Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
22.09.2008
Geldhaufen (Bild: Stock.XCHNG / Sanja Gjenero) Geldhaufen (Bild: Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die religiösen Momente des Geldverkehrs

Forscher Jochen Hörisch: Geld ist ein Versprechen

Jochen Hörisch im Gespräch mit Katrin Heise

Nach Ansicht des Literatur- und Medienwissenschaftlers Jochen Hörisch basiert unser Finanzsystem auf Glauben und Vertrauen. Die ganze Geldsphäre sei "theologisch, religiös durchdrungen", etwa dann, wenn von der "unsichtbaren Hand des Marktes" gesprochen werde, die nicht hinterfragt werden dürfe. Doch blieben die Folgen dieses Systems nicht abstrakt, sondern führten wegen ungerechter Verteilung zu Armut und Hunger.

Katrin Heise: Als der Mensch noch Tierhäute gegen Getreide tauschte, da hatte er was in der Hand und wusste genau, wie reich oder arm er war. Als das Geld Einzug hielt, da musste er sich an dieses abstraktere Tauschobjekt erst mal gewöhnen. Doch inzwischen nehmen wir immer weniger Geld in die Hand tatsächlich, Münzen und Scheine verschwinden aus dem Zahlungsverkehr. Wir zahlen mit Karte und erfahren durch einen schlichten kleinen Strich, das Minus nämlich, auf dem Kontoauszug, dass wir weniger als nichts besitzen. Unser Verhältnis zum Geld wird immer abstrakter. Was bedeutet das eigentlich? Darüber möchte ich mich mit Jochen Hörisch unterhalten. Er ist Professor für Literatur und Medienwissenschaft an der Universität Mannheim und hat sich in Publikationen und Vorträgen immer wieder mit Geld auseinandergesetzt. Herr Hörisch, ich grüße Sie!

Jochen Hörisch: Guten Tag!

Heise: Zahlen Sie eigentlich Ihre Wochenendeinkäufe in bar oder mit Karte?

Hörisch: In der Regel mit Karte, denn ich finde den Zauber, der da drin steckt, so überwältigend, dass ich das geradezu hinterwäldlerisch fände, wenn ich noch bar bezahlen würde.

Heise: Der Zauber, der Sie dann überkommt, wenn Sie später erfahren, wie viel Sie eigentlich ausgegeben haben?

Hörisch: So ist es. Dann kommt immer der große Augenblick, wo man merkt, dass alle Guthaben Schulden sind und umgekehrt. Also die Schulden, die ich gegenüber dem, was weiß ich nicht was, dem Supermarkt habe oder der Kreditkartenausgabestelle, das sind natürlich die Guthaben, die die haben. Es ist übrigens ein ganz, ganz simpler Punkt, der so häufig vergessen wird, egal ob beim sogenannten kleinen Konsumenten oder bei Zentralbanker, dass alle Schulden Guthaben sind. Also die riesengroßen Schulden, die etwa die Bundesrepublik hat, sind die Guthaben, die Leute haben - ich gehöre nicht dazu -, die etwa Bundesschatzbriefe besitzen. Also die 1,6 Billionen sind nicht weg, die sind nur woanders. Der Guthabenberg und das Schuldenloch sind ein und dasselbe.

Heise: Ist das tröstlich für Sie?

Hörisch: Es ist deshalb tröstlich, und gerade das wird eigentlich bei der Kreditkarte, die ja schon so heißt, dass wir mit unseren Schulden bezahlen, weil es dann transparenter wird und man ein bisschen von der Magie, das kann ja entsetzliche Magie sein, dass kann ja wirklich schwarzer Zauber sein, das kann ja böser Harry-Potter-Zauber sein, dann doch ein bisschen transparenter wird. Das Schlimme ist ja, dass viele wirklich die relativ einfachen Grundüberlegungen und Grundstrukturen des Finanzlebens nicht verstehen.

Heise: Und manchmal hat man den Eindruck fast, auch nicht verstehen sollen.

Hörisch: Ja, was man nicht versteht, kann ja besser funktionieren. Wollen wir wirklich wissen, ob das mit der Transsubstantiation klappt, wenn wir fromme Christen sind, oder sagen wir, das wird die Kirche schon richten, das weiß die Priesterklasse besser. Wollen wir wirklich wissen, was unser Ehepartner oder unsere Liebste über uns denkt oder nicht? Also ab und an ist es in der Tat vorteilhaft für das Funktionieren, nicht zu wissen, wie etwas funktioniert. Bei mir galt das zum Beispiel auf der Ebene von Automobiltechnik. Ich kann nicht beschreiben, wie das Auto funktioniert, in dem ich sitze.

Heise: Letztendlich ist man vom Geld aber doch auch immer wieder abhängig und sollte vielleicht doch ein bisschen was darüber wissen. Wie kann man den Umgang mit diesem zunehmend virtueller werdenden Tauschobjekt eigentlich lernen, jetzt mal ganz real gemeint? Jugendliche vertelefonieren Hunderte von Euro, weil sie kein Verhältnis mehr zum Wert herstellen.

Hörisch: Ja, weil der Wert omnipräsent ist und auf eine Art und Weise selbstverständlich ist, dass man gar keinen Anlass hat, viel nachzufragen, es sei denn, man merkt auf einmal, ich habe da so einen schwachsinnigen Klingelton runtergezogen oder habe die falsche Nummer, die mit 0190 oder so was anfängt, gewählt, und auf einmal hat man als Jugendlicher, der nicht sehr liquide ist, ein Riesenproblem mit seinen Eltern und man hat 200, 300, 400 Euro Schulden an der Hacke. Und in dem Augenblick wird es deutlich.

Und ich habe die abenteuerliche These, dass diejenigen, die wirklich professionell sich im Bankenbereich bewegen im Augenblick, Stichwort Bankenkrise, Kollaps der Finanzplätze, nicht viel gescheiter sind als diejenigen, die nicht wissen, dass Handy-Telefonieren Geld kostet.

Heise: Das heißt, dass die eben jetzt erst aufwachen?

Hörisch: Dass die jetzt erst aufwachen. Und warum?

Heise: Zu unserer aller, ja, nicht Überraschung, aber zu unserer aller Misere dann ja letztendlich.

Hörisch: Zu aller Überraschung nicht. Auch das wundert mich, es gibt doch eine ganze Reihe von Leuten, die das vorhergesagt haben. Ich nehme jetzt mal einfach so eine harmlose, im positivsten Sinne harmlose Gestalt, es ist ja kein losgelassener Sozialist, wie den Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Der schreibt seit Jahren in der "Zeit": Leute, die Sache geht schief. Die hohen Spezialisten, die Anhänger der reinen neoliberalen Lehre aber, die haben gesagt, nein, das ist alles eingepreist, der Markt funktioniert.

Kein Markt war so liberal, war so wenig reglementiert wie der Finanzmarkt. Und diejenigen, die wirklich eine reine Lehre vom reinen Markt vertreten, die haben nun große Nachholbedürfnisse, wenn sie erklären wollen, warum sie so systematisch falschgelegen haben. Ich finde, man muss wieder ein wenig strenger werden. Die Leute, die falschgelegen haben, die Risiken eingegangen sind, die sie nicht vertreten konnten, die müssen entweder Geld verlieren oder sie müssen Renommee verlieren. Die eine Theorie war richtig, die andere war falsch.

Heise: Münzen und Scheine verschwinden immer mehr aus unserem Zahlungsverkehr. Was bedeutet das eigentlich? Das ist unser Thema im "Radiofeuilleton" mit Jochen Hörisch. Herr Hörisch, was ist denn eigentlich Geld noch für uns, wenn an den Börsen mit Hoffnungen, Erwartungen, Versprechen spekuliert wird ja letztendlich, und am Ende kommt eine Summe raus ohne Gegenwert?

Hörisch: Dann ist Geld eben ein Versprechen. Es ist nichts anderes als ein beglaubigungswürdiges Medium. Wir müssen dem Geld selbst Kredit geben, damit wir dasjenige, was am Geld Kredit ist, auch genießen können. Und man merkt eigentlich, wie stark die ganze Geldsphäre theologisch, religiös durchdrungen ist. Die "invisible hand" des Marktes, die unsichtbare Hand des Marktes, die alles so herrlich regieret, die darf man nicht infrage stellen. Wir dürfen heute die Existenz Gottes infrage stellen, aber wer ernsthaft sagt, sollte die unsichtbare Hand des Marktes unsichtbar sein und heißen, weil es sie nicht gibt, der wird von Vertretern der reinen marktwirtschaftlichen Lehre angeguckt, als würde er einer satanischen Sekte angehören.

Kurzum, ich will nur darauf raus, das Gespenstische am Geld ist, dass es nur dann funktioniert, wenn wir es beglaubigen. Im Augenblick merken wir, dass man auch dran glauben muss, wenn man ans Falsche glaubt.

Heise: Ich lese auch dieser Tage immer wieder, das ist so, was Sie eben auch gerade sagen, die Währung, die jetzt erschüttert ist, das sei die Währung des Vertrauens. Wie lässt sich denn diese Währung wieder stabilisieren?

Hörisch: Sie lässt sich nur dadurch stabilisieren, das sieht man ja im Augenblick sehr stark, wenn eine Instanz, auf die wir eigentlich alle reinhauen, aber die wir alle brauchen, nämlich einen Staat, ich sage ganz bewusst ein starker Staat, nicht als Polizeistaat, sondern als Finanzstaat, der interveniert, wenn wir ein Marktversagen haben, wenn der eintritt. Es ist gewissermaßen der Big Brother, der die Hosenträger anhat und der es noch einmal richten kann, wenn die - ich sage es mal bewusst beleidigend - die Fuzzis auf den Finanzmärkten nicht mehr durchblicken. Also man merkt einfach, dass man die Autoritätsebene, die Garantieebene wechselt.

Heise: Ein Aspekt, den ich eigentlich noch ganz gerne ansprechen würde, ist der, je weniger man tatsächlich besitzt, desto eher hat man noch Scheine und Münzen in der Hand, denn Kreditkarten gibt es, beispielsweise in Deutschland, erst ab einem bestimmten Kontostand. Wer auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, der wird zum Teil sogar wieder in Sachleistungen ausgezahlt. Was bedeutet eigentlich dieser soziale Unterschied? Er hat ja auch was Erzieherisches.

Hörisch: Der hat eindeutig was Erzieherisches. Es heißt eben wirklich, dass man umso mehr Kredit hat, dann kriegt man die Gold Card und dann kriegt man die Platinum-Karte, je mehr man darstellt, je beglaubigungswürdiger man ist. Und wir haben natürlich in der Weltgesellschaft, die sich als Informations- und Geldgesellschaft beschreibt, das riesengroße Problem, dass immer mehr Leute ausgeschlossen sind. Wer heute kein Girokonto hat, latent auch schon, wer keine Kreditkarte hat, der fliegt eigentlich raus und gehört, nicht nur metaphorisch gesprochen, in die Gettos und in die Favelas.

Und ich denke, dass das Verhältnis zwischen Realökonomie sozusagen, ich meine, ganz platt, aber deshalb nicht falsch illustriert, der Reis, der gehandelt wird an den Börsen, wo man Futures macht und drauf spekuliert, dass der Preis für Grundnahrungsmittel wie Reis steigt, ist zugleich der Reis, den andere Leute essen müssen, damit sie ernährt werden können. Und da wird die Drift zwischen denen, für die Reis ein Tauschwert ist, und denjenigen, die ihn brauchen, um weiterleben zu können, immer größer.

Und es gehört nicht viel Prophezeiungskraft dazu, um zu sagen, da kommt ein riesengroßes Problem auf uns zu. Das ist abstrakt gesehen das Problem des Verhältnisses von Finanzökonomie und Realökonomie. Es ist real gesehen das Verhältnis von wirklich ungerechtfertigter, falscher Verteilung mit unglaublichem Sprengstoff.

Heise: Und da ist dann plötzlich gar nichts Tröstliches mehr zu finden?

Hörisch: Da ist nur noch sehr wenig Tröstliches zu finden, es sei denn der vielleicht schwache Trost, dass man aus Fehlern, die sich so massiv einstellen wie jetzt, auch lernen kann. Man stellt dann einfach fest, dass der Spitzenmanager einer Bank, die gerade Pleite gemacht, im letzten Jahr noch 50 Millionen Boni gekriegt hat, und dann ist es eben nicht bloß gelbe Neidpsychologie, wenn man sagt, wie soll man was lernen, wenn man für falsches Verhalten noch so belohnt wird, und andere, die sich eigentlich nicht falsch verhalten, so bestraft werden, dass sie buchstäblich nicht wissen, wie sie satt werden sollen.

Heise: Sagt Jochen Hörisch, Autor des Buches "Die Poesie des Geldes" und Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Universität Mannheim. Herr Hörisch, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch.

Hörisch: Vielen Dank für Ihr Interesse.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 02:05 Uhr
Tonart
Nächste Sendung: 06:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Thema

Deutschland will das umstrittene ACTA-Abkommen vorerst nicht unterschreiben

Sendezeit: 10.02.2012, 16:10

Ein Dokumentarfilm auf der Berlinale zeigt das Weltbild israelischer Soldaten

Sendezeit: 10.02.2012, 15:10

"Du bist jetzt selbst verantwortlich" - für mehr Vertrauen in Pubertierende

Sendezeit: 10.02.2012, 14:09

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link