Die Innenminister der Länder beraten bei ihrer Frühjahrstagung auch über ein schärferes Waffenrecht. Die Sprecherin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Gisela Mayer, erklärte im Gespräch mit unserem Sender, weshalb sie von den bisher beschlossenen Verschärfungen enttäuscht ist.
Katrin Heise: Führt die Verschärfung des Waffengesetzes, über die heute im Kreis der Innenminister gesprochen wird, tatsächlich zu einer Abrüstung in deutschen Haushalten? Denn tatsächlich sollen mehr als acht Millionen Pistolen und Gewehre legal bei Jägern, Sportschützen und Sammlern in Schränken, hoffentlich Waffenschränken liegen.
Beschlossen hat das Bundeskabinett unter anderem, erst 18-Jährige dürfen mit großkalibrigen Waffen schießen, und Waffenbesitzer können auch unangemeldet kontrolliert werden, allerdings nur bei Abwehr dringender Gefahr. Außerdem sollen Verstöße gegen Aufbewahrungsvorschriften in Zukunft eine Straftat und keine Ordnungswidrigkeit sein.
Am Telefon ist jetzt die Sprecherin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, eine Initiative von Eltern, die ihre Kinder bei dem Amoklauf verloren haben. Gisela Mayer, ich grüße Sie!
Gisela Mayer: Guten Tag, Frau Heise!
Heise: Sind Sie enttäuscht von den Verschärfungen, die da jetzt beschlossen werden?
Mayer: Insgesamt müssen wir leider sagen, ja, sind wir enttäuscht, denn es ist so, die Forderungen, die wir gestellt haben und die wir für sinnvoll halten, sind nicht in der Weise erfüllt worden, die wir uns gewünscht hätten.
Heise: Sie fragen sich, warum es großkalibrige Waffen überhaupt noch so frei gibt?
Mayer: Richtig. Unsere Forderung nach einem generellen Verbot großkalibriger Waffen - wir sprechen von großkalibrigen Kurzwaffen im Sportbereich - bleibt nach wie vor bestehen. Es hat sich bei den Amokläufen gezeigt, dass mit diesen Waffen die größten Schäden angerichtet werden.
Das heißt, primäres Gebot muss es sein, den Zugang zu diesen Waffen zu erschweren. Es ist diesem Begehren von unserer Seite nicht nachgekommen worden, es ist lediglich eine Heraufsetzung von 14 auf 18 Jahre beschlossen worden. Auch hier geht unsere Forderung weiter, eine Heraufsetzung des Alters als Mindestforderung auf 21 Jahre, nicht auf 18 Jahre.
Heise: Im Vorfeld der heutigen Innenministerkonferenz ist ja von Parteienstreitigkeiten die Rede, davon, dass SPD-Politiker doch noch schärfere Regelungen sich eigentlich wünschen. Wie nehmen Sie eigentlich diese ganze Debatte wahr?
Mayer: Ich denke, es ist schade, dass dieses Anliegen, das ein Anliegen eigentlich aller Menschen in diesem Land sein sollte, zu einem Thema von Parteistreitigkeiten werden kann. Es kann nicht Gegenstand parteipolitischer Überlegungen sein, ob man junge Menschen vor Amokläufen schützt oder nicht. Es ist ein gemeinsames Anliegen aller Parteien unserer Ansicht nach.
Heise: Und Sie haben Angst, dass es so ein bisschen davor vorgezogen wird oder vor einen Karren gespannt wird. Sie haben ja offene Briefe mit Ihren Forderungen geschrieben an den Bundespräsidenten, an die Kanzlerin, an die Innenminister. Sie haben auch eine Antwort bekommen, zum Beispiel von den Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU und der SPD. Man versicherte Ihnen, man wird Ihre Vorschläge prüfen. Fühlen Sie sich ernst genommen oder fühlten Sie sich auch ernst genommen, gab's persönliche Kontakte?
Mayer: Zu unserem Bedauern leider nein. Es ist schade, dass wir an der Erarbeitung des vorliegenden Entwurfs, auch an der Erarbeitung des Textes, der jetzt hier besprochen wird in der Innenministerkonferenz, nicht wirklich beteiligt wurden. Die Ergebnisse durften wir der Presse entnehmen. Es wäre wünschenswert gewesen, es wäre ein konstruktiver Dialog zustande gekommen.
Heise: Das heißt, da hat man sich nicht mit Ihnen tatsächlich in Kontakt gesetzt. Sie versuchen ja auch zum Beispiel, wir haben den Schießsport schon angesprochen, Sie setzen sich mit diesem Schießsport tatsächlich auseinander, Sie schlagen vor, kleinkalibrige Waffen zu benutzen, so wie es ja auch olympische Disziplinen sind. Hatten Sie eigentlich die Möglichkeit, mit Schützen, mit Sportvereinen, mit Leuten aus der Waffenlobby, die ja wahrscheinlich dann eher dagegen sind, sich mit denen zu treffen, mit denen zu sprechen?
Mayer: Auch hier müssen wir sagen, bedauerlicherweise nein.
Heise: Haben Sie es versucht?
Mayer: Wir haben es auch öffentlich immer wieder gesagt, wie wünschenswert ein konstruktiver Dialog anstelle der bisher überall bekannten Polemik wäre. Es ist jetzt aber erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal ansatzweise darauf eingegangen worden, es ist bisher kein Gespräch zustande gekommen. Es wäre ein dringendes Diserat [Desiderat?], dies zu tun?
Heise: In Orten wie Winnenden oder Wenningen kann ich mir vorstellen, da kennt man ja auch den einen oder anderen Schützenkönig beispielsweise. Wie begegnet man sich denn ja jetzt eigentlich? Fühlen die sich von Ihnen an den Pranger gestellt?
Mayer: Zum Teil sicher. Wenn persönliche Kontakte bestehen, sind durchaus vernünftige, konstruktive Gespräche möglich. Es sind diese Gespräche leider Gottes mit offiziellen Vertretern bisher nicht möglich gewesen.
Heise: Weil Sie das Gefühl, haben Sie das Gefühl, dass sie mit Ihnen als Trauernde vielleicht auch nicht umgehen können, da der Argumente bar sind?
Mayer: Kann ich mir ganz im persönlichen Bereich durchaus vorstellen, das darf aber kein Hinderungsgrund sein, von offizieller Seite die Relevanz der Problematik zu erkennen und gemeinsam dagegen vorzugehen.
Heise: Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden. Die Eltern der Opfer sind nicht zufrieden mit der angestrebten Verschärfung der Waffengesetze. Im Deutschlandradio Kultur hören Sie Gisela Mayer, Sprecherin des Aktionsbündnisses. Frau Mayer, Amokläufe sind ja kein alleinig deutsches Problem. Sie haben sich mit Ihrer Initiative mit der britischen Initiative Gun Control Network getroffen, die ist ebenfalls nach einem Massaker von Eltern gegründet worden. Was haben Sie da erfahren, was haben Sie da erlebt?
Mayer: Wir haben erfahren - es war der Leiter der Organisation bei uns -, dass in England vollkommen anders, und zwar anders seitens der Politik mit der Elterninitiative, die sich damals gegründet hat, umgegangen wurde. Diese Eltern wurden aktiv unterstützt. Wir haben gefragt, in welcher Weise die Initiative auf die Politiker zugegangen wäre seinerzeit. Wir bekamen zur Antwort, das war nicht erforderlich, die Politik ist auf uns zugegangen - etwas, was wir bisher leider nicht erleben konnten.
Es ist diese Initiative ja auch gelungen, ein generelles Verbot für großkalibrige Kurzwaffen durchzusetzen in England, damit sind keine olympischen Disziplinen betroffen, das sind Langwaffen. Das scheint bei uns offensichtlich absolut unmöglich zu sein, wie wir immer wieder hören müssen. Ansonsten waren die Reaktionen der Waffenlobby in England ähnlich wie in Deutschland, das heißt, es war für England offensichtlich kein Hinderungsgrund, eine Gesetzesänderung durchzuführen.
Heise: Woran liegt das, meinen Sie?
Mayer: Es war in England wie in Deutschland Zeit eines Regierungswechsels, ein Wahlkampfjahr. Es ist das Verhältnis - und das wurde uns von verschiedenen Seiten inzwischen bestätigt - ein äußerst emotionsgeladenes Thema, auch innerhalb der Politik, der Umgang mit Waffen. Das heißt, die Waffe ist sehr stark emotional besetzt in Deutschland.
Heise: Tatsächlicher Waffengebrauch ist ja, wenn ich's mal so sagen darf, der grauenhafteste Auswuchs von Gewalt. Sie beschäftigen sich jetzt natürlich sehr damit, mit diesem, was da passiert ist, wie wir alle, und mit Gewalt im Allgemeinen auch. Würden Sie sagen, dass in einer Gesellschaft, in unserer Gesellschaft überhaupt genügend darüber gesprochen wird, wie sich Gewalt äußert, was Gewalt alles so beinhaltet?
Mayer: Entschieden zu wenig. Der Umgang mit der Waffe ist lediglich die Spitze eines Eisbergs. Es ist der sichtbare Ausdruck einer Gewaltbereitschaft und eines Anwachsens der Gewalt in unserer Gesellschaft. Unser Thema im Aktionsbündnis ist die Änderung des Waffenrechtes jetzt aus diesem Grund, weil man hier kurzfristig Maßnahmen ergreifen könnte, so man es denn tut.
Langfristig gesehen müssen wir gegen das Anwachsen der Gewaltbereitschaft, gegen die verminderte Wahrnehmung von Gewalt - denn auch das ist ein äußerst relevantes Thema - in unserer Gesellschaft vorgehen. Wir müssen uns dringend überlegen, wie wir miteinander umgehen, wie an Schulen miteinander umgegangen wird, denn das ist das, was wir langfristig ändern müssen, um weitere Amokläufe zu vermeiden.
Heise: Sie sind selber Lehrerin, Sie sind Philosophielehrerin, was beobachten Sie, beispielsweise was das Gefühl, das Mitgefühl, was ist das für ein Wert bei Ihren Schülern beispielsweise?
Mayer: Hier hat sich zu meinem eigenen Entsetzen, muss ich sagen, in einem relativ kurzen Zeitraum von etwa zehn Jahren ja eine dramatische Abnahme der Empathie feststellen lassen. Es ist jungen Menschen mancherorts, ja, nicht einmal mehr möglich, wirklich Mitgefühl zu empfinden, geschweige denn, Mitgefühl aufrechtzuerhalten. Es ist eher die Sensationslust, es ist eher die Aufgeregtheit nach irgendwelchen Ereignissen, die jetzt nach Winnenden zu beobachten war. Wahres Mitgefühl ist eine nahezu unbekannte Größe geworden.
Heise: Es ist ja auch ein sehr schwieriges Gefühl im Alltag, also schwer umzusetzen das Gefühl.
Mayer: Ein sehr, sehr schwer umzusetzendes Gefühl, aber nichtsdestoweniger müssen wir trainieren, den Mitmenschen wahrzunehmen. Wenn wir dieses Gefühl entbehren, wird unsere Gesellschaft nicht mehr aufrechterhalten werden können.
Heise: Sie erleben das wahrscheinlich als trauernde Angehörige, aber auch generell würden Sie das sagen?
Mayer: Ja, in beiden Fällen. Kurzfristig ein überbordendes Mitgefühl, dem aber wie gesagt auch immer eine gewisse Neugier beigemengt ist, langfristig, ja, ein Mangel an wirklicher Empathie.
Heise: Gisela Mayer, Mitbegründerin und Sprecherin der Elterninitiative Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Frau Mayer, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch!
Mayer: Bitteschön, gerne!
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