Laut Orientalist Albrecht Metzger haben Preisverleihung und Laudatio von Angela Merkel an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard in der muslimischen Welt keine große Beachtung mehr gefunden. Dennoch sei das Auftreten der Kanzlerin "auf alle Fälle problematisch".
Dieter Kassel: Ende September 2005 erschienen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed. Eine davon, die Karikatur des Zeichners Kurt Westergaard, das ist die Karikatur, die Mohammed mit einer Bombe unter dem Turban und einer deutlich sichtbaren Zündschnur zeigt. Es dauerte Monate nach dem Erscheinen dieser Karikaturen in Dänemark, bis dann im Jahr 2006 diese eine Karikatur für gewalttätige Proteste in vielen islamischen Ländern sorgte, für Proteste, bei denen es mehrere Dutzend Tote gab.
Und nun hat es noch einige Jahre gedauert: Gestern nämlich ist es passiert, gestern bekam Kurt Westergaard für seine Karikatur und dafür, dass er der einzige dieser zwölf Zeichner war, der anschließend an die Öffentlichkeit ging und der sich bis heute nicht versteckt hat. Gestern bekam Kurt Westergaard dafür den M100-Medienpreis in Potsdam, und das selbstverständlich unter Polizeischutz und unter dem Aufgebot vieler Sicherheitskräfte, und das - das ist vielleicht nicht selbstverständlich - am Ende aber ohne dass es irgendwelche Zwischenfälle gegeben hätte.
Wie erwähnt und gerade gehört: Die Veranstaltung verlief völlig friedlich, es hat auch in der Nacht und heute Morgen, soweit uns bekannt ist, keinerlei Ausschreitungen, keinerlei gewalttätige Proteste gegen diese Preisvergabe irgendwo auf der Welt gegeben, was ein paar Pessimisten durchaus schon erwartet hätten. Ob diese paar Stunden Ruhe, die es nun erst mal gegeben hat, ob diese paar Stunden so viel aussagen, darüber wollen wir jetzt mit Albrecht Metzger reden. Er ist Orientalist, Buchautor und Journalist. Schönen guten Morgen, Herr Metzger!
Albrecht Metzger: Guten Morgen!
Kassel: Hätten Sie denn erwartet - also es ist jetzt gut zwölf Stunden her, dass der Preis vergeben wurde -, hätten Sie denn erwartet, dass irgendwas passiert in dieser Nacht?
Metzger: Nein, eigentlich nicht, also ich glaube, dass in der islamischen Welt das Thema Karikaturen, Mohammed-Karikaturen eigentlich durch ist, und ich glaube auch nicht, dass viele Muslime das mitbekommen haben, dass jetzt also der Kurt Westergaard einen Preis verliehen bekommt und dass auch noch Angela Merkel die Laudatio hält. Insofern wundert mich das nicht. Wie gesagt, ich glaube eigentlich, dass … die Sache ist jetzt eben viele Jahre her, insgesamt in der islamischen Welt hat das Thema jetzt nicht mehr die Bedeutung. Also ich war 2008 in Pakistan, da wurde ich noch darauf angesprochen auf die Karikaturen, drei Jahre später, aber ich glaube, insgesamt ist das ganze Thema nicht mehr so aktuell.
Kassel: Nun gibt es sicherlich auch für die islamische Welt, für die ganze Welt fast ein viel wichtigeres Thema: Übermorgen soll ja der Koran verbrannt werden in den USA, von einem evangelikalen Priester. Ist das vielleicht auch ein zeitlicher Zufall, dass das einfach so viel wichtiger ist als diese Preisvergabe?
Metzger: Das ist natürlich wichtiger, das ist ganz klar. Aber wie gesagt, ich glaube, die Preisverleihung kriegen gar nicht viele mit. Was diesen Prediger angeht: Ich glaube, was sehr wichtig ist - und was bis jetzt auch alle machen -, dass sich die Regierungen davon distanzieren. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass also die USA sich davon distanzieren, dass sich auch die Angela Merkel davon distanziert hat, dass also jetzt dieser … dass ganz klar ist, dass wir nicht hinter denen stehen.
Ich glaube, das wäre fatal, wenn man eben sagen würde, das ist also auch Meinungsfreiheit und das kann er machen, das ist also sozusagen nicht verboten, sondern dass da ganz klare Linie herrscht, das man sagt, das ist abzulehnen. Und deswegen glaube ich auch da, dass dann eben die Reaktionen nicht so sein werden wie bei den Karikaturen.
Kassel: Nun war es auch bei den Karikaturen dann die Frage: Wer steht dahinter und wer nicht? Damals hatte der dänische Staat durchaus gesagt: Das ist keine staatliche Aktion, das ist eine private Zeitung, die Zeichner beauftragt hat, die Karikaturen zu machen. Das hat mit uns nichts zu tun. Nun gab es aber gestern eine Preisvergabe, bei der war die Hauptrednerin die Regierungschefin eines Landes, und einer der wichtigsten Nebenredner war jemand, der fast Bundespräsident geworden wäre. Ist das nicht noch mal was anderes?
Metzger: Gut, da haben Sie natürlich recht: Das ist natürlich schon ein Signal von Angela Merkel, und dafür ist sie ja auch kritisiert worden von den Grünen, auch vom Zentralrat der Muslime. Das ist eine Botschaft, die will sagen: Freiheit ist für sie das höchste Gut, und dazu gehört eben auch die Presse- und Meinungsfreiheit. Damals, der dänische Staat, muss man auch sagen, … der Ministerpräsident hat sich damals geweigert, mit den Botschaftern der Arabischen Liga sich zu treffen und darüber zu reden. Das war sozusagen auch ein Zeichen der Ablehnung, und das kam auch nicht sehr gut an. insofern war das damals auch … hatte die dänische Regierung diese ganze Affäre nicht so gut gehandelt, würde ich mal sagen.
Kassel: Aber muss das nicht fast jetzt missverstanden werden in der islamischen Welt? Angela Merkel hat ja durchaus erklärt, sie bewundert den Zeichner - deshalb war sie auch dabei, bei dieser Preisvergabe - für seinen Mut, den er ja auch danach noch bewiesen hat: Er ist der Einzige der zwölf, der gelegentlich mal auftritt, dessen Name bekannt ist. Aber muss das nicht missverstanden werden? Wird das nicht in der islamischen Welt als Zeichen verstanden - na ja, die deutsche Kanzlerin findet es gut, wenn Mohammed beleidigt wird?
Metzger: Also da haben Sie natürlich recht, wenn das Leute mitbekommen, kann das eben so ankommen halt. Dass eine Regierungschefin sich so deutlich dahinter stellt und ihn sogar noch bewundert, das ist nicht besonders hilfreich. Und ich meine, wir haben ja Reaktionen von Muslimen in Deutschland, keine gewalttätigen Reaktionen, aber eben Reaktionen, verbale Reaktionen, vom Zentralrat der Muslime, der sagt, dass eben der Westergaard den Propheten Mohammed mit Füßen getreten hat und dass das eben … dass sie damit Öl ins Feuer gießen würde in der aufgeheizten Debatte. Und insofern ist das schon auf alle Fälle problematisch, was sie da macht.
Kassel: Aiman Mazyek, auf den Sie da anspielen, der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, hat das gestern Nachmittag hier im Radiofeuilleton gesagt und hat noch mal ganz deutlich gesagt, wie sehr er - als Muslim persönlich aber eben auch als Vertreter dieses Verbandes - die Karikatur ablehnt.
Ich habe das gehört, ich bin, ehrlich gesagt, überhaupt nicht seiner Meinung, fand das aber völlig in Ordnung, wie er das gesagt hat, also so, wie ein Bischof auch sagen würde, es stört ihn, wenn man sich über Jesus lustig macht. Das ist absolut berechtigt. Aber ist so etwas auch schon in einem islamischen Land denkbar, dass man so entschieden, aber doch so gelassen reagiert? Denn der Mazyek war überhaupt nicht erfreut gestern, aber er war durchaus gelassen.
Metzger: Das ist durchaus möglich. Also ich glaube, diese gewalttätigen Reaktionen, diese Demonstrationen, auch die Anschläge - das war natürlich von bestimmten radikalisierten Elementen. Es gibt in der islamischen Welt auch durchaus Leute, die besonnen reagieren, und die auch in der Form, wie es auch Aiman Mazyek gemacht hat, dann reagieren. Und insofern - das sind nicht alles eben Extremisten, die dann sofort auf die Straße gehen und Steine schmeißen oder sogar Bomben werfen. Das ist natürlich das, was hier am ehesten ankommt, ist natürlich klar. Wenn da Leute sterben, dann ist das das, was natürlich eben die Schlagzeilen macht.
Vielleicht ein kurzes Beispiel: Ich kenne einen Imam hier aus Deutschland, der in einer … ein Imam einer Moschee, der sich nach der Veröffentlichung der Karikaturen dafür ausgesprochen hat, besonnen darauf zu reagieren, und der ist prompt eingeladen worden zu einer Konferenz zu dem Thema, dass er dazu … dass er in der Form darüber sprechen sollte, was also zeigt, dass also auch dort Leute sind, die eben gelassen darauf reagieren.
Kassel: Nun hat es ja damals Monate gedauert nach der ursprünglichen Veröffentlichung dieser Karikaturen in Dänemark, bis es diese Protestwellen gegeben hat, das heißt, da hat ja ein bisschen jemand auch am Rad gedreht. Bezogen auf die jetzige Situation: Kann man denn die Frage, ob diese Preisverleihung Ausschreitungen nach sich ziehen kann oder nicht, heute überhaupt schon endgültig beantworten?
Metzger: Also ausschließen kann man es natürlich nicht, aber damals war das natürlich so, dass der … ein Imam aus Dänemark ein Dossier erstellt hat von den Karikaturen und noch Bilder dazugestellt hat, die eben gar nicht erschienen sind, also ein sehr beleidigendes Bild, wo also ein Hund einen betenden Muslim besteigt, und das hatte er dann eben in der islamischen Welt rumgezeigt. Und daraufhin kam es halt zu diesen gewalttätigen Reaktionen.
Gut, was könnte jetzt passieren? Könnte jemand eben diese … sozusagen mit der Rede von Angela Merkel in die islamische Welt gehen und sagen, hier guckt mal, das sagt die deutsche Bundeskanzlerin über den Zeichner. Das könnte natürlich passieren, aber ich glaube nicht, dass das eben entsprechende Reaktionen hervorrufen würde.
Kassel: Westergaard ist ausgezeichnet worden für die Pressefreiheit, ganz konkret für seinen Mut. Ich finde, egal, was man ideologisch nun denken mag: Den Mut muss man ihm ja zugestehen. Er ist persönlich angegriffen worden, er läuft aber immer noch durch die Welt, wirkt wie ein freundlicher, älterer Herr, der diesen Spaß sich erlaubt hat, in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu erzählen, als nächstes wird er jetzt abwarten, bis mal ein Musical über die ganze Affäre macht und das guckt er sich dann an. Kann auch sowas, trotz aller Meinungsverschiedenheiten, in der muslimischen Welt ankommen, dass ein Mann diesen Mut wirklich hat und - ohne bösartig zu sein - zu seiner Idee wirklich steht?
Metzger: Also, Mut ist natürlich immer eine Tugend oder eine Eigenschaft, die eigentlich Bewunderung hervorruft, aber ich glaube, in dem Fall ist es bei den meisten Muslimen so, dass sie das nicht goutieren werden, also dass sie halt eben eher sein, auch sein Beharren darauf, dass eben der Islam eine problematische Religion sei, … er hat ja gesagt, der Islam ist eine reaktionäre Religion. Ich glaube, das ist das, was den Leuten eher im Kopf ist als dass er eben Mut hat, dazu zu stehen. Also ich vermute, dass er damit nicht groß ankommen kann in der islamischen Welt.
Kassel: Trotzdem blieb nach der Verleihung des M100-Medienpreises an Kurt Westergaard erst mal alles friedlich und wir hoffen, dass das möglichst lange so bleibt. Bei uns im Gespräch dazu: der Orientalist und Buchautor Albrecht Metzger. Herr Metzger, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Metzger: Vielen Dank!
Mehr zur Sendung:
Links bei dradio.de:
Beiträge zum Nachhören
Thema
Interview mit dem Schauspieler Maximilian Brückner
Sendezeit: 12.02.2012, 10:06
Deutschland will das umstrittene ACTA-Abkommen vorerst nicht unterschreiben
Sendezeit: 10.02.2012, 16:10
Ein Dokumentarfilm auf der Berlinale zeigt das Weltbild israelischer Soldaten
Sendezeit: 10.02.2012, 15:10
dradio-Recorder
im Beta-Test: