Beeinflusst von der Punkbewegung erschien 1980 die erste Ausgabe des Magazins "Spex". Im Lauf der Jahre wurde die Zeitschrift zur gültigen Stimme der Popkultur in Deutschland. Mit dem Verkauf des Blattes an den Piranha-Verlag und dem Umzug vom Rhein an die Spree soll sich die "Spex" nun in ein Service-orientiertes Spartenblatt wandeln.
Köln im September 1980: Ian Curtis, Sänger der abgründigen Punkband Joy Division, blickt vom Titel der Erstausgabe der Zeitschrift Spex. "Musik zur Zeit" heißt der Untertitel. Soll heißen: Musik, die hier und jetzt wichtig ist, sich zum Zeitgeschehen verhält, die ästhetisch und politisch brisant ist.
Spex entstand aus dem Geist von Punk. Wie in anderen bundesdeutschen Großstädten war die neue Subkultur auch in der Domstadt eingeschlagen. Wichtig war dabei nicht so sehr die ästhetische Form, sondern eine neue Geisteshaltung, die sich radikal von Hippies und 68ern abgrenzte. Der Schriftsteller und ehemalige Spex-Autor Joachim Lottmann erinnert sich im Deutschlandradio Kultur:
"Punks fanden es lustiger, fünf Flaschen Becks-Bier zu trinken und dabei sich intensiv zu unterhalten, anstatt irgendwie am Joint zu ziehen und in irgendwelche Nebel der Geistlosigkeit zu versinken."
Der Zirkel mit der punk-geprägten Do-it-yourself-Haltung war klein aber produktiv. Die einen gründeten eine Band, die anderen ein Label, die Musik-Fans Peter Bömmels, Wilfried Rütten und Gerald Hündgen gründeten die "Spex". Über Bands wie The Clash aus England, die Talking Heads aus den USA oder die Fehlfarben aus Düsseldor konnte man sich die Köpfe heiß diskutieren und die Finger wund tippen. So war "Spex" von Anfang an mehr als eine Musikzeitschrift. Die Macher brachen bewusst mit journalistischen Grundsätzen, ein "Spex"-Text war subjektiv, polemisch und rechthaberisch. Eine kleine aber dafür umso leidenschaftlichere Debattenkultur etablierte sich im Umfeld der Zeitschrift. Im Lauf der Jahre wurde "Spex" zur gültigen Stimme der Popkultur in Deutschland.
Vor allem unter dem Chefredakteur Diedrich Diederichsen, der die Leitung 1985 übernahm, setzte "Spex" Maßstäbe auch über die Musik hinaus. Themen wie Mikropolitik und Dekonstruktion, Queer-, Gender- und Cultural Studies oder der neue Nationalismus nach der deutschen Wiedervereinigung wurden hier diskutiert, lange bevor sie die Feuilletons der bürgerlichen Presse erreichten. Der berüchtigte "Spex"-Diskurs konnte sich so bis Ende der 90er Jahre unter wechselnden personellen Konstellationen mehr oder weniger erfolgreich entfalten.
Dann erreichten die ökonomischen Zwänge das Fundament der Zeitschrift selbst: Der Verlag, bisher von ehemaligen und aktuellen Machern getragen, wurde an den Popzeitschriften-Unternehmer Alexander Lacher und seinen Piranha-Verlag verkauft. "Spex" wandelte sich zum Service-orientierten Spartenblatt. Den vielleicht entscheidenden Schlag erhielt der Mythos vom subversiven Popkulturorgan dann etwa vor vier Wochen, als der Piranha-Verlag nach monatelangen Querelen den Umzug nach Berlin und die Entlassung der letzten noch aus den Reihen des "Spex"-eigenen Dunstkreises herausgewachsenen Redaktion bekannt gab. Ab Januar wird an der ersten Berliner Ausgabe gearbeitet, die Ende Februar erscheinen wird.
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