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29.06.2009
Wer in Italien wissen will, was wirklich läuft, ist auf informative Bücher angewiesen. (Bild: AP) Wer in Italien wissen will, was wirklich läuft, ist auf informative Bücher angewiesen. (Bild: AP)

Kursiv: Bücher als Zeitungsersatz

Wieso in Italien ein neues Genre entsteht

Von Kirstin Hausen

Was tun, wenn Medienzaren das Land regieren? Wenn Medien - mehr oder minder - gleichgeschaltet sind? Die Italiener können ein Lied davon singen. Doch haben sie Mittel und Wege gefunden, dem Medienzaren in ihrem Land Paroli zu bieten.

"In Italien ist es leicht, Sachbücher zu veröffentlichen, weil die Informationen, die über die Zeitungen und das Fernsehen verbreitet werden, wirklich gering und oberflächlich sind."

Wer in Italien wissen will, was wirklich läuft - nicht nur im Milieu der organisierten Kriminalität wie bei Roberto Saviano, sondern auch in der Politik - ist auf informative Bücher angewiesen, die inzwischen im Zwei-Wochen-Takt auf den Markt gebracht werden. Sie stoßen in eine Lücke, die das italienische Mediensystem in den vergangenen Jahren geschaffen hat, indem kritische Politmagazine im Fernsehen abgeschafft wurden und Zeitungen auf Hintergrundberichte verzichten.

"Ich glaube, unsere Verlage sind viel leichter von einem Sachbuchprojekt zu überzeugen als in anderen Ländern. Hier reicht es schon, Tatsachen aneinander zu reihen, man braucht nicht einmal etwas Neues auszugraben, obwohl ich das natürlich immer versuche."

Gianni Barbacetto ist Journalist. Inzwischen schreibt er auch Bücher. Viele Bücher. Immer mehr Bücher. Die Nachfrage ist da. Dabei liefert er alles andere als leichte Kost. Er schreibt über Korruption, über die Mafia, über Silvio Berlusconi und andere prominente Politiker. Die Leute kaufen seine Bücher.

"Das ist kein gutes Zeichen. Denn wenn sich journalistisch geschriebene Bücher gut verkaufen, dann deshalb weil es ein Informationsdefizit gibt, vor allem im Fernsehen, aber auch in den Zeitungen, so dass die Italiener, die wissen und verstehen wollen, was in Italien vor sich geht, nur in der Buchhandlung fündig werden. Mein Verlag zum Beispiel hat sich erst vor kurzem gegründet und ist spezialisiert auf dieses Genre. Sachbücher, die eine journalistische Recherche ersetzen und das heutige Italien beschreiben."

Die Bücher kosten meist nicht mehr als 15 Euro, sind auf billigem Papier gedruckt und geklebt, nicht gebunden. Taschenbücher zum sofortigen Gebrauch, nicht gemacht für die Ewigkeit. In ein paar Monaten können die gelieferten Informationen bereits veraltet sein, wenn zum Beispiel das geplante Gesetz, dessen Auswirkungen detailliert beschrieben werden, dann doch nicht in der Form verabschiedet wird. Gianni Barbacetto stört das nicht. Er ist sehr froh, kritisch berichten zu können und hält sich im Vergleich zu vielen Kollegen sogar für privilegiert.

"Ein großer Teil der italienischen Journalisten kann nicht so arbeiten wie er will, weil er keine Abnehmer findet. Ein sehr guter Freund von mir schreibt für den "Corriere della Sera", die wichtigste italienische Tageszeitung, und wenn ich ihn frage, wie es dort so ist, sagt er: nicht leicht, wir haben viele Hindernisse. Früher war es auch nicht leicht, sage ich dann, ich meine, der "Corriere della Sera" gehörte früher Gianni Agnelli, also der FIAT-Familie. Aber mein Freund meint, heute mit mehr als 15 Aktionären sei es noch schwieriger geworden etwas kritisches zu schreiben als früher. Damals durftest du nichts gegen FIAT bringen, heute kannst du über niemanden mehr kritisch berichten."

Und genau darum hat sich Gianni Barbacetto gemeinsam mit einer Reihe anderer Journalisten aufs Bücherschreiben verlegt. Sie haben eine wachsende Fangemeinde.

"Zum Glück sind darunter viele junge Leute, die von der Politik angewidert sind und deshalb von den Parteien nicht erreicht werden. Sie sind aber durchaus interessiert an dem, was passiert."

Sein neustes Buch hat der Journalist in knapp drei Wochen fertig geschrieben: es ist eine kommentierte Zusammenfassung von gerichtlichen Abhörprotokollen, die viel aussagen über den moralischen Zustand der italienischen Politikerklasse.

"Die italienische Regierung hat angekündigt, mit einem neuen Gesetz das Abhören von Telefonaten von Verdächtigen einschränken zu wollen und das Veröffentlichen von Abhörprotokollen ganz zu verbieten. Deshalb haben wir rasch eine Sammlung von Abhörprotokollen zusammengestellt und veröffentlicht, solange es noch geht."

Es gleicht einem Katz-und-Maus-Spiel, was unabhängige Verleger und kritische Journalisten wie Gianni Barbacetto da treiben. Es ist ihre Art, dem Informationsdiktat des Regierungschefs Widerstand zu leisten.

Anmerkungen von Kirstin Hausen zu neuen Tendenzen auf dem italienischen Büchermarkt.


 
 

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