Dass sich ehemalige NS-Zwangsarbeiter zunächst nicht ausführlicher über ihr Schicksal äußern könnten, liegt Nicolas Apostolopoulos, Leiter des heute vorgestellten Online-Projekts "Zwangsarbeit 1939 - 1945" an der FU Berlin, zufolge daran, dass sie Zeit bräuchten: "Es gibt eine Zeit des Schweigens - immer, wenn es eine grausame Tat gegeben hat."
Katrin Heise: Was es bedeutet hat, von den Nationalsozialisten zur Arbeit in Rüstungsfabriken, im Straßenbau oder sonstwo gezwungen worden zu sein, welche Lebensbedingungen, welches Leid für die Betroffenen damit verbunden war, das wird oft er klar, wenn man einzelne Lebensgeschichten hört. Auf dem Online-Archiv unter der Adresse www. zwangsarbeit-archiv.de erzählen über 590 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihren Lebensweg.
Einen Schwerpunkt bilden die Berichte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Mittel- und Osteuropa. Heute wird dieses Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei mir im Studio ist der Projektleiter und Medienwissenschaftler Nicolas Apostopoulos (gemeint ist: Apostolopoulos, Anm. d. Redaktion) von der Freien Universität Berlin. Guten Morgen, Herr Apostopoulos.
Nicolas Apostolopoulos: Guten Morgen!
Heise: Interviewt wurden Menschen aus 26 Ländern für dieses Projekt. Was hat es diesen Menschen bedeutet, ihre Geschichte zu erzählen?
Apostolopoulos: Nun, Sie können sich vorstellen, wie sich diese Menschen gefühlt haben nach Ende der nationalsozialistischen Zeit. Es hat eine lange Zeit des Schweigens gegeben, und dieses Schweigen wurde im Wesentlichen durch das Visual History Archive der Shoah Foundation in den 90er-Jahren gebrochen.
Da haben die ersten Zeitzeugen angefangen, über ihr Leben in großem Umfang zu berichten. Genau in diesem Zusammenhang ist auch im Rahmen der Stiftung "Erinnerung Verantwortung und Zukunft" eine Initiative ergriffen worden, Menschen zu befragen über ihr Leben vor, während und nach der nationalsozialistischen Zeit als Sklavenarbeiter.
Heise: Es muss ja ein Vertrauensverhältnis bestehen, wenn so jemand auch nach vielen Jahren des Schweigens - zum Teil in der Heimat auch wieder verurteilt zum Schweigen -, um da die Lebensgeschichte zu erzählen. Es muss genügend Zeit da sein, die Sprache spielt eine Rolle. Wie wurde das alles sichergestellt?
Apostolopoulos: In der Tat ist es so, dass die Stiftung sich damals an die Fernuniversität Hagen gewandt hat, die die ganzen Interviews wissenschaftlich, aber auch psychologisch organisiert hat. Es hat Interviews gegeben in den einzelnen Ländern, insbesondere natürlich in dem ehemaligen Ostblock, und die Interviewer selbst haben die Zeitzeugen aufgesucht. Sie haben mit ihnen gesprochen und waren natürlich auch während des Interviews sehr zurückhaltend in Fragen, haben einfach die Menschen erzählen lassen.
Es ging ja nicht darum, die Menschen zu befragen, was passiert ist, sondern ihnen die Gelegenheit zu geben, aus ihrem eigenen Leben, aus ihren Erfahrungen, von der Kindheit an über die Jugend, dann während der nationalsozialistischen Zeit und danach, auch die Folgen, diese Zwangsarbeit, selbst zu berichten und den eigenen Gefühlen auch eine gewisse Äußerung zu geben.
Heise: In welchen Sprachen hören wir die Interviews jetzt auf der Webseite?
Apostolopoulos : Wir haben Audio- und Videointerviews. Beide sind im Originalton, das heißt also, es gibt sowohl deutsche Interviews als auch polnische, ukrainische, russische, auch italienische, und diese Interviews hört man in der Originalsprache. Sie sind transkribiert, das heißt, man kann auch den Text dazu bekommen. Es wird Schritt für Schritt für alle diese Interviews Übersetzungen geben in die deutsche Sprache, die dann eingeblendet werden, sodass man, während man das Interview hört - so wie man im Fernsehen einen ausländischen Gast sich anhört -, dann also den deutschen Sprecher beziehungsweise Untertitel sieht.
Heise: Ich habe gelesen, dass einer, der Ihnen Auskunft gegeben hat, der über sein Leben erzählt hat, zum Beispiel der spanische Schriftsteller Jorge Semprún war. Es sind aber genauso Menschen, die vollkommen unbekannt sind und Menschen aus allen Opfergruppen zu Wort gekommen.
Apostolopoulos : Das ist das Wichtige an diesem Archiv. Wir haben nicht selektiert nach Persönlichkeiten. Es gibt natürlich auch Personen, die bekannt sind. Aber im Wesentlichen geht es darum, tatsächlich die Menschen, die in der Sklavenarbeit tätig gewesen sind, einzelne Personen, deren Schicksale kennenzulernen und so ein Gefühl zu vermitteln, dass es jedem passieren konnte, sowohl Prominenten als auch einfachen Menschen, Kriegsgefangenen oder aber auch Personen aus der normalen Bevölkerung, die also zwangsrekrutiert worden sind.
Heise: Sie haben gesagt, es geht aber auch nicht nur um das Leben als Zwangs- oder Sklavenarbeiter, sondern auch um das Danach. Wir erfahren also auch etwas über die Lebensumstände, die die Menschen dann in ihrer Heimat wieder gefunden haben.
Apostolopoulos : Ja, das ist das Entscheidende bei den Zeitzeugeninterviews, dass sie schon vor der nationalsozialistischen Zeit, während und danach ihr Leben und über ihr Leben und das, was sie erlebt haben, berichten. Diese Personen geben uns dadurch einen Eindruck ihres ganzen Lebensgangs. Wir sehen also, wie sie in diese Zeit hineingewachsen sind, was ihnen dort widerfahren ist und sehen dann anschließend, wie sie mit diesen Erlebnissen fertiggeworden sind und was aus ihnen auch geworden ist und wo sie jetzt leben und wie sie das verarbeiten konnten.
Heise: Und unter welchen Umständen sie auch leben. Nicolas Apostopoulos (gemeint ist: Apostolopoulos, Anm. d. Redaktion) von der Freien Universität im "Radiofeuilleton" zum Onlinearchiv über Zwangsarbeit, welches heute der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Sie bieten mehr auf dieser Webseite als nur Zeitzeugeninterviews. Was enthält das Archiv noch?
Apostolopoulos: Es gibt neben den Zeitzeugeninterviews, die in Audio und Video sind, auch deren Transkription, das heißt also die schriftliche Übertragung des Gesprochenen. Dann haben wir Bilder davon, wir haben Begleitmaterial und wir werden schrittweise dieses Archiv soweit ausbauen, dass sowohl Wissenschaftler als auch Erziehungspersonen, also Lehrer, Material bekommen, um das für ihre Zwecke zu verwenden. In erster Linie ist dieses Material für wissenschaftliche Zwecke jetzt zur Verfügung gestellt worden, aber schrittweise werden wir das ausbauen für die breite Bildungsarbeit.
Heise: Das heißt, da sind Sie noch am Anfang. Es hat aber jeder Zugang, man muss sich einloggen, man muss auch ein Passwort nehmen, aber jeder hat Zugang?
Apostolopoulos: Wir sind tatsächlich am Anfang. Wir haben das Projekt erst Anfang 2008 begonnen und Sie können sich vorstellen, 2000 Stunden Interviews, die Digitalisierung, die Übersetzung, die Transkription - all das muss natürlich geordnet und zur Verfügung gestellt werden. Wir werden also in den kommenden zwei bis drei Jahren das Material schrittweise ergänzen und allen Personen, die sich bei uns anmelden, den entsprechenden Zugang ermöglichen.
Man kann also über das normale Internet an dieses Archiv heran, jedoch muss man die Persönlichkeitsrechte dieser Personen beachten, sodass es nicht ein freies Archiv im Internet ist, sondern erst nach einer Registrierung eine Zuteilung eines Zugangs erfolgt.
Heise: Ihr eigener Schwerpunkt als Wissenschaftler sind Medien in der Bildung, das heißt, Sie legen ganz besonderen Wert auch auf diese pädagogischen Materialien, die irgendwann zur Verfügung gestellt werden sollen. Erläutern Sie noch ein bisschen mehr, was damit letztendlich vielleicht auch in Schulen angefangen werden kann.
Apostolopoulos: Ja, denken Sie, dass wir in der Schulbildung, wenn wir über dieses Thema bisher gesprochen haben, haben wir meistens entweder Bücher, schriftliches Material, oder wir haben diese Leichenberge gezeigt, den jungen Kindern und den jungen Menschen, die abstoßend waren. Selbstverständlich hatten wir unglückliche Momente in der damaligen Zeit, aber es geht ja darum, den Menschen zu zeigen, wie das entstehen konnte, den Anfang, das Erleben und das Ende dieser Zeit.
Und deshalb gilt dieses Material als eine besondere Stütze, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und ein Gefühl zu bekommen, es könnte eigentlich an einem Tag auch in einem anderen Land heute oder morgen passieren, was ja auch geschieht. Insofern ist es ganz wichtig, dass die jungen Menschen sich mit diesen Geschichten ein eigenes Bild machen über die Erlebnisse von der damaligen Zeit, und es wird ein Begleitmaterial sein zu den anderen Materialien, die in der Schule verwendet werden.
Heise: Welche Frage einem natürlich direkt einfällt, ist: Warum kommt das eigentlich erst jetzt, erst so spät, dieses Projekt, wo viele der Zeitzeugen - ich erwähnte es eingangs - bereits gestorben sind, sehr alt sind, es ihnen sehr, sehr schlecht geht?
Apostolopoulos: Es gibt eine Zeit des Schweigens - immer, wenn es eine grausame Tat gegeben hat. Dieses Schweigen kommt sowohl von den Tätern als auch von den Opfern. Auch die Opfer können nicht sprechen. Man bekommt auch durch diese Interviews das Gefühl, dass die Menschen erstmal lange Zeit gebraucht haben, ehe sie sich öffentlich artikulieren konnten, beziehungsweise sich gegenüber anderen artikuliert haben. Sie haben das nicht einmal gegenüber Familienangehörigen erzählt, was ihnen damals widerfahren ist.
Die Zeit war also für beide Seiten erforderlich, sowohl für die Opfer als auch für die Täter, so ein Thema aufzugreifen. Das kann man leider nicht sofort in Angriff nehmen. Wir werden sehen, dass in 20 oder 30 Jahren möglicherweise über die ehemalige Deutsche Demokratische Republik auch Zeitzeugen erzählen werden. Jetzt erzählen sie noch nicht. Das ist eigentlich der Grund.
Unter http://www.zwangsarbeit-archiv.de ist das Archiv im Internet zu finden.
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