Als der Boom der Informationstechnologie Mitte der 90er Jahre einsetze, war in den Unternehmen viel von einer neuen Unternehmenskultur die Rede. Die Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern schienen zu verschwimmen, Betriebsräte und Gewerkschaften mussten draußen bleiben. Das änderte sich erst ein wenig, als die New-Economy-Blase an der Börse platze. Doch noch immer hat die klassische Interessenvertretung in der IT-Branche einen schweren Stand.
Mitte der 90er Jahre schien es so, als sei die Arbeitswelt im Umbruch. Die Unternehmen der Informationstechnologie expandierten, beschäftigten immer mehr Menschen und bezogen immer größere und schönere Räumlichkeiten. Es wurde viel von der neuen Unternehmenskultur geredet und tatsächlich sah das alles ja auch etwas anders aus als gewohnt: Die Mitarbeiter kleideten sich leger, duzten sich, kamen und gingen wann sie wollten - beziehungsweise wie es das aktuelle Projekt erforderte. Die Arbeit hatte etwas Spielerisches bekommen. Dirk Buddensiek, Geschäftsführer des Internetdienstleisters Aperto erklärte damals.
"Unsere Form des Kontrollierens geht gegen Null. Wir kontrollieren gar nicht. Bei uns geht es darum: Wir definieren selber Ziele … Und wenn wir sagen, wir wollen das in einer Woche fertig haben, dann haben wir das in einer Woche fertig. Wenn das heißt, dass jemand da nur zwei Stunden am Tag dran sitzt, dann ist das in Ordnung, dann hat jemand seinen Job richtig gut gemacht. Und wenn jemand dafür richtig lange braucht, dann hat er sich verplant, aber hoffentlich kriegt er es fertig."
In diese neue Arbeitswelt passten langweilige Betriebsräte und Gewerkschaften, die alles aushandeln und in Verträgen fixieren wollen, nicht hinein. Die Beschäftigten der Branche zeigten sich trotz erheblicher Bemühungen seitens der Gewerkschaften desinteressiert. Erst als die IT-Blase an der Börse platzte und auch Unternehmen wie Aperto ihre Mitarbeiter rüde auf die Straße setzten, änderte sich dies ein wenig. Im Mai 2001 gab es bei Pixelpark, dem damals größten Multimediaunternehmen Deutschlandlands den ersten Betriebsrat, andere folgten.
Dass dies in der Branche jedoch nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte sich letzte Woche, als die IG Metall, wie zuvor schon ver.di, daran scheiterte, einen Betriebsrat beim Softwarekonzern SAP zu etablieren. Bei SAP, mit 13.000 Beschäftigten allein in Deutschland, einer der großen der Branche, vertreten acht direkt gewählte Repräsentanten die Interessen der Belegschaft im Aufsichtsrat. Eine institutionalisierte Mitbestimmung etwa bei Entlassungen und Einstellungen oder bei der Festlegung der Arbeitzeiten gibt es nicht.
Dies wollte die IG Metall ändern. Sie erzwang eine Abstimmung über die Einführung eines Betriebsrates bei SAP… und verlor: 5632 Mitarbeiter stimmten dagegen und nur 509 votierten dafür. Die Geschäftführung sieht sich in der Haltung bestätigt, dass es in der besonderen SAP-Unternehmenskultur für solche Gremien keinen Platz gibt. IG-Metall-Vertreter sprechen demgegenüber von einer "respektablen Minderheit", die für den Betriebsrat votiert habe, und behalten sich weitere Schritte vor. Ob es der Gewerkschaft so gelingen wird, den SAP-Beschäftigten Klassenbewusstsein zu vermitteln, ist allerdings die Frage.
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