Im Sommer 1943 - Thomas Mann arbeitet am vierten Kapitel des Doktor Faustus - liest er das Manuskript eines "der feinsten, schärfsten und kritisch tiefsten Köpfe, die heute wirken". Es ist Theodor W. Adornos Abhandlung Schönberg und der Fortschritt, das erste Kapitel aus dessen Philosophie der neuen Musik. Diese Lektüre und der Entschluss, Adorno als einen intimen Kenner der modernen Musik für die schwierigen musiktheoretischen Passagen seines Romans heranzuziehen, markieren den Beginn einer freundschaftlichen Verbindung zwischen Dichter und Philosoph, die sich auch in einem bis zum Tode Manns im Jahre 1955 währenden Briefwechsel niedergeschlagen hat.
Nicht eben umfangreich - insgesamt 43 Dokumente: Briefe, kürzere Mitteilungen und Postkarten, von denen 22 bereits ganz oder teilweise woanders abgedruckt sind - gibt der Schriftwechsel in seiner nun vorliegenden Gesamtheit dennoch einen interessanten Einblick in die Gedanken, das Schaffen und die Lebensumstände zweier hochkarätiger Denkerpersönlichkeiten - einen durch den kunstvollen Feinschliff ihres stilistischen Könnens freilich sehr gefilterten Einblick.
Auf der einen Seite der fast 70-jährige Mann, Nobelpreisträger, unangefochtene Dichterautorität und maßgeblicher Repräsentant einer kulturellen wie geistigen Tradition, die durch den Nationalsozialismus ihren katastrophalen Zusammenbruch erlebte, auf der anderen Seite der 40-jährige Adorno, Philosoph und Komponist, dessen akademische Laufbahn 1933 mit dem Entzug der Lehrerlaubnis erst einmal endete. Eine Generation liegt zwischen ihnen, aber nicht deshalb bleibt es bis zum Schluss bei "Lieber und verehrter Herr Dr. Mann", bei "Lieber Dr. Adorno", wahrt doch der weltberühmte Ältere wie stets überlegene Distanz, der die bewundernde Verehrung korrespondiert, die der jüngere und damals noch unbekannte Philosoph dem großen Dichter anstandslos entgegenbringt.
Worin beide sich jedoch treffen, ist ihre tiefverwurzelte Liebe zu ebenjener Tradition gepaart mit einer durchdringenden Blickschärfe, die den Dichter wie den Philosophen zugleich zu unerbittlichen Kritikern dieser Tradition macht. Solch verwandte Grundhaltung gegenüber dem, was sie im höchsten Maße am Tiefsten angeht, bestimmt auch den Tenor ihrer Korrespondenz bis in die inhaltlichen Details ihrer Briefe und macht sie für denjenigen, der geistvolle Feinheiten zu Fragen der Ästhetik, Literatur und Kultur zu goutieren weiß, zu einer lesenswerten Lektüre. Seien es die Briefe zum Doktor Faustus, dessen ästhetisches Konzept zu Adornos avantgardistischer Ästhetik eine überraschende Affinität zeigt, sei es in späteren Jahren ihr streckenweise brillanter Gedankenaustausch zum Felix Krull, zum Erwählten oder zur Betrogenen sowie zu Adornos Versuch über Wagner und den Minima Moralia, den Reflexionen aus dem beschädigten Leben, wie diese noch in den USA entstandenen Denkminiaturen im Untertitel heißen.
"Habe ich Ihnen je für das Buch gedankt? Ich habe Tage lang an dem Buch magnetisch festgehangen, es ist, jeden Tag wieder, eine faszinierende Lektüre, aber doch nur in kleinen Schlucken zu genießen, konzentrierteste Kost", schreibt der Dichter an den geschätzten Philosophen. Mit der Rückkehr Adornos nach Frankfurt im Herbst 1949 endet zwar der direkte Kontakt nicht aber ihr brieflicher Austausch - denn auch nach der Übersiedlung Manns nach Zürich im Jahre 1952 sollten sich beide nicht mehr wiedersehen. Bedingt durch die veränderten Lebensumstände rückt nun Deutschland und die Nachkriegssituation wieder schärfer in den Blick - Erfahrungen 'aus dem beschädigten Leben', in die der Philosoph, der dort seine Lehrtätigkeit mit Enthusiasmus aufnimmt, und der Dichter, den außer Vortragsreisen und gelegentlichen Besuchen nichts in seine Heimat zieht, in ihren Briefen Einblick gewähren. "Nach Deutschland bringen mich keine zehn Pferde. Der Geist des Landes ist mir widerwärtig, die Mischung aus Miserabilität und Frechheit aufgrund vorzüglicher Aussichten abstoßend."
Wie überhaupt sich für den betagten Dichter der pessimistische Eindruck aufdrängt, dass es mit all dem, dessen überzeugter Vertreter wie überzeugter Kritiker er gewesen, tatsächlich nichts mehr ist. "Unsere höhere Literatur kommt mir vor wie ein hastiges Resümieren und parodierendes Rekapitulieren des abendländischen Mythos, rasch noch vor Einbruch der Nacht," heißt es in einem Brief an Adorno. Dessen Antwort ist überraschend versöhnlich, hält doch der Philosoph, der ansonsten wie kein anderer auf der Negativität als dem einzig legitimen Element der Reflexion besteht, daran fest, dass trotz allem "der Faden nicht ganz abgerissen ist. Wenn ich etwas Beglückendes von Deutschland mitgenommen habe, dann war es die Erfahrung, dass es mit dem Rückfall in die Barbarei doch nicht ganz so sich verhält, wie wir zu unterstellen immer wieder verführt werden."
Etwas Beglückendes wie ihm, dem Jüngeren, seinerzeit auch die Begegnung mit dem berühmten Älteren und Deutschlands großem Dichter im amerikanischen Exil erschienen war. In einem Brief zu dessen 70. Geburtstag aus dem Jahre 1945 hatte er diesem anvertraut: "Als ich Sie, hier an der entlegenen Westküste, treffen durfte, hatte ich das Gefühl, zum ersten und einzigen Mal jener deutschen Tradition leibhaft zu begegnen, von der ich alles empfangen habe: noch die Kraft, der Tradition zu widerstehen. Dies Gefühl und das Glück, das es gewährt, wird mich nie mehr verlassen."
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