Nach der Ermordung von Benazir Bhutto sei die Situation in Pakistan noch aussichtsloser geworden, meint der Berliner Schriftsteller Norman Ohler. Eines der Probleme sei die Sprachenvielfalt im Land, die eine Verständigung untereinander unmöglich mache. Darüber hinaus hätten es junge Autoren, mit denen er gearbeitet hat, schwer, ihre Stimme hörbar zu machen.
Katrin Heise: Pakistan nach dem Bhutto-Attentat. Die Opposition hat der Wahlverschiebung also zugestimmt. Die pakistanische Opposition, das sind ja die pakistanische Muslimliga von Nawas Sharif und die Pakistanische Volkspartei, der nach der Ermordung der charismatischen Benazir Bhutto jetzt ihr Sohn und ihr Ehemann vorstehen. Ein Sympathieschub nach dem Attentat, das wäre der Opposition sicherlich bei den Wahlen sicher gewesen. Man hat also nicht gern dieser sechswöchigen Verschiebung zugestimmt. Das sind so die politischen Querelen dieser Tage. Davon ist viel die Rede, auch davon, dass man der Regierung unter Musharraf eine ehrliche Aufklärung des Attentates eigentlich nicht so recht zutraut. Jetzt soll ja Scotland Yard helfen. Aber wie äußern sich eigentlich die pakistanischen Intellektuellen? Welche Hoffnung hatten sie in die Wahl gesetzt? Was erwarten sie eigentlich jetzt? Der Berliner Schriftsteller Norman Ohler war im Dezember in Lahore in Pakistan. Er saß dort in der Jury eines Literaturwettbewerbs, der wurde durchgeführt von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut, und kann uns jetzt sicherlich einiges über die Stimmung unter den Dichtern erzählen. Herr Ohler, ich freue mich, dass Sie hier sind. Guten Tag!
Norman Ohler: Guten Morgen!
Heise: Sie sind vor dem Attentat nach Berlin zurückgekehrt. Stehen Sie eigentlich im aktuellen Kontakt?
Ohler: Ja, es entstand eine Autorengruppe in Pakistan, als ich dort den Workshop leitete. Das sind 20 junge Autoren aus Pakistan. Und ich bin im Moment fast im täglichen Kontakt mit denen über Telefon oder E-Mail.
Heise: Dann kriegen Sie ja einiges so auch über die Stimmung jetzt mit. Herrschen Angst, Verzweifelung oder wie würden Sie es beschreiben?
Ohler: Es herrscht zum großen Teil Sprachlosigkeit. Diese Sprachlosigkeit ist auch so ein pakistanisches Phänomen, weil in Pakistan leben die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Sprachen. Es fällt den Leuten sehr schwer, sich miteinander zu verständigen. Und jetzt, in dieser Situation, in der diese Schüsse und diese Bombenexplosionen fast alleine zu hören sind, ist es noch schwieriger, die Situation in Worte zu fassen oder Strategien zu formulieren. Da haben auch die Autoren große Schwierigkeiten mit.
Heise: Es sind ja sehr junge Autoren vor allem, die Sie begleitet haben. Die sind so zwischen 25 und 19. Sie haben auch gesagt, Sie haben da einen Schreibwettbewerb geleitet. Sie selber unterhalten einen Blog, einen Pakistan-Blog, im Internet. Da kann man sich auch gerade aktuell informieren. Da hat eine dieser jungen Schriftstellerinnen ein Gedicht, oder Sie haben ein Gedicht übersetzt und dort eingestellt. Ich kann ja mal kurz eine Zeile daraus vorlesen oder den Anfang. Umbreen Butt heißt die Autorin, die ist so um die 20?
Ohler: Ja, sie ist ein bisschen älter. Sie ist 25.
Heise: Na ja. Und zwar beginnt das Gedicht, das heißt "Nicht setzend": "Eine Kugel findet ihr Zuhause. Eine Kriminelle ist tot. Stunden später brennt Karatschi, nicht mit der Trauer der Massen, sondern mit der Wut der Verarmten. Tägliche Frustrationen, sonst ungehört in den Betonkorridoren der Macht." Ungehört, also nicht nur Sprachlosigkeit, sondern eben auch Nichtzuhören auf der anderen Seite. Das war so die Situation?
Ohler: In Pakistan spielt die Familie eine enorm große Rolle. Und in der Familie ist es sehr wichtig, dass sich die Jüngeren unterordnen, dass die Stimme der Eltern, der Älteren gilt. Und das macht natürlich auch den jungen Autoren zu schaffen, die oft ganz einfach nicht für voll genommen werden, bis sie dann tatsächlich heiraten und selbst Kinder haben. Pakistan ist wirklich eine sehr traditionelle Gesellschaft. Von daher ist es natürlich jetzt interessant, wie diese Nachfolge von Benazir Bhutto aufgenommen wird, dass jetzt ihr Sohn plötzlich an der Spitze stehen soll, ein 19-Jähriger. Da sind ja auch die jungen Autoren im Moment noch etwas, die können das auch noch nicht so ganz einordnen, weil, ich glaube, das kann auch niemand im Moment so richtig einordnen, was das bedeutet.
Heise: Sie haben jetzt nicht mitbekommen, dass Sie sagen, endlich jemand aus unserer Generation. Jetzt finden wir mal mehr Gehör?
Ohler: Na, zum einen wird das geäußert. Zum anderen wird aber auch darauf hingewiesen, dass das eine eigentlich undemokratische Nachfolge ist, wenn jetzt einfach der Sohn an die Stelle der Mutter tritt.
Heise: Einer Mutter, die ja offenbar, jedenfalls bei dieser Autorin, auch nicht hoch im Kurs stand. Eine Kriminelle ist tot, das ist ja schon hart.
Ohler: Na ja, Benazir Bhutto war ja rechtmäßig verurteilt. Und vor der Ermordung gab es auch enorm viele kritische Stimmen in Pakistan. Als ich da war in Karatschi und Lahore, hörte man immer wieder, dass niemand Benazir Bhutto mag und dass niemand hofft, dass sie an die Macht kommt. Gleichzeitig ist die Situation in Pakistan so verfahren, dass sie im Grunde die einzige Hoffnung war. Und dadurch, dass sie jetzt ermordet wurde, ist die Lage noch aussichtsloser. Man erkennt jetzt, dass sie, obwohl sie so viel Glaubwürdigkeit schon verloren hatte, dennoch enorm viel Glaubwürdigkeit immer noch inne hatte.
Heise: Ein Dilemma, also Glaubwürdigkeit verloren, durch diesen ganzen Korruptionsvorwürfe eben auch. Die Situation in Pakistan aus Sicht von der jungen Generation der Literaten. Ich spreche darüber mit dem Schriftsteller Norman Ohler, der im regen Kontakt mit pakistanischen Dichtern steht. Das eben zitierte Gedicht hat einige Zeilen später auch eine Zeile, da kommt die Rede darauf, dass die Autorin sich in einem gut bürgerlichen Viertel beschützt, bewacht und taub vor Luxus fühlt. Können eigentlich in einem Land, wo so große Arm-und-Reich-Gegensätze ja auch herrschen, können die Intellektuellen eigentlich dem Volk eine Stimme geben, oder wollen sie das überhaupt?
Ohler: Ja, meine Autoren wollen es auf jeden Fall. Nur es ist für sie sehr schwierig, da sie zur gebildeten Schicht gehören, die auf Englisch sich artikulieren, auch auf Englisch schreiben. Die Mehrzahl der pakistanischen Bevölkerung spricht eben nicht Englisch, sondern Urdu oder Pashto oder Belutsch oder Sindhi oder Punjabi. Diese Leute, die in entfernteren Regionen Pakistans leben, lesen auch nie irgendwie eine englische Tageszeitung oder ein Buch oder sonst irgendwas. Die einzige Möglichkeit für die jungen Autoren, die ich kennenlernte, Leute in Belutschistan oder in den Bergregionen zu erreichen, ist über das Fernsehen. Und viele arbeiten auch für private Fernsehsender, zum Beispiel "GEO-TV". Das ist der wichtigste Fernsehsender in Pakistan. Der hat auch ein Programm auf Urdu, was die meisten Leute in Pakistan sprechen. Allerdings war eine der Maßnahmen, die Präsident Musharraf anordnete, war die Schließung dieses Senders "GEO-TV" und der ist auch heute immer noch geschlossen, obwohl der Ausnahmezustand mittlerweile aufgehoben ist.
Heise: Aber nicht im Bereich Presserrecht. Das heißt, die haben überhaupt keine Chance mehr, sich zu verbreiten, ihre Gedanken zu verbreiten?
Ohler: Im Moment tut die Regierung alles dafür, dass keine Verbreitung von Informationen stattfindet, was ja auch einer der Hauptgründe für die verfahrene Lage im Land ist.
Heise: Sie haben angesprochen, die Sprachlosigkeit einmal aus der Sprachenvielfalt heraus, aber eben auch daraus resultierend, dass eben die Tradition und die junge Generation, Traditionalisten, oder eben auch ältere Generationen, junge Generationen nicht eine gemeinsame Sprache sprechen. Wie versuchen die Autoren, damit umzugehen?
Ohler: Na ja, zunächst muss das Problem mal analysiert werden. Und was so das Verständnis im Moment ist, ist, dass man in Pakistan von einer tiefen Krise der Identität sprechen muss, die eigentlich entstanden ist mit der Entstehung von Pakistan, durch diese Teilung von Indien und dieser Idee der Schaffung eines Zuhauses für die muslimischen Leute des indischen Subkontinents. Das ist eine Konstruktion, die einfach wenig trägt. Und wenn man heute in Pakistan ist, da gibt es wenig Gemeinsames.
Heise: Heute nach 60 Jahren?
Ohler: Ja, das Land ist wirklich in einer sehr, sehr tiefen Krise, weswegen auch Leute davon reden, dass es vielleicht auseinanderfallen könnte, oder dass es Pakistan irgendwann gar nicht mehr geben könnte.
Heise: Sie haben diesen Schreibworkshop geleitet. Sie haben bei einem Literaturwettbewerb mitgemacht. Die Gewinnerinnen muss man ja sagen, von 19, 20 Gewinnern sind 18 Frauen gewesen, junge Frauen. Und Benazir Bhutto, eine Frau, wollte an die Spitze des Staates. Wie ist die Situation der jungen Frauen dort?
Ohler: Na ja, die Situation ist relativ schlecht. Pakistan ist ein männerbestimmtes Land. Dass Benazir Bhutto eine solche Rolle spielen konnte, ist schon sehr ungewöhnlich. Aber dass sie jetzt ermordet wurde, zeigt doch wieder die Aggression, die Respektlosigkeit, und dass eigentlich dort die Gewalt herrscht. Ich glaube, wenn die Gewalt herrscht, dann haben auch gerade Frauen immer das Nachsehen. Und die Texte, die ich bearbeitet habe mit den jungen Autoren, sprechen auch häufig von Gewalt in den Häusern, von sexueller Gewalt in den Familien. Ich glaube, dass es den Frauen in Pakistan nicht sonderlich gut geht. Und es ist auch gerade für die Autoren schwer, ihre Stimme hörbar zu machen. Es wird einfach in Pakistan generell davon ausgegangen, dass Männer das Sagen haben.
Heise: Norman Ohler, Berliner Schriftsteller, der enge Verbindungen zu Pakistan und pakistanischen Dichtern unterhält über eben Pakistan nach dem Bhutto-Attentat. Vielen Dank, Herr Ohler, für Ihren Besuch hier! Ihr Blog ist im Internet zu finden. Ich bedanke mich!
Ohler: Gerne!
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