Der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler lehnt eine Ladenöffnung an Sonntagen ab. Damit werde der Sonntag zum Werktag gemacht, sagte Geißler, Vorstandsmitglied der deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik im Deutschlandradio Kultur.
Liane von Billerbeck: In München am Telefon ist jetzt mein Gesprächspartner Professor Karlheinz Geißler, Wirtschaftspädagoge und Zeitforscher an der Bundeswehruniversität. Ich grüße Sie.
Karlheinz A. Geißler: Guten Morgen, hallo.
Billerbeck: Die Kirchen haben gegen das Ladenöffnungsgesetz von Berlin Verfassungsbeschwerde eingereicht und die "Zeit" hat in der vorigen Woche getitelt "Rettet den Sonntag". Ist es Zeit für eine Bürgerbewegung?
Geißler: Ja, ich denke, das sollten nicht nur die Kirchen machen, ich wundere mich, warum der Deutsche Fußballverband oder die Vereine oder der Verband der Kinobetreiber oder die Brauchtumsgruppen und so weiter, warum die nicht auch Verfassungsklage erheben, denn die wären massiv dadurch geschädigt, wenn der Sonntag wegfallen würde. Alles das, was den Alltag nicht ausmacht, das fällt dann weg.
Billerbeck: Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung arbeiten jetzt schon etwa 10,5 Millionen Menschen immer oder zumindest ab und zu am Sonntag, das sind fast 28 Prozent der Beschäftigten. Ist der Sonntag nicht längst perdu?
Geißler: Na ja, der Sonntag wird angegriffen, der Sonntag ist, wenn man das mal mit einer Metapher bezeichnen will, bereits sozusagen von Krankheit gekennzeichnet, aber wir bringen ja unsere Kranken auch nicht um deshalb, weil sie krank sind.
Billerbeck: Nun ist es aber inzwischen so, dass die Menschen sehr verschieden arbeiten, zeitlich flexibel, also, wir als Journalisten gehören immer dazu. Aber wir wollen uns hier gar nicht in den Vordergrund bringen, das sind ja sehr viele Berufsgruppen, die zeitlich flexibel, abends, nachts und am Wochenende arbeiten. Warum ist es dann so wichtig, am Sonntag Einkaufsruhe zu halten?
Geißler: Weil der Sonntag nicht der Tag des Individuums ist und nicht der Tag der Konkurrenz ist und nicht der Tag eben - und das hat ja eine der Kundinnen eben in diesem Geschäft sehr deutlich gesagt -, der Tag, der einen außer Atem bringt, wie das die Werktage sind, die hetzen, hetzen, hetzen, wo man sich nur im Kreis dreht, wie sie so schön gesagt hat, und genau das würden wir dann am Sonntag.
Der Sonntag ist sozusagen das Prinzip des Anderen, des Entgegengesetzen, des Pausemachens, des Innehaltens, des Nachdenkens, der Besinnlichkeit, der Besinnung. Man kommt sozusagen zu sich selber, und auch die gesellschaftlichen Institutionen, zum Beispiel die Familien, sehen sich ja am Sonntag überhaupt am meisten in der ganzen Woche, das heißt, die kommen zu sich selber. Die Vereine kommen zu sich selber. Die Gesellschaft kommt zu sich selber.
Alles dieses Zu-sich-selber-Kommen, und einen Tag zu haben, an dem man sich inszenieren kann und sich treffen kann und miteinander reden kann, diesen Tag brauchen wir. Die Werktage sind dafür ungeeignet, weil sie sozusagen dem Konkurrenzgerangel gewidmet sind.
Billerbeck: Nun haben wir ja eigentlich zwei freie Tage, jedenfalls theoretisch, und noch ein Teil der Beschäftigten, nämlich den Samstag und den Sonntag. Wieso sollte es denn nun ausgerechnet der Sonntag sein, der ruhig sein soll, frei von Einkaufen, frei von solchen Aktivitäten, frei von diesen Drehungen, von denen Sie gerade sprachen?
Geißler: Das hat natürlich traditionelle Gründe. Der Sonntag ist der Tag der Gemeinschaft, und der Samstag ist der freie Tag des Individuums. So war das gedacht. Deshalb ist der Samstag ja eine Errungenschaft der Gewerkschaften, aber der Sonntag ist eine Errungenschaft, die 5.000 Jahre älter ist, vor 5.000 Jahren gegründet worden ist, damit sich Gesellschaft überhaupt findet.
Ohne Sonntag gäbe es keine Gesellschaft. Man hat, wenn man sich das historisch mal vergegenwärtigt, man hat damals auf Inseln im Zweistromland, in dem Schwemmgebiet, gelebt, und brauchte einen Tag, um sich zu treffen und die gemeinsamen Interessen zu vertreten, die dann auch darin bestanden, gemeinsam zu beten, gemeinsam die Götter anzurufen, damit einem Gutes widerfährt.
Und durch diese Gemeinsamkeit ist der Staat überhaupt erst entstanden, ist Gesellschaft entstanden und sind gesellschaftliche Organisationen entstanden. Ohne diesen gemeinsamen Tag würde jeder vor sich hinwerkeln, ganz alleine auf seiner Insel, und würde der Natur ausgeliefert sein und den Überfällen und was auch immer. Nur durch die Gemeinsamkeit kann man sich gegenüber dem Bösen, gegenüber den Angriffen, gegenüber dem Schlimmen auch ein Stück weit absichern.
Billerbeck: Nun ist es ja so, dass die Kirchen viele Mitglieder verlieren, also, wenn man mal die Zahlen gegenüberstellt, das habe ich in der "Zeit" bei der Kollegin gelesen, dann arbeiten eben 10 Millionen immer oder zeitweise am Sonntag und nur noch 1,3 Millionen gehen beispielsweise in einen evangelischen Gottesdienst in Deutschland. Wie ist denn der Zusammenhang zwischen dem religiösen Grund für den Sonntag und dem sozialen Grund?
Geißler: Na ja, das lief immer in der Geschichte zusammen, das läuft heute etwas auseinander. Früher hat man sozusagen das Religiöse, und so ist auch das Sonntagsgebot entstanden: Kaiser Konstantin, der das 321 eingeführt hat - einer der letzten römischen Kaiser -, hat es auch eingeführt, damit die Gesellschaft stabilisiert wird, nicht aus kirchlichen Gründen.
Er hat sich nur das Kirchliche zunutze gemacht, quasi, um das staatliche Interesse zu realisieren. Deshalb steht es ja im Grundgesetz, und das Grundgesetz hat an dieser Stelle nicht die Kirchen reingeschrieben, sondern Arbeitsruhe und seelische Erhebung, und die ist nicht nur über die Kirchen zu etablieren.
Billerbeck: Sie haben ja schon von den Familien gesprochen, am Sonntag sollen die Familien zusammenkommen, miteinander etwas unternehmen oder miteinander einfach sein. Aber ist das nicht so ein bisschen so das Idealbild der Familie?
In den Familien, in denen ein guter Zusammenhalt herrscht, da ist es ja eigentlich egal, ob da die Geschäfte auch noch auf sind, die würden sie einfach ignorieren. Problematisch ist es eigentlich für die Familien, wo man höchstens zusammen vorm Fernseher sitzt. Ist das richtig, dieser Eindruck?
Geißler: Nicht nur, sondern es gibt ja auch Familien von Menschen, die dann arbeiten müssen, also Verkäuferinnen und so weiter, die werden dann auch sozusagen am Sonntag keine Möglichkeit mehr haben, gemeinsam zu frühstücken.
Und ich finde das einfach eine Errungenschaft, dass immer noch 70 Prozent der deutschen Familien am Sonntag gemeinsam frühstücken. Es gibt kein Essen, keinen Tag, an dem so viel Gemeinsamkeit realisiert wird, erlebt wird, auch heute noch, wie am Sonntag. Es gibt keinen Tag, an dem so viele Familien gemeinschaftlich ins Kino gehen, gemeinschaftlich in den Zoo gehen und so weiter, gibt es nicht. Warum will man das abschaffen? Ich verstehe das überhaupt nicht.
Billerbeck: Die "Süddeutsche Zeitung" hat einmal geschrieben - es war im Wirtschaftsteil, muss man dazu erwähnen -, wer das Gesetz erhalten will, dass die Läden am Sonntag geschlossen sind, der verlangt vom Staat, die einen Bürger vor mehr Arbeit und die anderen vor mehr Lebensqualität zu schützen. Das heißt also, da werden zwei Arten von Freiheit gegeneinander gestellt. Was halten Sie davon?
Geißler: Ich halte es natürlich mit der Lebensqualität insofern für Quatsch, dass man sechs Tage lang diese Lebensqualität hat und dann am siebten Tag eben eine andere Lebensqualität. Ich werde zum Beispiel dadurch, oder, viele Leute werden dadurch behindert, wenn die Geschäfte aufhaben, dann fahren mehr Lastwagen, dann ist mehr Unruhe; dann muss ich, zum Beispiel wenn ich Fußball spielen will, mindestens 15 Anrufe tätigen, damit man sich zu einer Mannschaft zusammenfindet.
Ansonsten weiß ich, um drei Uhr am Sonntag spielen alle Fußball, sind sie alle da, ohne einen einzigen Anruf. Das heißt, die Lebensqualität am Sonntag ist natürlich eine besondere Lebensqualität, die der Kommentator der "Süddeutschen Zeitung" anscheinend nicht zu genießen weiß oder überhaupt nicht kennt.
Billerbeck: Ein Argument, das will ich zum Schluss noch von Ihnen wissen, kam ja auch eben, das es, wenn man die Globalisierung im Blick hat, auch zu betrachten gilt. Es gibt ja viele andere Länder, wo die Läden geöffnet sind, das Beispiel USA kommt da immer. Kann man da Deutschland als Bollwerk "Wir halten am Sonntag alles geschlossen" aufrecht erhalten?
Geißler: Nein, nein, ich habe ja überhaupt kein, oder man muss auch gar nicht dagegen votieren, das tun die Kirchen auch gar nicht, dass in der Bahnhofsnähe was auf ist und Ihre Reportage lief ja darauf hinaus, dass man am Bahnhof was einkaufen kann, wenn man was vergessen hat oder wenn man einer kranken Freundin eine Suppe kochen will.
Natürlich ist das sinnvoll, und das läuft ja auch so. Die Frage ist nur, ob man quasi den Sonntag zum Werktag macht. Das steht zur Zeit zur Debatte. Es steht nicht zur Debatte, ob man was einkaufen kann. In Frankreich zum Beispiel können kleine Geschäfte am Sonntag aufhaben, damit Sie was Frisches kaufen können, damit das Familienessen mit frischen Dingen durchgeführt werden kann. Das ist doch sehr vernünftig!
Da wird sozusagen die Öffnung auf die Familiensituation hin orientiert, das ist durchaus vernünftig. Es geht nur darum, ob Sie den Sonntag zum Werktag machen und ihn dem Prinzip des Kommerz total, genauso opfern wie die anderen sechs Tage auch.
Billerbeck: Der Staat muss den Sonntag schützen, das sagt der Zeitforscher Professor Karlheinz Geißler.
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