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26.07.2006
Die Zeitungen entdecken jetzt ihre Leser als Nachrichtenzulieferer. (Bild: Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper) Die Zeitungen entdecken jetzt ihre Leser als Nachrichtenzulieferer. (Bild: Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Der Leser als "embedded journalist"

Wenn Zeitungsleser zu Reportern werden

Von Jürgen Stratmann

Das Internet macht es vor: Statt Nachrichten nur zu konsumieren, können auf einigen Websites die Leser selbst die News produzieren. Die Printmedien stehen da nicht nach. Ein norwegisches Boulevardblatt lässt ihre Leser seit drei Jahren Nachrichten schicken - mit phänomenalem Erfolg. Auch deutsche Zeitungen interessieren sich jetzt vermehrt für ihre Leser als Reporter.

Das Phänomen des Leser-Reporters ist vor allem eine Reaktion der Zeitungen auf schwindende Verkaufszahlen und Abwanderung der Leser ins Internet.

Vorgemacht hat es die norwegische Boulevard-Postille "Verdens Gang". Seit drei Jahren sind deren Leser angehalten, einer eigens dafür eingerichteten Redaktion Nachrichten zu schicken - mit phänomenalen Erfolg: Als im Dezember 2004 der verheerende Tsunami im indischen Ozean wütete, meldeten sich von dort sofort einige Leser, die die Redaktionsnummer in ihren Handys gespeichert hatten, und schickten Nachrichten und Fotos. "Verdens Gang" hatte Bericht und Foto auf der Titelseite, lange bevor die ersten Agenturmeldungen über den Ticker gegangen sind.

Und was für Extremsituationen gilt, gilt auch im redaktionellen Alltag: Der Leser-Reporter ist immer als erster am Tatort, ist der Embedded Journalist im täglichen Verkehrschaos, der schonungslose Enthüller alltäglicher Skandale. Tausende Meldungen gehen monatlich bei der Redaktion ein, vom Hausbrand bis zum Promiklatsch, einige der Hinweise schaffen es sogar auf die Titelseite.

Den Wust an Meldungen zu bewältigen, wurde eigens ein internetgestütztes Computersystem entwickelt. Das ist seit Anfang des Jahres auch in Deutschland im Einsatz: Peter Stefan Herbst, der Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung", hat sich in Oslo das System erklären lassen, und die Software gleich mitgebracht.

Nur im Unterschied zu ihren skandinavischen Kollegen bekommen die Freizeit-Reporter von der Saar kein Geld für ihre Dienste, der Name unter Bild oder Artikel muss reichen. Der Grund: Man fürchtet, finanziell übermotivierte Zuträger könnten schnell in lästiges Paparrazzitum abgleiten oder in Notsituationen für das spektakuläre Tatortfoto gar Hilfsdienste behindern. Solche Sorgen hat die "Bildzeitung" nicht: Sie hat für jedes taugliche Foto 500 Euro ausgelobt.


 
 

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