Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
23.04.2009
Szene aus "Dorfpunks" (Bild: Arne Höhne Presse) Szene aus "Dorfpunks" (Bild: Arne Höhne Presse)

Provinz ist überall

Der Film "Dorfpunks" kommt ins Kino

Rocko Schamoni und Lars Jessen im Gespräch mit Holger Hettinger

Das Leben in der Provinz ist nach Ansicht von Rocko Schamoni im Vergleich zu den 80er-Jahren noch schlimmer geworden. Während es damals noch viele Begegnungsstätten wie Kneipen und Kinos gegeben habe, habe sich die Provinz mittlerweile zu einem "menschenleeren Raum" entwickelt. Schamoni schrieb den Roman "Dorfpunks", der jetzt in die Kinos kommt.

Frank Meyer: Mein Kollege Holger Hettinger hat mit Lars Jessen und Rocko Schamoni gesprochen und zuerst den Regisseur Lars Jessen gefragt: Sie haben an Originalschauplätzen in Schleswig-Holstein gedreht - sieht es dort eigentlich immer noch so aus wie in den 80ern oder mussten Sie viel ändern?

Lars Jessen: Nicht viel. Also in einigen Städten wurden leider Marktplätze restauriert, das ist ein bisschen ärgerlich gewesen, aber eigentlich musste man nur aufpassen, dass kein modernes Auto durchs Bild fährt, zwei, drei Telefonzellen austauschen und ein bisschen Werbung überkleben, das war's eigentlich.

Holger Hettinger: Die Zeit steht still, haben Sie das auch so empfunden, Herr Schamoni?

Rocko Schamoni: Das ist auch für immer so, das wird sich nicht mehr verändern. Diese letzten Tage der Stadt Lütjenburg strecken sich seit mittlerweile 700 Jahren und die werden auch in 1000 Jahren immer noch nicht vorbeigegangen sein.

Hettinger: Rocko, Punk ist ja bekanntlich nicht tot. Wenn man hier in Berlin zum Beispiel über die Warschauer Brücke läuft, da sitzen sie dann alle, die Jungs und Mädels mit den Stachelhaaren, den Kunstlederjacken mit den wilden Slogans drauf - hat das überhaupt noch viel mit ihnen zu tun damals?

Rocko Schamoni: Ich würde mal immer sagen, Punkrock ist ein Vehikel für Jugendliche, um einen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen und einen neuen zu beginnen. Insofern hat also alles für diejenigen, die das jetzt durchziehen, eine Berechtigung und ist richtig. Und für mich ist das aber vorbei und abgeschlossen. Ich habe mir etwas davon in die Jetztzeit hinübergerettet, das also quasi in meinem Innersten verankert ist, aber das ganze Gebaren, was so dazugehörte, und das Anziehen und so weiter, und so fort, das muss in meinem Alter nicht mehr sein.

Hettinger: Was ist da rübergerettet worden? Das müssen Sie jetzt genauer erklären.

Rocko Schamoni: Wir haben damals uns selber so eine Art von Widerborstigkeit beigebracht und haben uns antrainiert, alles, was wir sein wollen und von der Welt verlangen, selber zu erfinden und selber zu erbauen, das heißt also quasi, die komplette Verantwortung für das eigene Lebensmodell zu übernehmen. Und diese Art, mit der Welt, mit Kunst, mit Musik, Klamotten umzugehen, die ist mir treu geblieben bis jetzt. Und auch jetzt noch bin ich also nicht geneigt dazu, mich dem Mainstream hinzugeben, Massenprodukte zu kaufen oder selber herzustellen, sondern eher im Kleinem für mich zu produzieren und für spezielle Keimzellen zu produzieren und mich dem Mainstream also zu verweigern.

Hettinger: Lars Jessen, ich bin ein Fan von Rocko Schamonis Buch "Dorfpunks" und mag es natürlich wegen der Geschichte, ganz klar, aber auch wegen der Art, wie es erzählt ist - so subtil, mit ganz viel Sprachwitz, ganz lakonischer Ton. Lässt sich so was überhaupt verlustfrei in einen Film transportieren?

Lars Jessen: Das ist schwierig natürlich, aber man muss eine Entsprechung finden. Und verlustfrei, kann ich jetzt nicht beurteilen, ich hoffe mal, dass wir etwas gefunden haben zu unseren filmischen Ausdrucksmöglichkeiten, das diesen Kern der Geschichte trifft. Also wir haben natürlich nicht einfach alle Episoden abgefilmt, sondern versucht, eine Dramaturgie zu bauen, die das Buch in dem Sinne vielleicht gar nicht hatte. Aber wir haben uns ganz stark eben auch auf das Buch bezogen, vielleicht eben aber in einem anderen Zusammenhang, in einen anderen Kontext gesetzt die Episoden. Aber Sie haben gesagt, lakonisch haben Sie das Buch empfunden, ich denke mal, lakonisch ist der Film auch.

Hettinger: Rocko, ich habe gelesen, der Schauspieler, der Ihre Rolle spielt, also der Sie als jungen Menschen spielt, ist ein Waldorfschüler gewesen. War es arg anstrengend, den auf Kurs zu trimmen? Wunde Punkte, die ich hier gerade berühre, merke ich.

Rocko Schamoni: Nee, nee, eigentlich gar nicht. Also wenn es eine Waldorfschule bei uns gegeben hätte, hätten meine Eltern mich da auch raufgeschickt. Es ist so, dass wir natürlich uns vorher genau überlegt haben, was wir machen müssen, um die an den Punkt zu bringen, der dem so zumindest einigermaßen entsprechen kann. Und gab's zum Beispiel Methoden, die in den Raum zu stellen mit Musikinstrumenten und jeweils demjenigen, der ein Musikinstrument gut spielen kann, genau das nicht zu geben, sondern ein anderes, und dann zu gucken, was die über den Nachmittag an Musik hinkriegen und sie zu korrigieren und ihnen zu sagen, die Haltung ist anders und das müsst ihr soundso machen und achtet nicht darauf, dass möglichst perfekt zu machen, sondern es muss eigen, sonderbar sein. Und über so eine Arbeit kann man an verschiedenen Stellen an Punkte kommen, wo man merkt, das nähert sich jetzt quasi dieser Haltung an, die wir gehabt haben.

Lars Jessen: Also wir mussten denen die ganzen Hip-Hop-Styles wegnehmen, also die ganzen "Dicker, Alter, was geht?"-Nummern, das ist denen in Fleisch und Blut übergegangen und wirkt sich auf die Körpersprache aus, ganz, ganz eindeutig. Und wir haben über einen langwierigen Prozess sozusagen das immer weggeschlagen. Immer wenn irgendwie so was kam, nein, nicht machen, und haben dann viele Filme mit denen geguckt, um die zu sensibilisieren auch für die Körpersprache, für diese ironische, distanzierte Geisteshaltung. Also man konnte ja da auch nicht einfach irgendwas so vorbehaltlos gut finden. Die Jungens aus dem Film, die Schauspieler, die haben sich für viele Sachen begeistern lassen. Also so naiv war damals natürlich niemand, sondern man hat eigentlich natürlich immer alles gesagt, was man alles scheiße findet, aber niemals vorbehaltlos irgendetwas heroisiert oder so.

Hettinger: Ich stelle mir das ganz schön anspruchsvoll vor. Es sind ja auch schon, ja, gut 25 Jahr vergangen seitdem, und damals, die frühen Punks, also ich kenne das jetzt noch so aus meiner schulischen Umgebung, die waren ja in dem strikten Bewusstsein, wir sind Vorreiter, wir sind ganz vorne an einer Bewegung, die meinetwegen in London ihren Ausgang genommen hat und jetzt so in meinem Fall, diesem kleinen, piefigen, finsteren Saarlouis geht die Tür auf und die große, weite Welt steht drin. Ist das überhaupt noch ein Lebensgefühl, das man heute irgendwie vermitteln kann in unserem Jahr ja doch sehr globalisierten und rundgelutschten Zeitalter?

Rocko Schamoni: Ich glaube nicht, dass die das wirklich begreifen können, was das bedeutet hat damals, weil also die Entscheidung für so einen Stil und für die Klamotten und so war tatsächlich ein Zeichen, das die vorderste Speerspitze einer Avantgarde gewesen ist.

Hettinger: Bekenntnishaft bis zum Dorthinaus auch?

Rocko Schamoni: Genau. Und durch die Medien von heute ist das kaum noch möglich, dieses Gefühl allein durch das Auftreten einer Person zu vermitteln. Das siehst du an jeder Ecke im Fernsehen oder im Netz oder so. Und diese Spannung und diese Aufgeladenheit von so einer Jugendbewegung und dem, was dahinter war, die ist, glaube ich, heute für Jugendliche nicht mehr so einfach nachzuvollziehen, was es eigentlich geheißen hat, dass da Strom drin war.

Hettinger: Rocko, hat die Begegnung mit diesen alten Orten noch mal so was wie Ernüchterung gebracht? Also wenn ich mich an mich so erinnere, unser Vorzeigepunk von damals, der ist mittlerweile Leiter der Ortskrankenkasse, der Geschäftsstelle, das tut teilweise weh, wenn ich drüber nachdenke.

Rocko Schamoni: Ja, das ist eine schwierige Frage, weil ich begebe mich an diese Orte ja seit vielen Jahren jedes Jahr immer wieder im Sommer, und das sind Orte, an die die Geister nicht mehr weichen. Das sind für mich Orte, die mit verschiedenen Zeitebenen überzogen sind, die ich manchmal gar nicht durchdringen kann. Ich weiß manchmal gar nicht genau, in welcher Zeit ich jetzt bin, wenn ich nicht gerade zufällig mich im Spiegelbild von irgendeinem Laden sehe. Und das vermischt sich auf eine ganz komische Art und Weise. Für mich ist das also so ein komischer Zeitfriedhof, den ich da betrete. Aber der Film nimmt das anders auf. Durch die Art und Weise, wie das filmisiert wird, ist das für mich glücklicherweise auch die Chance, wieder zurückzugehen und das als Film zu sehen und nicht mehr als mein Ding. Was für mich wichtig ist.

Hettinger: Ist es schwierig, diesen Film so auszustatten, dass er eben nicht bebildert wirkt oder illustriert wirkt oder putzig? Wir hatten gerade eben das Thema, dass die Dinge, die man tut, auch bis in die kleinste Geste, bis in die kleinste Verästelung hinein Bedeutung haben. Und für den unbefangenen Betrachter, der MTV hoch und runter guckt und alle Scheußlichkeiten dieser Erde gewohnt ist, für den mag das jetzt vielleicht putzig erscheinen, wenn da jemand eine Lederjacke nimmt und da was draufschreibt oder so. Ist das nicht gefährlich?

Lars Jessen: Ja, Filme machen ist eh gefährlich, weil man sich natürlich dann festlegt. Im Roman bleiben natürlich häufig noch ein bisschen mehr Türen auf für einen selber, dann wird's manifest. Wir können das einfach nur so gut machen, wie wir wollen, und so stimmig, wie wir das Gefühl haben, dass es einfach passt. Nicht auf irgendwelchen Buttons anfangen und dann irgendwie aufzuzoomen, also nichts ausstellen, alles so beiläufig, wie es eben so gehört zu erzählen. Ich hoffe, wir haben uns da nicht so sehr draufgesetzt, weil das hätte ich unerträglich gefunden. Das muss auch eine angenehme Form von Banalität haben.

Rocko Schamoni: Also ich weiß gar nicht, ob man das so genau sagen kann, weil der Film spielt. Man sieht dem Film jetzt nicht an: "das ist jetzt exakt 82". Man sieht ihm auch nicht an, der ist jetzt genau im letzten Jahr gedreht worden. Der ist vergleichsweise zeitlos, finde ich, weil diese Landschaft eben auch komplett zeitlos ist. Und wer sich genau auskennt und wer Ahnung hat, der schaut hin und der begreift, dass der Background für den Film und das, wie es ausgesucht wurde, schon sehr genau ist. Aber das steht eigentlich nicht im Vordergrund, oder?

Lars Jessen: Nein, uns ging's nicht darum, ein Abziehbild von 1984 zu erzählen, sondern eher das zu erzählen, was archaisch ist. Und das ist eben diese, weiß ich, diese Provinzidentität, die eben viele Leute draußen haben. Leute, die Rocko schreiben in sein Gästebuch, das, was sie im Roman lesen, ist für sie jetzt im Moment immer noch so. Und dann ist es egal, ob es in Eckernförde ist oder in Passau. Und darum geht's hier.

Hettinger: Ich hatte auch gefragt, ob's überhaupt noch Provinz gibt.

Lars Jessen: Ja.

Hettinger: Also wenn ich mich dran erinnere, um Himmels Willen, was war das früher, 40 Kilometer musste man fahren mit Bus und Bahn, um die neue Platte von Hans-A-Plast zu kaufen. Heute, zwei Klicks im Internet, lädt man sich den ganzen Kram runter. Diese Nivellierung.

Rocko Schamoni: Ich finde, dadurch ist die Provinz noch mehr Provinz geworden.

Hettinger: Was?

Rocko Schamoni: Ja, dadurch, weil es kein Zusammensein mehr gibt und keine Begegnungsstätten mehr und diese ganzen Kneipen und Plätze und Kinos und so, an denen man sich früher getroffen hat, um Informationen auszutauschen, Kultur gemeinsam zu konsumieren und so, die sind alle ausgelöscht. Man klickt mit der Maus auf irgendwie einen Button, da kommen die beiden Songs rüber. Du gehst auch nicht mehr zum Nachbarn und tapest das auf ein C60-Tape rauf oder so was oder tauschst das in irgendwelchen Börsen aus. Du ziehst es dir direkt in die Leitung nach Hause.

Und dadurch ist die Provinz für mich, also das Negative an der Provinz, noch stärker in den Vordergrund getreten, weil es da jetzt gar nichts mehr gibt. Früher gab's da schon wenig, jetzt gibt's da gar nichts mehr, nichts mehr. Es ist einfach ein menschenleerer Raum. Zwischendurch sind da Gebäude aufgebaut, da sind abends Menschen drin, die schlafen da, und tagsüber fahren die zur Arbeit. Aber ansonsten haben die nichts mehr gemeinsam. Das ist hart. Also dagegen war es damals noch warm.


 
 

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 09:40 Uhr
Filmmusik
Nächste Sendung: 10:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Thema

Deutschland will das umstrittene ACTA-Abkommen vorerst nicht unterschreiben

Sendezeit: 10.02.2012, 16:10

Ein Dokumentarfilm auf der Berlinale zeigt das Weltbild israelischer Soldaten

Sendezeit: 10.02.2012, 15:10

"Du bist jetzt selbst verantwortlich" - für mehr Vertrauen in Pubertierende

Sendezeit: 10.02.2012, 14:09

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link