit seinem Nachfolger Gordon Brown in seinen Memoiren. "Tony Blair - A Journey" heißt dieses Buch, heute ist es erschienen. Am 6. September wird die deutsche Übersetzung des Buches bei uns im Bertelsmann-Verlag erscheinen. Jochen Spengler, mit ihm haben wir in London gesprochen, vielen Dank für das Gespräch!

Spengler: Bitteschön!


 
 

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