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20.03.2009
Auch Wirtschaftsjournalisten stehen in der Finanzkrise in der Kritik. (Bild: AP) Auch Wirtschaftsjournalisten stehen in der Finanzkrise in der Kritik. (Bild: AP)

"Das kann auf Dauer nicht gut gehen"

Wissenschaftler Moss über den Wirtschaftsjournalismus

Christoph Moss im Gespräch mit Dieter Kassel

Der Professor für Unternehmenskommunikation und ehemalige "Handelsblatt"-Redakteur, Christoph Moss, macht die Ausbildung der Redakteure für den schlechten Ruf des Wirtschaftsjournalismus verantwortlich. "Die Masse des Wirtschaftsjournalismus findet bei Lokal- und Regionalzeitungen statt, und da haben wir ein großes Ausbildungsproblem", sagte Moss.

Dieter Kassel: Warum haben wir das alles nicht rechtzeitig gewusst?, fragt sich inzwischen so mancher, wenn die aktuelle Wirtschaftskrise erklärt wird. Wenn es denn wahr ist, dass wie zum Beispiel der Leiter des Wirtschaftsressorts der "Süddeutschen Zeitung" Ulrich Schäfer in seinem neuen Buch behauptet, schon die Krise der asiatischen Tigerstaaten in den 90er-Jahren ein deutlicher Hinweis war, wenn das Ende des Immobilienbooms in den USA 2004 schon absehbar war und wenn die Pleite eines riesigen Hedgefonds in den USA im Jahr 2005 genau das vorweggenommen hat, was wir jetzt erleben - wieso stand das eigentlich nicht so richtig in der Zeitung? Diese Frage taucht immer wieder auf, und dann sagen zu Recht einzelne Angesprochene, na ja, es stand ja da, sonst könnte man auch heute nicht darüber reden, das wurde ja alles erwähnt und es wurde alles erklärt.

Aber irgendwie haben wir ja doch das Gefühl, hm, ich selber hab's nicht gelesen und hab's auch nicht im Fernsehen gesehen. Man hat den Eindruck, bis die Krise wirklich so richtig stark und dick wurde, da hat man immer nur Erfolgsmeldungen gelesen. Da hat man gelesen, welchen Firmen es wirklich gut ging, da gab es Wirtschaftsseiten, auf denen wurde vor allen Dingen darüber berichtet, welche Aktien man gerade kaufen sollte, weil die noch richtig Potenzial haben.

Und da wurde nur selten kritisch berichtet. Warum das so war und warum eben Wirtschaftsjournalisten manchmal nicht das einlösen, was man von ihnen erwartet, darüber wollen wir jetzt mit Christoph Moss reden. Er war sieben Jahre lang verantwortlicher Redakteur beim "Handelsblatt", ist Autor mehrerer Bücher zu unterschiedlichen Wirtschaftsthemen, und er ist seit 2007 Professor für Unternehmenskommunikation an der International School of Management in Dortmund und in Frankfurt am Main. Schönen guten Tag, Herr Moss!

Christoph Moss: Guten Tag, Herr Kassel, ich grüße Sie!

Kassel: Ihr Kollege Sebastian Dullien, ehemaliger Redakteur der "Financial Times Deutschland", liefert schon einen Grund für das, was wir wissen wollen, einen möglichen. Er hat nämlich gesagt in einem Interview, eine ganze Reihe von Journalisten ist nicht dafür qualifiziert, Bilanzen zu lesen. Was schätzen Sie denn, wie viel Wirtschaftsjournalisten können Bilanzen lesen?

Moss: Also da kann ich unmöglich eine Zahl abgeben, aber er hat in seiner Aussage nicht ganz unrecht. Wir haben, glaube ich, eine zweigeteilte Gesellschaft da vorliegen. Wir haben sehr, sehr gute, sehr gut ausgebildete Journalisten in der Spitze, die auch natürlich Bilanzen lesen können. Aber wir dürfen eben nicht vergessen, die Masse des Wirtschaftsjournalismus findet bei Lokal- und Regionalzeitungen statt, und da haben wir ein großes Ausbildungsproblem.

Kassel: Mit anderen Worten: Man braucht eigentlich mehr qualifizierte Wirtschaftsjournalisten, als der Markt zur Verfügung stellt?

Moss: Ja, also der Markt stellt schon genügend Wirtschaftsjournalisten zur Verfügung, aber um es deutlich zu sagen, diese Journalisten, aber vor allem auch die Verlage und Medien, für die sie arbeiten, müssen einfach mehr in Ausbildung investieren. Die ist dann teilweise zu flach, und gerade bei Lokal- und Regionalzeitungen haben wir die Situation, dass wir häufig Journalisten haben, die heute, sagen wir mal etwas überspitzt, über Amy Winehouse berichten und morgen über Asset-Backed Securities. Und das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Kassel: Sind denn Wirtschaftsjournalisten nur in einigen Fällen nicht ausreichend qualifiziert oder gab es nicht zumindest in der Vergangenheit das Problem, dass die Redaktionen in den Zeitungen - ob es nun Wochenmagazine sind oder Tageszeitungen - gewisse kritische warnende Geschichten auch gar nicht haben wollten?

Moss: Also ich glaube, da müssen wir jetzt sehr genau hinsehen. Es ist immer so ein Dominoeffekt. Wir haben jetzt bei der Finanzkrise zum Beispiel den Fall, dass wir, wenn wir recherchieren, in die Archive gehen, uns erinnern, feststellen, dass es schon auch 2007, 2008 ausreichend Hinweise auch im Journalismus gegeben hat: Achtung, da kommt was oder da droht etwas. Nur - da gehe ich auch konform zum Beispiel mit Roland Tichy, dem Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" - wir haben, glaube ich, in Deutschland so eine Grundhaltung, Finanzmarkt, das ist so was eigenes, und das hat erst mal nichts zu tun mit der Realwirtschaft. Und wir spüren jetzt sehr deutlich, dass eine Finanzkrise sich natürlich auf unser aller Leben auswirkt. Und im Journalismus ist das ähnlich. Also wir haben schon eine Spitze von Finanzjournalisten, die immer wieder gesagt hat: Vorsicht, Immobilienblase, guckt hin - aber die sind nicht durchgedrungen. Das heißt, der zweite und dritte Dominostein ist nicht umgefallen, sodass die halt immer so in ihrem kleinen Schrebergarten berichtet haben, aber die große (…) hat eigentlich das normale Geschäft weitergemacht wie bisher. Und da, glaube ich, liegt das Problem.

Kassel: Eigentlich gilt ja im Journalismus das Motto: Bad news is good news - also nur schlechte Nachrichten sind wirklich große und berichtenswerte Nachrichten. Gilt das oder galt es, zumindest jetzt bis zur Krise, im Wirtschaftsjournalismus teilweise nicht?

Moss: Also man muss vorsichtig sein. Ich glaube, dass Wirtschaftsjournalisten schon zweimal länger drüber nachdenken, ob sie ein Unternehmen - wie man so schön im Jargon sagt - kaputt schreiben. Also sie können als Journalist natürlich Dinge in die Welt setzen und dann dafür sorgen, dass es sich nach dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung dann auch wirklich einstellt. Also wenn Sie sagen, diese und jene Bank hängt am Fliegenfänger, dann wird die auch irgendwann in Konkurs gehen, einfach weil die Leute das Vertrauen dieser Bank nicht mehr gegenüber bringen.

Und da sind gut ausgebildete Wirtschaftsjournalisten schon drauf geeicht, sehr genau hinzusehen. Und es ist natürlich schon so, ich möchte nicht unbedingt eine möglicherweise, ja, Negativausstrahlung Richtung Konjunktur auch noch besonders vorantreiben. Das heißt, schlechte Nachrichten sind im Wirtschaftsjournalismus also eigentlich keine guten Nachrichten.

Stellen Sie sich vor, wir würden jetzt einen Titel haben in einer Zeitung: "Dax im April bei 9000 Punkten". Die Leute würden die Zeitung kaufen wie verrückt. Wir werden es nicht erleben, das kann man jetzt schon mal prognostizieren, es wird nicht passieren. Aber es hängt wirklich vom Gesamtmeinungsmarkt ab. Also im Moment wären gute Nachrichten eher auch wirklich gute Nachrichten. Und dieses Prinzip, dass wir oft so in der Boulevardpresse haben, das greift eigentlich auf den Wirtschaftsjournalismus so nicht durch. Da ist man doch schon auch bemüht, Negativtendenzen auch ruhig mal gelegentlich ein bisschen differenzierter zu betrachten.

Kassel: Hat das auch etwas damit zu tun, dass gerade die elektronischen Medien, wenn sie sich denn mit Wirtschaft beschäftigen, Erfolge doch im letzten Jahrzehnt, in den letzten 15 Jahren ganz anders hatten - seien es Sender wie n-tv oder N24 in Deutschland, Angebote wie der Wirtschaftsfernsehsender CNBC in den USA? Das waren ja eigentlich viele Stunden am Tag reine Aktientipp-Kanäle. Sind dadurch auch andere Medien unter Druck geraten, weil der Medienbenutzer plötzlich erwartet hat, in einem Wirtschaftsmedium muss ich erfahren, was ich kaufen kann?

Moss: Ja, also historisch war das sicherlich so. Es gab gerade - Sie haben es eben selbst ja gesagt - in den 90er-Jahren so eine Welle Nutzwertjournalismus, also ich möchte schon Informationen haben, die mir auch was bringen.

Und dann haben auch die großen Zeitungen - wie das "Handelsblatt" zum Beispiel - angefangen, sehr stark Nutzwertjournalismus anzubieten. Es gab im "Handelsblatt" im Zuge des großen Börsenbooms 99/2000/2001 eine eigene Anlegerzeitung, täglich.

Das heißt aber nicht, dass die Journalisten dort Tipps abgegeben haben, sondern sie haben berichtet über die Welt der Geldanlage, aber sie haben keine eigenen Tipps gegeben. Da muss man, glaube ich auch, jetzt wieder differenzieren.

Es gibt und gab einen gewissen Wettlauf, wer mehr Nutzwert bietet, hat die Nase vorn, das ist auch im Prinzip jetzt erst mal nichts Verwerfliches, das zieht sich auch weiter. Auch die "Süddeutsche Zeitung" hat ja in jüngster Zeit noch mal angefangen, Geldanlage stärker in den Fokus zu nehmen.

Man muss aber eben genau sehen, wie differenziert macht man das. Und was die Wissenschaft dazu leisten kann, ist ja nun auch, dass wir feststellen, dem Leser bringt es eigentlich nichts, wenn wir ehrlich sind. Er hinkt eigentlich immer dem Aktienmarkt hinterher, er ist immer der Zweit-Gutinformierte. Die Leute an der Börse sind immer besser informiert. Das heißt, er hat auch so ein bisschen das Gefühl nur, informiert zu sein. Und dieses wohlige Gefühl, das kann ihn eben dann auch gelegentlich mal im Stich lassen, wie wir ja im Moment traurigerweise bemerken.

Kassel: Mich erinnert auch die Diskussion darüber, welche Quellen Wirtschaftsjournalisten haben und wie sie berichten, ein bisschen an die Diskussion, die vor auch nicht langer Zeit, eins, zwei, drei Jahren begann, was den Sportjournalismus anging, als man plötzlich feststellte, dass ein Sportjournalist eigentlich wenig Ahnung von Doping hat und bis auf wenige Ausnahmen darüber auch gar nicht berichten möchte. Welche Quellen haben eigentlich Wirtschaftsjournalisten und wie recherchieren sie? Ich meine, Aktienkurse beobachten kann im Prinzip - das ist eine Frage der Zeit - übers Internet jeder. Ist ein Wirtschaftsjournalist überhaupt darauf gepolt, auch selbst zu recherchieren, auch selbst mal andere Quellen zu nutzen?

Moss: Ja, also das muss er unbedingt sein. Und wir haben auch im Wirtschaftsjournalismus die ganze klare Regel in der Ausbildung, und da sehen Sie wieder, wie wichtig dieses Wort Ausbildung ist: Keine Information darf in die Welt gesetzt werden, die nicht auf mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen beruht.

Sie haben es gerade mit dem Sportjournalismus genannt. Sehen Sie sich mal die Sportberichterstattung an, also die erreicht selten dieses Niveau, dass wir mal zwei voneinander unabhängige Quellen haben. Noch mal: Da, wo wir qualifizierte Ausbildung haben, passiert das. Und Journalisten müssen recherchieren mit den Akteuren, sie brauchen auch die Zeit dazu. Sie müssen mit Konkurrenten sprechen, Mitarbeitern, ehemaligen Mitarbeitern, sie müssen also auch viel hintenherum recherchieren.

Und eine wichtige Quelle für Informationen, trotz aller Skandale, die es um diese Berufsgruppe gab, sind natürlich die Analysten. Und ich muss als Wirtschaftsjournalist wissen, wie gehe ich mit Analysten um. Und nur ein kleines Beispiel: Analysten sprechen häufig deutsche oder englische Sprache. Sie verwenden das deutsche Wort "kaufen" und das englische Wort "buy".

Aber das heißt nicht automatisch, dass ich aufgefordert werde, diese Aktie zu kaufen. Und schon gar nicht heißt das, wenn Analyst von Bank A das sagt, dass Analyst von Bank B das Wort genauso benutzt. Das heißt, wir haben da eine Art Geheimcode. Und Ausbildung muss natürlich da ansetzen, diesen Code überhaupt erst mal zu übersetzen, damit ich in der Lage bin zu verstehen, was mein Gesprächspartner sagt. Und das kann einfach bei dem Ausbildungsniveau, das wir in der Fläche haben, nicht gewährleistet sein. Und da sehe ich eben die große Gefahr.

Kassel: Warum hat uns das vorher keiner gesagt? Der Wirtschaftsjournalist, Autor und Professor für Unternehmenskommunikation, Christoph Moss, über den Wirtschaftsjournalismus in Deutschland und seinen Umgang mit der Krise. Herr Moss, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Moss: Ich danke Ihnen auch, Herr Kassel!


 
 

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