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08.08.2008
Gigantische Menschenmassen: die Eröffnungsfeier der 29. Olympischen Spiele in Peking. (Bild: AP) Gigantische Menschenmassen: die Eröffnungsfeier der 29. Olympischen Spiele in Peking. (Bild: AP)

Gigantische Show mit Gänsehautgefühl

Intendant Bernd Schmidt über die Olympia-Eröffnungsfeier in Peking

Bernd Schmidt im Gespräch mit Matthias Hanselmann

"Das ist eine Show, die die Welt noch nie gesehen hat", urteilt Berndt Schmidt, Intendant des Berliner Friedrichstadtpalastes, über die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking. Etwas Vergleichbares werde es so bald nicht mehr geben. Denn in Peking seien drei Voraussetzungen für ein derartiges Massenspektakel gegeben: China sei ein autoritäres Regime und eine Kulturnation, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt.

Matthias Hanselmann: Bei mir ist Bernd Schmidt, der neue Intendant des Berliner Friedrichstadtpalastes. Hallo erst einmal. Sie haben die Eröffnungsshow hier bei uns verfolgt am großen Bildschirm. Gleich reden wir über Ihre Meinung zu dieser Show. Da wir aber Radio machen, hören wir noch mal kurz rein in das Vogelnest, das Olympiastadion von Peking, dort ereignet sich zur Zeit das, was uns jetzt Kollege Alexander Bleick schildert.

Inszeniert wurden diese wirklich gigantischen Bilder - man kann es nicht anders sagen - vom wohl bekanntesten chinesischen Filmregisseur, nämlich Zhang Yimou. Und unser Gast ist Bernd Schmidt, der Intendant des Berliner Friedrichstadtpalastes, des größten und legendären Revuetheaters an der Friedrichstraße 107 in Berlin-Mitte. Guten Tag noch mal, Herr Schmidt.

Bernd Schmidt: Hallo, seien Sie gegrüßt.

Hanselmann: Wir haben die Bilder, die unser Korrespondent eben geschildert hat, ja mitverfolgt hier am Bildschirm. Sie sind seit einer Stunde bei uns und durften auf unserem größten im Hause verfügbaren Schirm mitschauen diese Show. Ganz spontan mal, Ihre ersten Eindrücke?

Schmidt: Das ist eine Show, die die Welt noch nie gesehen hat. Und ich wage auch die Prognose, dass keiner, der uns jetzt zuhört, und keiner, der hier im Raum sitzt, so eine Show noch jemals wieder sehen wird, weil da braucht es gewisse Voraussetzungen dazu, und die sind bei China einmalig. Ich glaube auch nicht, dass die sich so wiederholen werden.

Hanselmann: Sie sagen, die sind bei China einmalig. Warum, wegen der Menschenmassen?

Schmidt: Ich glaube, es braucht, um so etwas zu machen, eine gewisse Kulturnation, die China mit seinen 5000 Jahren ist, dieser Symbolreichtum, das Streben nach Harmonie, nach Perfektion. Es braucht aber auch, denke ich, ein autoritäres Regime, um so etwas zu machen, solche Menschenmassen sowohl zu mobilisieren und so anzuhalten, so etwas zu machen, solche Massenszenen. Das sind ja Szenen gewesen mit 1000 Leuten, 3000 Leuten, die das in Perfektion machen.

Das schafft eigentlich nur ein autoritäres Regime, und eines auch, das dann Geld haben muss. Und ich glaube, diese drei Sachen sind zusammen gekommen, autoritär, Geld und eine Kulturnation. Und das ist hier gegeben.

Hanselmann: Können Sie verstehen, wenn es einem bei manchen Szenen auch so ein bisschen Angst und Bange wird, wenn man an vergangene deutsche Zeiten denkt, wenn man an monumentale Auftritte denkt in Zusammenhang mit Sport?

Schmidt: Wenn autoritäre Regime so etwas machen, muss man natürlich auch immer denken, dass da Propaganda mit verbunden ist, die bei Olympia 36... Das waren ja auch ganz fantastische Bilder, die da abgeliefert wurden. Deutschland hat sich da in einem sehr guten Bild präsentiert, von dem man eben weiß, dass es eine große Lüge war.

Hier muss ich allerdings sagen, mit großem Respekt habe ich das zur Kenntnis genommen oder gesehen, dass hier auf Propaganda wirklich verzichtet wurde. Man hat gesehen eine große Revue von wirklich... Man hat die Geschichte Revue passieren lassen. Von der Seidenstraße über Erfindung Papier. Aber die jüngere Geschichte, also jetzt gerade der kommunistische Teil, hat komplett gefehlt. Es ging von der Geschichte zu Lang Lang, dem Pianisten. Ja, beeindruckend finde ich, wenn ein Regime...

Hanselmann: Keine überdimensionale Mao-Bibel zu sehen gewesen.

Schmidt: Nein, es war keine Propagandashow. Und das muss man ihnen schon, würde ich jetzt auch sagen, positiv zurechnen.

Hanselmann: Zhang Yimou ist als Filmregisseur, als Meister der Farbgebung berühmt, wird dafür jedenfalls gerühmt. Bekommt er dafür auch heute von Ihnen Bestnoten dafür?

Schmidt: Ja, also diese Show, wie gesagt, es ist das Beste, glaube ich, und das Größte, was die Welt je gesehen hat. Das ist keine Goldmedaille, das ist Platin. Was da alles zusammengekommen ist an Können von den einzelnen Menschen, aber auch die Choreografie - es waren ja nicht nur einzelnen Choreografien auf dem Platz gut, es war ja auch die Kameraführung perfekt. Das ist ja auch wichtig, dass die Kamera im richtigen Moment auch das richtige einfängt. Das war alles große Klasse.

Hanselmann: Ich mache mal einen kleinen Test. Der Mensch vergisst ja sehr schnell. Was ist Ihnen von dieser Stunde am meisten im Hirn hängen geblieben? Woran können Sie sich am besten erinnern?

Schmidt: Natürlich Massen. Was mir aber auch wirklich imponiert hat, war dieses Feld, wo man erst dachte, es ist eine Hydraulik, wo diese Stäbe hoch und runter gingen, die Schriftzeichen gebildet haben, und am Ende sah man, da sind Menschen drin. Der hat die, 897 waren das, glaube ich, die da sich koordiniert haben durch Musik und vielleicht durch Kopfhörer irgendwie: Aber unglaublich diese Konzentrations- und Geistesleistung. Und auch das Bild sich zu überlegen überhaupt, das war wirklich Gänsehaut.

Hanselmann: Einmal habe ich auch Gänsehaut in einer negativen Art bekommen, da sah man nämlich eine Schulklasse, wunderbar bunt gekleidete kleine Kinder, die alle ganz zufrieden und glücklich waren, und davor stand die Lehrerin und hat doziert. Den Ton haben wir leider nicht gehört. Da wird einem doch ein Bild vermittelt, dass, wie man weiß, in China nicht ganz so ist, wie es dort gezeigt wird.

Schmidt: Das ist absolut wahr. Und es ist natürlich auch so, dass vieles, was hier gezeigt wird, das sieht alles sehr, sehr leicht aus. Das ist es nicht. Wie bei uns ja auch im Friedrichstadtpalast, Ballett sieht leicht aus und ist eine Knochenmühle.

Aber in China muss man natürlich noch mal wissen, das geht natürlich ganz anders zur Sache. Viele von den Artisten, die wir hier sehen, die werden dann auch schon im jüngsten Alter, vier, fünf Jahre, in Artistenschulen kommen die da. Und die werden da auch behandelt, da würde bei uns die Polizei vor der Tür stehen, wenn das so wäre. Da wird mit Menschenmassen so umgegangen.

Hanselmann: Ein schöner Satz, Sie sagten, Ballett sieht leicht aus, ist aber Knochenmühle. Das müssen Ihre Balletttänzerinnen im Friedrichstadtpalast auch erdulden, erleiden.

Schmidt: Absolut, das gehört zum Ballett dazu. Ich glaube, das weiß man eben auch, wenn man eine Tänzerkarriere einschlägt.

Hanselmann: Jetzt kommt der Mann, der das inszeniert hat, Zhang Yimou, vom Film und nicht vom Theater. Sie als Theater-, als Show-, als Revue-Mann, ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, wo Sie sagen, das kann eigentlich nur ein Filmregisseur so inszenieren?

Schmidt: Was, glaube ich, für ihn spricht und was auch richtig war, ihn dafür auszuwählen, ist natürlich, dass er in Fernsehbildern denkt, während viele Bühnenregisseure in Bühnenbildern denken. Und ich glaube, das war sehr, sehr gut, dass er überlegt hat, was wirkt am Fernsehen gut. Und der hat da sicherlich noch ein paar Leute sich zur Seite geholt, die dann in Bühnendingen gedacht haben. Aber ich glaube, das war ein sehr kluger Schachzug, ihn zu nehmen. Er ist auch nicht ganz unumstritten. Er hat ja auch Filme gehabt, die verboten waren. Also insofern fand ich das auch wiederum respektabel, dass man so einen Mann genommen hat.

Hanselmann: Dann sind natürlich auch Astronauten oder Kosmonauten Gigantischerweise hochgeschwebt. Das kam mir auch ein bisschen naiv vor, China stolz auf seine ersten intergalaktischen Flüge.

Schmidt: Na ja, immerhin. Ich meine, es ist für so ein Land natürlich: Wir waren noch nicht oben, Deutschland, wir müssen immer per Anhalter in die Galaxie. Und die haben es selber geschafft. Das ist schon eine Leistung, wenn man so eine Rakete da hoch bringt, wo Leute hoch fliegen, die auch wieder herunter kommen.

Hanselmann: Ist eigentlich die Arbeit eines Regisseurs bei Ihnen, also im Friedrichstadtpalast, in irgendeiner Weise vergleichbar mit der Arbeit dieses chinesischen Regisseurs, oder würden Sie sagen, das ist eine völlig andere Dimension? Also die Dimension ist natürlich anders, aber...

Schmidt: Sie haben uns da vorhin auch toll anmoderiert, und ich sage ja auch immer, wir haben die größte Theaterbühne der Welt und so weiter. Heute bin ich jetzt mal ein bisschen kleinlauter geworden, weil das ist eine gigantische Show.

Wir haben überhaupt nicht die Mittel. Ich habe das vorhin mal ganz kurz hochgerechnet. Ich glaube, wenn das in Deutschland jetzt produziert werden würde, diese Show würde eine viertel Milliarde kosten etwa. Wenn ich 13.000 Menschen, die da Teilnehmen, und da 2500 Euro Grundgehalt nehme, sind schon mal 30 Millionen im Monat, dann nehme ich das drei: Also ich glaube, 200 Millionen ist sicherlich nicht übertrieben. Da sind unsere Budgets ganz anders. Die haben hier aus den Vollen geschöpft. Das können wir natürlich im Friedrichstadtpalast nicht so ganz als städtische Einrichtung.

Hanselmann: Das sagt der Mann, der nicht nur Intendant des Friedrichstadtpalastes ist, sondern auch Regionalchef der Stage Entertainment in Stuttgart war, mit zwei richtig großen Musicalhäusern internationale Topproduktionen gemacht hat wie Mama Mia. Ich bedanke mich ganz herzlich, dass sie hergekommen sind und sich dazu geäußert haben für unsere Hörerinnen und Hörer. Das war Bernd Schmidt, der Intendant des Berliner Friedrichstadtpalastes zur Inszenierung dieses gigantischen Massenspektakels. Danke schön.


 
 

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