Experten würden in Zukunft nicht mehr nach Finnland, sondern nach Thüringen fahren, um sich das Schulsystem anzusehen, mutmaßt Renate Valtin nach dem guten Abschneiden des Bundeslandes in der IGLU-Studie, die die Lesekompetenz in der Grundschule untersucht. In Thüringen gelte noch die DDR-Mentalität: Wir lassen keinen zurück!
Jürgen König: Wie gut sind unsere Kinder im Lesen? Liest ein achtjähriger Münchener besser als ein achtjähriger Kieler? Lesen Mädchen besser als Jungen? Diesen Fragen ging die IGLU-Studie nach, die heute Vormittag vorgestellt wurde. IGLU steht für Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung. Die Lesetests selber wurden schon vor zwei Jahren durchgeführt, 2007 wurden die Ergebnisse im internationalen Vergleich vorgestellt. Damals befand sich Deutschland auf Platz 11, was bei Bundesbildungsministerin Annette Schavan ziemliches Entzücken hervorrief. Heute nun also wurde bekannt gegeben, was diese Lesetests aussagen über die Lesefähigkeiten der Kinder in den einzelnen deutschen Bundesländern. An der Auswertung der Studie beteiligt war Renate Valtin, sie ist eremitierte Professorin der Humboldt-Universität Berlin, Professorin für Grundschulpädagogik und sie ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben. Frau Valtin, der Schulforscher Wilfried Bos hat die Studie heute vorgestellt und gesagt, in fast allen Bundesländern könnten die Grundschüler am Ende der vierten Klasse mit ihren Leseleistungen im internationalen Vergleich bestens mithalten. Zitat: "Die Grundschule in Deutschland hat ihre Hausaufgaben gemacht." Teilen Sie diesen Optimismus?
Renate Valtin: Ja, ich würde den Zusatz hinzusetzen, das gilt für einige Länder mehr und für einige Länder leider weniger. Insgesamt kann man sagen, alle Länder liegen relativ nah am deutschen Mittelwert. Deutschland liegt signifikant oberhalb des OECD-Wertes, während ja bei PISA die Jugendlichen so gerade am OECD-Mittelwert rumknapsen. Also im internationalen Vergleich liegen wir gut, und die meisten Bundesländer liegen nicht bedeutsam unterschieden von Deutschland. Schlusslichter sind Hamburg, Bremen und Berlin, also die Stadtstaaten. Da weiß man, die haben immer besondere Probleme: Hoher Anteil an Arbeitslosigkeit, Strukturschwäche des Gebiets, Hartz-IV-Empfänger, die Bildungsferne der Elternhäuser macht hier einen gewaltigen Faktor aus. Aber erfreulich ist, dass Thüringen also signifikant über dem deutschen Mittelwert liegt und auch in zwei Bereichen Weltspitze ist. Thüringen hat den geringsten Anteil der Kinder auf niedrigem Leseniveau. Die PISA-Forscher sagen ja dazu Risikogruppe, ich finde diesen Ausdruck nicht so besonders gut, denn …
König: Risikoschüler sind Schüler, die auch einfachste Texte beim Lesen nicht verstehen?
Valtin: Ja, aber Risikoschüler ist ein schlechter Ausdruck. Die Schüler sind ja kein Risiko, die Schüler haben ein Risiko. Ich nenne sie die Sorgenkinder. Also der Anteil der Sorgenkinder ist in Thüringen erfreulicherweise weltweit am allergeringsten. Am größten ist er allerdings auch in den Stadtstaaten mit über 20 Prozent.
König: Was macht Thüringen, was machen die thüringischen Grundschulen anders als die Grundschulen anderer Länder, dass es zu diesen Ergebnissen kommt?
Valtin: Ja, das werden wir in den nächsten Monaten versuchen herauszufinden. Ich nehme mal an, dass jetzt die Bildungsinteressierten nicht mehr nach Finnland fahren, sondern nach Thüringen fahren und sich das Schulsystem dort ansehen. Was also klar ist: In Thüringen gibt es noch die alte DDR-Mentalität bei den Lehrern, die sagt: Wir lassen keinen zurück. Die Lehrer fühlen sich verantwortlich für den Lernerfolg der Schüler und Schülerinnen. Und diese Verantwortlichkeit ist insgesamt in Deutschland relativ gering. Wir hatten eine Frage an die Schulleiter gestellt, die sollten die Frage beantworten oder zu der Frage Stellung nehmen: An unserer Schule fühlen sich die Lehrer für den Misserfolg der Schüler und Schülerinnen verantwortlich.
König: Und welche Antworten haben Sie gehört?
Valtin: Innerhalb von Deutschland sind das zwei Prozent, die sich verantwortlich fühlen, nach Aussagen der Schulleiter. Und in Thüringen lag dieser Anteil wesentlich höher.
König: Lassen Sie uns noch mal auf die drei Letztplatzierten, die drei Stadtstaaten kommen. Der Anteil der wie Sie sagen Sorgenkinder liegt bei deutlich über 20 Prozent, also der Schüler, die auch einfache Texte nicht verstehen können am Ende ihrer Grundschulzeit. In den meisten Flächenländern sind das nur rund 10 Prozent. Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, die Probleme, die Sie schon skizziert haben, zu lösen, oder müssen wir uns einfach daran gewöhnen, dass das auf absehbare Zeit so bleibt, dass immer diese drei Stadtstaaten hintenan liegen?
Valtin: Nein, ich denke, dass man doch eine ganze Menge tun kann. Im Vergleich von IGLU 2001 und 2006 zeigt sich ja auch, dass Bremen eine bedeutende Verbesserung der Leseleistung erreichen konnte. Also es hat sich schon etwas getan. Es gibt zahlreiche Maßnahmen, wie man diesen Anteil der schwachen Leser vermindern kann: Einmal durch eine gute vorschulische Erziehung, die sollte in Deutschland obligatorisch sein und sie sollte kostenlos sein. Die Erzieherinnen müssen besser ausgebildet werden. Hinzu kommt, dass in Deutschland die Lesesozialisation, also die Bedingungen der Förderung des Lesens im Elternhaus, auch nicht besonders günstig sind. Und gerade in den Stadtstaaten kommen sehr viele bildungsferne Elternhäuser zusammen, die dann natürlich auch keinen besonders günstigen Einfluss auf die Leseentwicklung der Schule haben. Man muss ja sehen, Leseleistung ist nicht nur ein Ergebnis der Schule, sondern Lesekompetenz, das ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren in häuslicher, vorschulischer, auch die Freunde haben einen Einfluss darauf. Und in Stadtstaaten ballen sich soziale Problemlagen. Aber ich denke, durch eine gute Vorschulerziehung, durch Sprachförderung der Kinder schon im Vorschulalter und durch besondere Maßnahmen in den ersten Schuljahren, wo schwache Leser besser unterstützt werden als heute, könnte man das Problem doch sicherlich mindern.
König: Lassen Sie uns auf die Jungen und die Mädchen zu sprechen kommen. Über die Leseleistung der Jungen hat man schon nach dem ersten PISA-Test gesagt, sie würden der der Mädchen um rund ein Schuljahr hinterherhinken. Ist es dabei geblieben oder hat sich der Abstand womöglich noch vergrößert?
Valtin: Also diese Ergebnisse sind bei den Jugendlichen zu beobachten, wo es einen großen Leistungsvorsprung der Mädchen gibt. Im Grundschulalter ist der Leistungsvorsprung in Deutschland recht gering, er beträgt insgesamt, glaube ich, nur sieben Punkte, das ist wirklich ganz, ganz wenig. Und interessanterweise lesen in Berlin die Jungen sogar geringfügig besser als die Mädchen. Also der Leistungsvorsprung der Mädchen ist nichts Naturgegebenes. Er hängt auch sehr stark mit der Sozialisation zusammen, mit der Leseförderung in der Schule. Es gibt allerdings auch Länder in Deutschland, also wie Saarland, Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wo der Unterschied etwas größer ist, 18 Punkte.
König: Also die Mädchen ein bisschen besser sind?
Valtin: Wo die Mädchen ein bisschen besser sind, aber das ist ein Vorsprung von einem Drittel Schuljahr, das ist nicht so bedenklich. Bedenklicher ist, dass die Lesemotivation der Jungen so viel ungünstiger ausgeprägt ist als die der Mädchen. Im internationalen Vergleich lesen die deutschen Kinder gerne, sind motiviert, aber es gibt doch schon in der Grundschule erhebliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.
König: Woraus viele Bildungsforscher den Schluss gezogen haben, man müsse die Jungen nun besonders gezielt fördern. Was halten Sie davon?
Valtin: Ja, das halte ich auch für eine gute Idee. In vielen Ländern hat das ja auch schon gefruchtet, da gibt es keine Unterschiede mehr. Und spannend ist ja auch, dass die Leistungsverbesserungen, die in der Grundschule von IGLU 2001 zu 2006 zu beobachten waren, auf Kosten der Jungen gehen. Also die Jungen haben mehr zugelegt als die Mädchen. Und ich denke, da hat …
König: Die sind besser geworden?
Valtin: Die sind besser geworden als die Mädchen. Und ich denke, das hat auch dazu beigetragen, dass in der Schule sehr viele Förderprogramme für Jungen verfolgt worden sind, dass der Lesestoff auch stärker auf Jungen zugeschnitten worden ist. Aber einige Länder können da durchaus noch zulegen.
König: Zum Beispiel?
Valtin: Saarland, Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, da ist der Unterschied zu den Mädchen etwa 15 Punkte. Das ist nicht so beunruhigend dieser Punktunterschied, wenn man bedenkt, dass der Unterschied in der Leseleistung zwischen Kindern aus bildungsfernen und bildungsnahen Elternhäusern 70 Punkte beträgt, in Berlin zum Beispiel, da sieht man, die Knackpunkte sozusagen ist die Bildungsferne des Elternhauses und nicht so sehr …
König: Daran können ja die Schulen zunächst mal auch nicht so sehr viel ändern.
Valtin: Da können sie zunächst wenig ändern, da ist auch nicht nur die Schulpolitik gefragt, da ist die Sozialpolitik gefragt, es müssen einfach auch mehr Geld für Kinder ausgegeben werden jetzt. Wenn man liest, dass die Kindergelderhöhung von 10 Euro bei den Sozialhilfeempfängern angerechnet werden soll, also gar nicht bei den Familien ankommt, dann ist das für ein so reiches Land wie Deutschland wirklich eine Schande.
König: Und vergessen wir nicht, jede Mutter und jeder Vater sind auch gefragt.
Valtin: Ja, das selbstverständlich auch. Und hier muss man auch sagen, Deutschland, das sich ja gern als Land der Dichter und Denker bezeichnet, hat in Bezug auf Leseförderlichkeit des Elternhauses schlechte Noten. Also die Eltern kaufen Kindern seltener Bücher als in anderen Ländern, sie sprechen seltener mit ihnen über Bücher, sie gehen seltener mit ihnen in Bibliotheken. Also diese ganze kulturelle Förderung der Lesepraxis, mit der ist es in den Elternhäusern nicht so besonders gut bestellt.
König: Alles zusammengenommen, was sagen diese Ergebnisse der IGLU-Studie über die Bildungssituation in den unterschiedlichen Bundesländern aus oder anders gefragt, mit welchen Mitteln hat ein Bundesland besonders gute oder vielleicht auch besonders schlechte Ergebnisse erzielt? Lassen sich daraus irgendwelche Rezepte für die Allgemeinheit ableiten?
Valtin: Bislang haben wir nur die Leistungen der Länder, die Leseleistungen in den Ländern verglichen, die Motivationslage und die Lage in den Elternhäusern. Wir haben auch ein paar schulische Rahmenbedingungen erforscht, zum Beispiel Klassengröße oder Unterrichtszeit, aber man kann keine kausalen Erklärungen daraus ableiten. Also Thüringen hat zum Beispiel weniger Unterrichtszeit im Lesen und gibt weniger Geld aus und ist trotzdem an der Spitze. Es gibt keine Einzelfaktoren, und es ist aufgrund so einer Querschnittserhebung sehr schwer. Man müsste spekulieren über Ursachen. Und zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, das zu machen.
König: Also es geht voran, aber im Schneckentempo: die IGLU-Studie im Bundesländervergleich. Ein Gespräch mit Renate Valtin, eremitierte Professorin der Humboldt-Universität Berlin, Professorin für Grundschulpädagogik. Die IGLU-Studie ist im Wachsmann Verlag erschienen, ist in Buchhandlungen also zu haben, oder Sie können die Studie auch im Internet nachlesen, IGLU-E 2006 heißt sie.
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