Der Umstieg aufs Elektroauto reicht nicht. Was wir brauchen, ist eine "komplette Integration aller Verkehrsmittel", mit Elektroautos, die in der Stadt an jeder Ecke verfügbar sind. Das fordert Andras Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin in seiner neuen Studie "Grüne Wege aus der Autokrise".
Jürgen König: Die Autoindustrie ist in der Krise und alle reden wieder einmal vom Elektroauto. Zweieinhalb Millionen Elektroautos könnte es 2020 in Deutschland geben, schätzt der Energiekonzern RWE. Siemens geht sogar von doppelt so hohen Zahlen aus. Heute Abend wird in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin eine Studie vorgestellt, überschrieben "Grüne Wege aus der Autokrise". Und auch in dieser Studie spielt das Elektroauto eine wichtige Rolle. Allerdings, sagen die Autoren Weert Canzler und Andreas Knie, der Umstieg auf Elektroautos allein reiche nicht aus, nötig sei ein völliges Umdenken, sei die komplette Integration aller Verkehrsmittel. Professor Andreas Knie ist jetzt unser Gast. Er ist am Wissenschaftszentrum Berlin Leiter der Projektgruppe Mobilität. Herr Knie, schön, dass Sie gekommen sind.
Andreas Knie: Hallo!
König: Dieser derzeitige Hype ums Elektroauto, ist das ein Wunschtraum oder inwieweit nimmt er wirklich schon Gestalt an?
Knie: Nein, er nimmt schon Gestalt an. Sie haben ja die Zahlen schon vorgelesen, große Automobilkonzerne sehen das ähnlich optimistisch. Wir haben eine Förderlandschaft im Rahmen der Konjunkturprogrammmittel II, die doch erhebliche Mengen, über 500 Millionen Euro, in das Thema Elektrofahrzeuge pumpt. Also man kann schon von einem Hype um das Elektroauto in Deutschland, aber auch in Europa, eigentlich auch in Nordamerika, praktisch weltweit sprechen.
König: Man braucht ja fürs Elektroauto vor allem zweierlei: leistungsfähige Autobatterien, die den Verbrennungsmotor ersetzen, und ein ausreichendes Netz von Ladestationen. Wie steht's damit?
Knie: Ja, da kommt genau das Problem in den Kern des Zentrum, nämlich die Batterien. Die Automobilunternehmen kennen ja das Auto, wir kennen das Auto, und versuchen natürlich jetzt mit dem Elektroauto, das klassische Verbrennungsmotoren-betriebene Auto einfach nachzubauen. Wir haben das mal Rennreiselimousine genannt, also das Auto, was alles kann - kurz zum berühmten Zigarettenautomat fahren, aber eben auch für die Reise nach Italien geeignet. Die sind sehr leistungsfähig, muss man ganz offen zugeben, aber das Elektroauto hat andere Optionen, andere Vorteile, aber es hat eben den Nachteil, wenn die Autoindustrie dieses klassische Automobilleitbild weiter verfolgt, dann wird das mit dem Elektroauto schwierig, weil nämlich - und jetzt kommen wir zu den Batterien - eine Batterie das physikalisch gar nicht kann, was eben flüssiger Kohlenwasserstoff, also Benzin und Diesel kann. Das heißt, wenn wir das versuchen nachzubauen, und das wird im Moment versucht, dann wird dieses Elektroauto ganz, ganz teuer werden und es wird noch viele Jahre brauchen, bis wir eins fahren können.
König: Wie weit ist eigentlich die Zusammenarbeit von Autoherstellern und Energieversorgern gediehen, weil das ist eigentlich eine ganz neue Form des Miteinanders?
Knie: Ja, genau, das ist das Spannende und das Interessante eigentlich. Jetzt kommen Branchen zusammen, die bisher eigentlich in der Regel wenig miteinander zusammen getan haben. Es gab ja immer schon mal einen Hype um das Elektroauto - aus den 70ern kennen wir was, aus den 90er-Jahren. Ölpreiskrise in den 70er-Jahren, strenge kalifornische Abgasgesetzgebungen in den 90er-Jahren waren immer mal wieder Randbedingungen, die das Thema öffentlich haben werden lassen, aber es gab nie eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen den EVUs, wie sie genannt werden, den Versorgungsunternehmen, und der Automobilindustrie. Und das muss jetzt neu gelernt werden, das ist dringend nötig, dass sich dort diese beiden Branchen zusammentun.
König: Aber man ist lernwillig?
Knie: Ja, man ist lernwillig. Es gibt ja gerade hier in Berlin, das ist ja "e-mobility"-Hauptstadt schlechthin, schon ein Pärchen, VW hat ein Pärchen mit einem Versorgungsunternehmen gegründet, Daimler und auch BMW mit Vattenfall, und jeder probiert schon in einer kleinen Flotte.
König: Dann kommen wir mal auf Ihr Projekt. Sie schreiben in Ihrer Studie von einem radikalen Umdenken, von der kompletten Integration aller Verkehrsmittel mit Elektroautos, Zitat: "An jeder Ecke in der Stadt erkennbar, sofort zugänglich, überall wieder sofort abzugeben und das alles als Teil einer öffentlichen Verkehrslandschaft, natürlich abgasfrei und mit regenerativem Strom betrieben." Wie kann man sich das Elektroauto als Teil eines vernetzten Systems vorstellen?
Knie: Ja, eigentlich ganz einfach, ganz selbstverständlich, denn wir fangen ja an, die Not des Elektroautos, eben nicht 500, 600, 700 Kilometer Reichweite zu haben, als Tugend zu begreifen. Der öffentliche Verkehr, das ist der dritte Spieler in diesem Bunde, hat ja ein Problem, dass er das Auto immer ein bisschen als Konkurrenz wahrnehmen muss. Das Auto kann eben doch eben vieles, und das böse Wort der Kannibalisierung treibt sich immer um. Das Auto nimmt also dem ÖV was weg. Wenn wir jetzt ein Auto hätten, was eben nicht alles kann, aber Dinge tut, die der ÖV nicht kann, dann ist das eine ideale Ergänzung. Und so muss man sich's genau vorstellen, das Auto …
König: Mit ÖV meinen Sie öffentlichen Nahverkehr?
Knie: Den öffentlichen Verkehr, der öffentliche Verkehr, der in Fernverkehr, aber auch Stadtbusse, Stadtbahnen geht, und wir sind ja im Moment gerade insgesamt dabei zu erleben, wie der öffentliche Verkehr neu definiert wird. Fahrräder, Leihfahrräder werden Teil des öffentlichen Verkehrs und eben jetzt auch elektrische Autos, die eben leise sind, wenn sie mit regenerativem Strom betrieben sind, sind sie natürlich auch sehr umweltfreundlich, und sie ergänzen den ÖV, also den öffentlichen Verkehr, dort, wo er nicht fährt, weil der Betrieb mit großen Bussen sich nicht lohnt oder wo die Feinverästelung einfach keine Angebote darstellt. Und so ergänzt sich der individuelle Verkehr mit dem öffentlichen Verkehr, und der Strom integriert das Ganze. Man muss sich vorstellen, dass man eine Karte hat, man checkt einmal ein in ein Auto, wie man in ein modernes Hotel eincheckt, man fährt mit dem Auto, man stellt das Auto an den dafür vorgesehenen Plätzen ab, man geht einfach in die S-Bahn oder in die U-Bahn, man hat keine zweite Karte, keinen zweiten Tarif mehr zu beachten, man fährt also hintereinander weg. Und dann am Monatsende gibt's natürlich die Rechnung.
König: Und ich buche das Auto übers Handy?
Knie: Ich buche das Auto übers Handy. Das Handy ist überhaupt ein zentrales Mittel, ich weiß immer, wo ich bin, und ich weiß auch, wo Autos sind, denn natürlich sind auch Autos nicht an jeder Ecke sofort überall erkennbar, und ich will ja Verlässlichkeit haben. Das kann ich dann …
König: Es gibt dann bestimmte Plätze, wo man die finden kann?
Knie: Genau, ich kann das sehen und dann sehe ich das, die Autos sind gekennzeichnet. Und ich kann mit dem Handy in das Auto hinein und ich kann mit dem Handy dann auch wissen, wo ich das nächste Auto wieder abstelle oder finden kann, wo ich das Auto abstellen kann. Also die Zugänge sind organisiert, und ich kann einen Nutzen ohne nachzudenken machen, wo ich eben nicht mehr nachdenke, welches Verkehrsmittel ich wirklich brauche. Ich muss nichts planen, ich muss mich an keine Fahrpläne halten, also ich muss einfach eine intuitive Nutzung einfach wollen, und dann krieg ich sie auch.
König: Wir werden um zehn vor vier mit unseren Hörern über Ihre Idee sprechen, wollen mal hören, was die davon halten. Für wie groß halten Sie die Bereitschaft, die ja da so implizit vorausgesetzt wird, auf das eigene Auto zu verzichten, das ja doch viele immer noch für so eine Art verlängertes Wohnzimmer halten, Statussymbol?
Knie: Die Bereitschaft halten wir für sehr groß, weil sie wird ja schon gelebt. Gerade wieder Berlin ist ja bekannt, der Motorisierungsgrad der Stadt ist sehr gering, wir haben noch nicht mal 400 Autos, zugelassene Pkws auf 1000 Einwohner. München zum Beispiel hat mehr als Doppelte, Elmshorn hat über 1000, glaube ich, sogar pro Einwohner, also da haben einige Menschen viele Autos. Und in Berlin geht das sehr gut. Wir haben einen sehr guten öffentlichen Nahverkehr, der noch ergänzt werden muss, und wir erleben ja, dass gerade junge Menschen diese - wie wir das nennen - intermodale, also die Modes gemeinsam kombinieren, das jetzt schon tun. Die brauchen nur ein gemeinsames integriertes Angebot. Jetzt ist es noch beschwerlich, man muss für das U-Bahn-Fahren eine eigene Karte, für das Autofahren eine eigene Karte, man muss für die Fernbahn eine eigene Karte ziehen. Also das ist jetzt noch beschwerlich. Wenn man das einfacher macht, dann wird die jetzige gelebte intermodale Praxis noch deutlich ansteigen.
König: Sie gehen aber davon aus, dass das ein Konzept für großstädtische Räume ist? Also auf dem Land geht das nicht?
Knie: Am Land muss man was anderes bauen, am Land muss man auch neu denken. Aber das, was wir jetzt betreiben, die Integration des Elektroautos in einen öffentlichen Verkehr, das ist ein städtisches Thema, denn ich will ja die Nachteile des Elektroautos, die man glaubt, dass das Elektroauto immer hat - oh, jetzt geht die Batterie aus, was mach ich denn jetzt -, möchte ich natürlich im Kopf auflösen dadurch, dass ich weiß, an jeder Ecke finde ich eine Busstation, eine U-Bahn-Station oder ein Rad. Und das muss man am Land anders machen.
König: Die Folgen Ihres Konzeptes sind ja gravierend, das muss man ja schon sehen. Die Kassen von Staat, Ländern, Gemeinden sind eher leer als voll. Glauben Sie, dass die Einzelnen da mitmachen würden, mitmachen können, zum Beispiel wenn es darum geht, erhebliche Investitionen zu tätigen?
Knie: Doch, natürlich wird's teurer, gar keine Frage. Auch ein solches domestizierte Elektroauto wird auch teurer werden, es wird den Fahrkomfort abbilden müssen, den wir von den normalen Autos her kennen. Das heißt, der Nutzer wird sich auf höhere Preise einstellen müssen. Das wird er aber insgesamt. Der öffentliche Verkehr, der private Verkehr wird deutlich teurer werden in den nächsten Jahren, weil die Rohstoffe, die wir dafür verbrauchen, einfach teurer werden. Das ist eine. Die Städte selber werden gar nicht so viel investieren müssen, sie müssen nur eine sehr intelligente Ladeinfrastruktur bereitstellen, denn diese Autos müssen natürlich aufgetankt werden. Das wird mehr kosten, und die Leute sind auch bereit, wenn die sogenannte Performance stimmt, also wenn das Ding das tut, was ich auch von ihm will, nämlich mich überall hinzubringen, dann sind die Leute auch bereit, mehr Geld dafür zu investieren.
König: Gibt es schon Pläne, das alles mal konkret auszuprobieren?
Knie: Ja, die gibt's sehr konkret. Wir wollen in Berlin diese Integration schaffen und wir wollen das natürlich auch über Berlin hinaus. Und die Autoindustrie ist auch nur zu verführen, wenn man das natürlich nicht nur als deutsches Thema begreift, sondern als internationales. Und da müssen wir aufpassen, dass wir hier in Deutschland nicht den Anschluss verlieren, denn Städte wie London, wie Paris, wie Rom, wie Madrid, wie Schanghai sind da schon sehr konkret am Überlegen, die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen auch einzuführen, zum Beispiel die Innenstädte einfach für Verbrennungsmotorenfahrzeuge zu verschließen. Und das ist natürlich dann ein gigantischer Markt für Elektrofahrzeuge oder für andere.
König: Um dann Modelle einzuführen, wie Sie es gerade skizziert haben?
Knie: Genau. Es wird sehr konkret darüber nachgedacht, Verleihsysteme, wie wir das von den Rädern schon kennen - in Paris das Vélib-System, an jeder Ecke ein Rad -, das ist sozusagen das Leitbild dafür, dass man eben auch das Gleiche mit dem Auto macht. Und diese genannten Städte sind konkret dabei, die entsprechenden Rahmenbedingungen auch demnächst einzuführen.
König: Haben Sie schon irgendeinen Zeitplan im Kopf, wo Sie denken, so, weiß nicht, in fünf Jahren könnte das alles schon Realität sein?
Knie: Ja, der Zeitplan fängt praktisch jetzt an. Paris wird nächstes Jahr diese entsprechenden Ausschreibungen haben, und wir gehen davon aus, dass wir, sobald wir Mengen an fahrfähigen Autos haben, die sichtbar sind - das wird im Jahre 2010 sein -, damit beginnen.
König: Also im nächsten Jahr?
Knie: Im nächsten Jahr.
König: Ihr Wort in Gottes Ohr. Vielen Dank! Für ein radikales Umdenken für das Elektroauto und die komplette Integration aller Verkehrsmittel in den großen Städten, ein Gespräch mit Professor Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Gemeinsam mit Weert Canzler hat er die Studie "Grüne Wege aus der Autokrise" erarbeitet, heute Abend wird sie in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vorgestellt, ist auch auf den Internetseiten der Böll-Stiftung nachzulesen. Und wir machen das Thema zu unserem heutigen Debattenthema: Ab 15:50 Uhr hätten wir gern Ihre Meinung zu diesen Ideen von Herrn Knie gewusst. Herr Knie, vielen Dank!
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