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07.03.2005
Die brotlose Kunst des Denkens hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance (Bild: AP) Die brotlose Kunst des Denkens hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance (Bild: AP)

Geisteswissenschaften

Der gesunkene Stern der Gelehrten

Ein Stichwort von Ellen Häring

Vorbei ist die Zeit, als der Gelehrte hohes Ansehen in der Gesellschaft genoss und problemlos eine öffentlich bezahlte Anstellung erhielt.

Heute steht der Geisteswissenschaftler im Ruf, als Langzeitstudent die Universitäten zu blockieren, um dann als Taxifahrer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn die brotlose Kunst des Denkens hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance.

Germanisten, Linguisten, Philosophen, Theologen und viele andere Disziplinen, die zu den Geisteswissenschaften und damit zu den "interpretierenden" Wissenschaften gehören, stehen gegenüber den Naturwissenschaften unter gehörigem Druck.

Physiker, Chemiker oder Biologen arbeiten an einer konkreten Sache, forschen und experimentieren und können im besten Fall am Ende mit einem zukunftsweisenden Ergebnis aufwarten: sie helfen, neue Medikamente zu entwickeln, die Entstehungsgeschichte der Menschheit zu verstehen oder entdecken krebserregende Stoffe in Lebensmitteln - Ergebnisse, die sich in bare Münze umsetzen lassen und der Gesellschaft nachvollziehbaren Nutzen einbringen.

Die Geisteswissenschaften haben es ungleich viel schwerer, ihren Nutzwert zu definieren. Konkrete Ergebnisse können sie oft nicht vorweisen, denn ihre Aufgabe ist es, Diskussionen in der Gesellschaft anzustoßen und Entwicklungen zu untersuchen. "Wie wird sich unsere Gesellschaft verändern, wenn die Lebenserwartung weiter steigt?"

"Welche Modelle friedfertiger Gesellschaften gibt es und was können wir daraus lernen?" Das sind zum Beispiel Fragen, mit denen sich Geisteswissenschaftler in NRW gerade im Rahmen eines Forschungsstipendiums beschäftigen. Ob diese Forschungsarbeiten jemals ökonomische Früchte tragen werden, kann heute keiner sagen.

In Zeiten knapper Kassen investieren öffentliche Geldgeber aber lieber in handfeste Forschungsbereiche, also in die Naturwissenschaften. Und deshalb wurde das Budget für Forschung und Lehre in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren immer magerer.

An der mangelnden öffentlichen Anerkennung sind die Geisteswissenschaftler indessen nicht ganz unschuldig. Lange zogen sie sich in den Elfenbeinturm der Universitäten zurück, blieben unter sich und entwickelten einen Fachjargon, den die Öffentlichkeit nicht verstand. Das geisteswissenschaftliche Studium wurde zum Refugium für Studenten, die eigentlich nicht so richtig wussten, was sie wollten und brachte eine Abbrecherquote hervor, die an manchen Universitäten zeitweise bei fast 50 Prozent lag.

Heute erkennt man den Wert der Geisteswissenschaften wieder neu. So hat zum Beispiel die Bildungsforschung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen, ein Gebiet, auf dem überwiegend Geisteswissenschaftler arbeiten. Die PISA-Studie wurde in Deutschland maßgeblich von Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern durchgeführt. Auch gilt es heute als selbstverständlich, dass sich Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler ergänzen und im besten Fall zusammenarbeiten sollten.

Der Ethikrat - eingesetzt von der Bundesregierung - wirkt als Korrektiv allzu euphorischer Forscherinteressen und konfrontiert die Naturwissenschaftler mit ethisch-moralischen Fragen. Im Ethikrat diskutieren Theologen, Philosophen und andere Geisteswissenschaftler - teilweise öffentlich unter großer Anteilnahme der Bevölkerung - u.a. über die Frage, wie weit die moderne Forschung gehen darf und wo ihre Grenzen liegen. Hier zeigt sich, welche wichtige Funktion die "modernen Gelehrten" einnehmen können und auch, dass die Gesellschaft ein offenes Ohr für die Argumente der Geisteswissenschaftler hat - vorausgesetzt sie drücken sich verständlich aus.


 
 

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