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06.02.2009
Krzeminski hält den "Runden Tisch" für wichtiger als den Fall der Mauer  (Bild: AP Archiv) Krzeminski hält den "Runden Tisch" für wichtiger als den Fall der Mauer (Bild: AP Archiv)

"Wichtiger als der Fall oder die Öffnung der Mauer"

Publizist Krzeminski über den ersten "Runden Tisch" in Polen vor 20 Jahren

Adam Krzeminski im Gespräch mit Joachim Scholl

Der polnische Publizist Adam Krzeminski hat die Bedeutung des ersten "Runden Tisches" in seinem Land hervorgehoben. Die post-stalinistische Struktur des Staates sei dabei demontiert worden, sagte Krzeminski.

Joachim Scholl: Man hat ihn in der Rückschau das berühmteste Möbelstück der Politik genannt, der "Runde Tisch". Es war tatsächlich einer Holz, ein Riesending, an die 60 Leute hatten Platz, und zugleich war es ein spektakuläres politisches Konzept. Regierung und Opposition des kommunistischen Polen begegneten sich am 6. Februar 1989 an diesem Möbel, das als Idee später weithin Schule machen sollte. Am Telefon in Warschau ist jetzt der polnische Publizist Adam Krzeminski, ich grüße Sie!

Adam Krzeminski: Guten Morgen!

Scholl: Wie erinnern Sie sich, Herr Krzeminski, an diesen Tag vor 20 Jahren?

Krzeminski: Ach, das war ein Tag, an dem die Sehnsüchte und Vorstellungen wahr geworden sind, die wir schon jahrzehntelang hatten. Man darf eins nicht vergessen: Polen war ein bunter Vogel im Ostblock, und es gelang in den 20 Jahren davor zwei Parteisekretären, den polnischen Streikenden umzustürzen. Natürlich, es gab keine Demokratie, und man konnte keinen wählen solchen, wie man möchte. Aber es gab schon vor 89 Gespräche mit der Opposition. Ich erinnere an die Gespräche in der Leninwerft in Danzig 80. Dann 88 auch eine riesige Streikwelle. Aber der "Runde Tisch" von 89, das war eine völlig neue Qualität, weil diesmal auch das Zentralkomitee nach einem stürmischen Plenum faktisch auch der stufenweisen Machtabgabe zugestimmt hat. Und das war das absolut Neue im ganzen Ostblock.

Scholl: Heißt der "Runde Tisch" eigentlich auch auf Polnisch genauso, "Runder Tisch".

Krzeminski: Ja, "Runder Tisch", Okrągły Stół.

Scholl: Sagen Sie es noch mal, ein bisschen langsamer.

Krzeminski: Okrągły Stół.

Scholl: Erzählen Sie, wie es dazu kam, warum gab die Regierung damals eigentlich überhaupt nach mit dem verhassten, auch verfolgten Solidarnosc-Führer Lech Walesa zu sprechen?

Krzeminski: Die Geschichte reicht bis in das Jahr 80, die große Streikwelle eigentlich, der Generalstreik, fast einen Monat lang. Es kommt zum Kompromiss am 31. August 80, dann zur Gründung der Solidarnosc und zur Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember 81. Dennoch ließ sich die Solidarnosc nicht unterkriegen, und 88, also sieben Jahre später, brach erneut eine große Streikwelle aus, die endete unentschieden, auch nach Gesprächen auf der Werft. Und dann wurde der "Runde Tisch" beschlossen. Zum ersten Mal kam es im Fernsehen zu einem Rededuell zwischen dem Sprecher der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc und den staatstreuen Gewerkschaften, und Lech Walesa hat damals im November 88 Miodowicz glänzend geschlagen.

Und das war sozusagen der Auftakt zum Gespräch am "Runden Tisch". Am "runden Tisch" ging es schon um die Modalitäten der Machtabgabe und nicht nur darum, die Opposition über den Tisch zu ziehen.

Scholl: Ich wollte gerade fragen, was wurde da genau verhandelt, also Modalitäten der Machtabgabe?

Krzeminski: Ja, es gab einen runden Tisch, einen großen runden Tisch, der heute im Präsidialpalast steht, an dem, wie Sie gesagt haben, etwa 60 Personen saßen, aber es gab auch drei Sub-Tische, an denen 400, glaube ich, 450 oder 452 Personen teilnahmen. In drei verschiedenen Bereichen wurde die Gesellschaftspolitik verhandelt, Wirtschaftsmodell und auch die Staatsreformen der Staatsstruktur. Und das Entscheidende an dem runden Tisch war das … Abgesehen davon gab es, als es überhaupt nicht mehr voranging - die Verhandlungen am "Runden Tisch" dauerten zwei Monate lang - gab es auch in einem kleinen Kreis Gespräche im Gästehaus der Regierung. Das hat natürlich der Opposition später den Vorwand geliefert, ach, da hat man ein Techtelmechtel, da hat man den "Runden Tisch" betrogen und die Recken des Solidarnosc gingen den Kommunisten auf den Leim. Das alles ist natürlich nicht wahr, alle Dokumente sind veröffentlicht worden, aber diese Legende gibt es bis heute. Das Entscheidende war die Festlegung der halbfreien Wahlen für den 4. Juni 89, also paradoxerweise genau an dem Tag, an dem wir in Polen zum ersten Mal frei gewählt haben. Die Senatssitze wurden frei, also die standen frei zur Verfügung, die Parlamentssitze, also Sejmsitze waren es, 35 Prozent standen frei zur Wahl und 65 wurden vorprogrammiert so wie in allen Ostblockstaaten. Dennoch …

Scholl: Das war das halbfreie.

Krzeminski: Ja, ja. An dem Tag gab es in Peking ein Gemetzel an dem Tianamen-Platz. Also man konnte sagen, an einem Tag gab es zwei gegensätzliche Wege in die Zukunft in der sozialistischen Gemeinschaft. Die DDR, also die SED schaute eher nach Peking, aber die meisten Ostblockgesellschaften schauten eher nach Polen.

Scholl: Deutschlandradio Kultur, heute vor 20 Jahren tagte erstmals ein "Runder Tisch" in Polen, und wir sind im Gespräch mit dem Publizisten Adam Krzeminski. Nun sagt sich in der Rückschau leicht, Herr Krzeminski, ja, mit dem "Runden Tisch" begann alles, was später kam. War der "Runde Tisch" so etwas wie der Mauerfall in Deutschland, hatte man ein ähnlich grundsätzliches Gefühl, dass jetzt doch wirklich eine Wende kommen würde?

Krzeminski: Ich glaube, es ist, wenn wir im deutschen Rundfunk darüber sprechen, dann ist es vielleicht nicht so angenehm, aber ich glaube, es war wichtiger als der Fall oder die Öffnung der Mauer, weil dort an diesem "Runden Tisch" faktisch die post-stalinistische Struktur des Staates, des kommunistischen Staates demontiert wurde. Und erst nach den polnischen Wahlen haben die Ungarn die Grenze geöffnet, und dann im November kam es zu dieser grandiosen Panne, bürokratischen Panne, die die Öffnung der Berliner Mauer zur Folge hatte. Das ist die Reihenfolge der Ereignisse in diesem wunderbaren Jahr 89 gewesen.

Scholl: Verschiedene Historiker haben das schon bemerkt, dass der "Runde Tisch" in Polen ja wirklich Kreise gezogen hat oder stark nach außen gewirkt hat.
Krzeminski: Es gab natürlich mehrere Gründe des "Runden Tisches". Es gab Gorbatschow auch, das darf man nicht vergessen, es gab auch eine enorm schwierige wirtschaftliche Lage des ganzen Ostblocks. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Gorbatschow eine sowjetische Antwort auf die Solidarnosc war. Das hat er auch in seiner ersten Rede 85 zugegeben, das hat er auch dann in Warschau bei seinem Besuch besagt.

Scholl: Herr Krzeminski, Sie erinnern sich so euphorisch. Wie erinnert man sich denn in Polen an diese Zeit? Ist man ähnlich stolz drauf? Also gestern hat man im polnischen Parlament eine Tagung zum "Runden Tisch" veranstaltet. Wäre dieser 6. Februar eine Art nationaler Gedenktag? Das ist er ja nicht?

Krzeminski: Das ist er nicht, weil wir nach wie vor einen enormen Streit innerhalb der Solidarnosc haben, ob es doch nicht besser gewesen wäre, eine Revolution damals zu wagen, 88/89, weil eine Revolution den reinen Tisch und nicht den runden Tisch gemacht hätte. Und der Streit ist, was ist die richtige Strategie gewesen für die Demontage des Kommunismus. Revolution, aber auch mit Blutvergießen und mit einer blutigen Abrechnung mit den Verantwortlichen des Kommunismus oder kooperativer Übergang oder Abgabe der Macht. Und eigentlich die Mehrheit in den Meinungsumfragen ist natürlich für den "Runden Tisch" und für …

Scholl: Für die friedliche …

Krzeminski: … für die friedliche Absicht.

Scholl: Aber es ganz interessant, weil Sie das sagen, der frühere Solidarnosc-Aktivist Henryk Wujec - ich hoffe, ich spreche ihn richtig …

Krzeminski: (…)

Scholl: Wujec, der damals mit am "Runden Tisch" saß, hat dieser Tage gesagt, es gebe eben zwei Mythen, die sich damit verbinden, mit dem "Runden Tisch": ein positiver eben, wie Sie gerade geschildert haben, vom friedlichen Übergang zur Demokratie, ein negativer vom Verrat der Solidarnosc, also an den Ausverkauf.

Krzeminski: Es gibt diese Tradition der Revolutionen seit der Französischen Revolution, dass jede Revolution mit einer Guillotine, mit Galgen oder Exekutions (…) enden muss, sonst ist es keine. Und natürlich, diesen Mythos gibt es auch in Polen, aber das ist eine Minderheit, die zwar in den Medien präsent ist, und es gibt einen Streit unter den Politikern der Solidarnosc, wem gehören die Denkmäler, wer soll auf diesen Denkmälern stehen. Walesa oder Kaczynski, und das ist der Streit.

Scholl: Welche Rolle spielt die Solidarnosc heute?

Krzeminski: Die Solidarnosc als Gewerkschaft spielt keine überragende Rolle. Die Politiker der Solidarnosc spielen eine eminente Rolle natürlich. Aber interessant ist, dass gerade in diesen Tagen - gestern haben wir eine Debatte im Parlament gehabt, heute im Präsidialpalast, da sieht man auch die zwei Linien, und da sind, andere Leute wurden gestern im Parlament Sprecher als heute im Präsidialpalast. Aber interessant ist, sagt der eine der Solidarnosc-Politiker, der im Gefängnis saß unter Jaruzelski, man müsste eigentlich Jaruzelski ein Denkmal setzen dafür, dass er sehr kooperativ war vor dem "Runden Tisch", kurz vor dem "Runden Tisch", während und danach. Also daran sieht man auch, dass es zwei Linien gibt sozusagen. Die einen möchten ihn vor Gericht oder ihn verurteilen, die anderen möchten ihm ein Denkmal setzen. Nicht ein Denkmal unter vielen natürlich.

Scholl: Der "Runde Tisch", das geflügelte Wort entstand in Polen, als vor 20 Jahren in Warschau erstmals ein "Runder Tisch" tagte. Adam Krzeminski, der polnische Publizist, hat mit uns das Ereignis gewürdigt. Schönen Dank, Herr Krzeminski!

Krzeminski: Besten Dank, danke!


 
 

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