Arktistagebuch: Forschen im Eismeer
Das Meereis schmilzt, die Wassertemperaturen steigen und die Strömungen verändern sich: der arktische Ozean reagiert auf den Klimawandel. Aber was passiert mit Fischen, Walrossen und Meeresvögeln in der Arktis? Antworten auf diese Frage sucht zurzeit ein internationales Team von Meeresbiologen in der Beringstraße, zwischen Russland und Alaska. Die Forscher wohnen und arbeiten auf dem Eisbrecher "Sir Wilfrid Laurier".
Unsere Reporterin Monika Seynsche begleitet sie drei Wochen lang von Victoria in Kanada bis nach Barrow in Alaska. In einer Tagebuchserie schildert sie ihre Eindrücke vom Forschen und Leben im eisigen Wasser. Da an Bord des Eisbrechers nur eingeschränkte Übertragungsmöglichkeiten ins Internet zur Verfügung stehen, wird sie ihr Tagebuch im Abstand von 48 Stunden aktualisieren.
Schiffsposition 71°54.350'N 155°36.030'W: Die "Sir Wilfrid Laurier" kriecht durch den Nebel. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt und schimmert dunkelgrau. Um uns herum herrscht geisterhafte Stille. Wir warten. Durch das ganze Schiff zieht sich eine angespannte Ruhe.
Schiffsposition 71°04.470'N 162°48.230'W: Zwölf Menschen stehen auf dem Vorderdeck der "Sir Wilfrid Laurier" und warten darauf, dass die Schiffsmaschinen stoppen: gegen die Kälte eingepackt in orange Überlebensanzüge und mit Bauarbeiterhelmen auf dem Kopf.
Schiffsposition 66°58.930'N, 168°40.150'W: Vom Schiff aus kann man Schneefelder erahnen, die durch den Nebel schimmern. Seit drei Stunden liegen wir in der Beringstraße vor Anker und warten darauf, dass Little Diomede aufwacht. Die Insel ist der letzte Außenposten der USA vor der russischen Grenze. Ein Felsbrocken im Ozean, an dessen westlichem Fuß sich eine Handvoll Holzhütten am Hang entlang kauern.
Schiffsposition 64°13.750'N, 170°51.480'W. Das Weiße in Peter Lees Augen ist rotgerändert. Er sitzt im Labor, einen Ellbogen auf den Tisch gestützt und starrt auf einen Computerbildschirm. Ein Stockwerk tiefer bewegt sich Corrine Warren unsicheren Schrittes über das Vorderdeck. Das Gesicht, das aus dem orangefarbenen Overall ragt, ist bleich. Es ist sieben Uhr morgens und die meisten Forscher an Bord der "Sir Wilfrid Laurier" sind seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen.
Schiffsposition: 58°26.740'N, 173°13.670'W. Mit jedem Tag wird es kälter auf dem Schiff. Wir nähern uns der Arktis. Gestern hat sich ein Birkenzeisig aufs Boot gerettet, um vollkommen erschöpft auf der Reling zu sitzen: Ein Landvogel, der sich zu weit von der Küste entfernt und verirrt hat. Aufgeplustert gegen die Kälte und den Kopf unter die Flügel gesteckt, saß er da. Heute Morgen ist er verschwunden.
Schiffsposition: 55°25.041'N, 163°53.053'W. Land ist in Sicht, zum ersten Mal seit mehr als einer Woche: dunkle, über und über mit grünem Gras bewachsene Felsen unter tiefhängenden Wolken. Nur einige der älteren Crewmitglieder können sich daran erinnern, die Alëuten jemals im Sonnenschein gesehen zu haben.
Schiffsposition: 53°38.500'N, 163°45.060'W. Es ist sieben Uhr morgens. Die Schiffsmotoren stoppen und Glenn Coopers Arbeit beginnt. Zusammen mit zwei Seeleuten und einer Studentin wuchtet er zwei gazeartige, trichterförmige Netze über Bord. Sie schaukeln an einem Kran über der Reling und erinnern an überdimensionierte Schultüten.
Schiffsposition 53°26.880'N, 150°30.940'W. Seit vier Tagen ist um uns herum nichts als Wasser. Zwischen der Sir Wilfrid Laurier und dem nächsten Festland, Kodiak Island in Alaska, liegen etwa 600 Kilometer Ozean. Jedes Schiff, das in Sichtweite vorbeifährt, wird von der Brücke Minuten vorher per Lautsprecher angekündigt.
Schiffsposition 51°12.420'N, 134°40.400'W. Langsam aber sicher gewöhnt sich mein Magen an das Schaukeln des Schiffes. Seit drei Tagen bewegt es sich ohne Unterbrechung, nach vorne, zur Seite, nach hinten: es ist wie ein Rodeoritt in Zeitlupe. Alle Fernseher, Computer und Messgeräte an Bord sind festgeschnallt, die offenen Türen lassen sich festhaken und die Tische in der Offiziersmesse sind mit Gummitischdecken belegt, damit die Teller und Tassen nicht hin und her rutschen.
Die Maschinen starten, das ganze Schiff vibriert und dann, langsam, bewegt es sich Zentimeter für Zentimeter von der Kaimauer weg. Endlich. Gestern sollte es schon losgehen, aber das Beladen des Eisbrechers hat länger gedauert, als geplant. Die "Sir Wilfrid Laurier" bricht auf Richtung Nordwesten, um durch den Pazifik und die Beringstraße in den arktischen Ozean zu gelangen.
Beiträge zum Nachhören
Deutschlandfunk
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Türkei: Unruhen bis zum Morgen, neue Demos angekündigt
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Sendezeit: 16.06.2013, 11:30
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