Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
21.12.2009
Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverband (Bild: Deutscher Hochschulverband) Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverband (Bild: Deutscher Hochschulverband)

"Schluss mit der Bologna-Bürokratie!“

Professoren-Vertreter Kempen lehnt das bisherige Akkreditierungsverfahren ab

Bernhard Kempen im Gespräch mit Kate Maleike

"Die Erfahrung von zehn Jahren lehrt nun, dass die Akkreditierung in Deutschland ein Irrweg ist", sagt Professor Bernhard Kempen, der Präsident des Deutsche Hochschulverband. Grund: Der bürokratische Aufwand und die Kosten ständen in überhaupt keinem Verhältnis zum Nutzen.

Kate Maleike: Gerade rechtzeitig zu den anstehenden Festtagen in Hochschul-Deutschland hat der Deutsche Hochschulverband, der DHV, der sozusagen die professorale Standesvertretung ist, noch ein besonderes Überraschungspaket geschnürt. Per Pressemitteilung werden die DHV-Mitglieder nämlich aufgefordert, sich nicht mehr als Gutachter an Akkreditierungsverfahren zu beteiligen. Absender dieses Aufrufes ist Professor Bernhard Kempen, der Präsident des Verbandes. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und ihn danach gefragt, warum er jetzt diesen Boykottaufruhr formuliert.

Bernhard Kempen: Wir beobachten das Akkreditierungswesen ja seit rund zehn Jahren und waren da sehr duldsam und auch kooperativ. Aber die Erfahrung von zehn Jahren lehrt nun, dass die Akkreditierung in Deutschland ein Irrweg ist, dass hier der bürokratische Aufwand und die Kosten in überhaupt keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Und deswegen fordern wir nun unsere Mitglieder auf, sich als Gutachter diesem Akkreditierungswahn zu entziehen.

Maleike: Für diejenigen, die jetzt im Akkreditierungsverfahren nicht so zu Hause sind, wie Sie das sind, was läuft bislang schief und was wollen Sie anders haben?

Kempen: Wir sind sehr für Qualitätssicherung. Wir sind uns bewusst, dass Studiengänge nicht einfach als Wildwuchs entstehen können und sollen, sondern dass es da sehr gut ist, wenn kontrolliert wird, wenn geschaut wird, dass im Interesse der Studierenden Mobilität und ein sehr hohes Niveau der Inhalte gewährleistet ist. Das wollen wir haben, aber wir wollen das nicht in der Form haben, wie es nun praktiziert wird, nämlich durch einen Akkreditierungsrat, dem dann sieben Agenturen nachgeordnet sind, denn hier ist weder ein hinreichender Sachverstand noch sozusagen eine wirklich angemessene Nutzenanalyse mit Blick auf den bürokratischen Aufwand vorhanden. Und da sind wir der Meinung, das muss dringend geändert werden. Die Sache ist zu kostspielig, da wird viel Geld ausgegeben, das am Ende in den Universitäten und in den Hochschulen fehlt, was den Studierenden fehlt im Studium. Und der Aufwand, der getrieben wird, steht auch in keinem Verhältnis zu dem, was dann eigentlich rauskommt, denn hier sind unglaublich viele Arbeitsstunden von Professorinnen und Professoren, aber auch von Mitarbeitern investiert, ohne dass wir nun erkennen könnten, dass am Ende wirklich die Dinge sich in irgendeiner Weise zum Besseren wenden würden.

Maleike: In der Regel werden ja vier Gutachter, also vier Professoren für ein Verfahren eingebunden, und das Ganze kostet circa 15.000 Euro so im Durchschnitt pro Verfahren, sprich pro Studiengang. Was sagen Sie denn jetzt dem Akkreditierungsrat eigentlich?

Kempen: Wir sagen dem Akkreditierungsrat, dass er sich ja vielleicht umwandeln könnte in eine Servicestelle, die beratend den Hochschulen zur Seite steht, aber wir brauchen keine externe Akkreditierungsindustrie, die irgendwelche Siegel verteilt, sondern das können wir sehr gut selber machen. Wir fordern den Gesetzgeber auf: Verpflichte uns doch, an den Hochschulen - wie das übrigens auch im Ausland geschieht - eigene Qualitätssicherungsinstrumente einzubauen. Wir lassen uns sehr gerne in die Karten gucken, wir sind auch sehr dafür, dass externe Gutachter auf Studiengänge draufschauen. Diese Gutachter können auch aus dem Ausland kommen, das alles ist aber günstiger, effektiver und im Interesse der Studierenden nützlicher als das, was wir jetzt in Deutschland haben.

Maleike: Jetzt hat der Akkreditierungsrat ja vor einigen Wochen auch im Vorfeld der Kultusministerkonferenz und natürlich vor dem Hintergrund der Bildungsproteste schon reagiert und hat gesagt, wir müssen entrümpeln und wir müssen die Studiengänge unter Umständen alle auch noch mal akkreditieren. Ist Ihr Appell jetzt auch so ein bisschen eine Reaktion darauf?

Kempen: Ja, das ist auch eine Reaktion darauf, denn tatsächlich ist das viel zu zäh und viel zu zögerlich. Ich meine, wir wollen nicht die Augen davor verschließen und wir fordern auch die Politik auf, dass endlich zu sehen, dass die Akkreditierungen in Deutschland mit ursächlich, möglicherweise hauptursächlich für die Bologna-Misere sind, in der wir ja nun stecken. Dass unsere Studierenden nicht mehr mobil sind oder längst nicht mehr so mobil sind, wie sie es vormals waren, das ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die Akkreditierungsagenturen in einer wahnsinnig kleinteiligen Weise uns vergattert haben, Alleinstellungsmerkmale in den Studiengängen zu entwickeln. Und da können wir nur sagen, das muss endlich aufhören. Und da hat der Akkreditierungsrat und auch die Agenturen, die haben zwar erkannt mittlerweile, ansatzweise erkannt, dass da etwas schiefläuft, aber sie reagieren viel zu langsam und zu zögerlich. Das ist nun nicht mehr mit Reparaturen im Detail getan, sondern da sind wir wirklich der Meinung, hier muss jetzt grundsätzlich umgeschwenkt werden, und das bedeutet: Weg mit der Akkreditierung.

Maleike: Aber Herr Kempen, es ist auch klar, dass viele Hochschulen Fehler gemacht haben, weil sie nämlich den berühmten alten Wein in die neuen Schläuche gestopft haben und dabei nicht darauf geschaut haben, dass eigentlich der Stoff zu dicht ist.

Kempen: Ich bin der Letzte, der sozusagen nicht Fehler einräumen würde, und ich kann nicht ausschließen, dass auch an einzelnen Stellen Fehler gemacht worden sind. Aber wir wollen doch mal Ross und Reiter ganz deutlich beim Namen nennen. Es war die Kultusministerkonferenz, die Eckpunkte gemacht hat - die können Sie sich jederzeit auf der Homepage der KMK anschauen -, die Eckpunkte verabschiedet hat schon vor mehr als zehn Jahren, um sozusagen Qualitätssicherung an den Universitäten in den Studiengängen herbeizuführen. Und jetzt erleben wir, dass dieses System von ministeriell vorgegebenen Eckpunkten und einer bürokratischen Durchorganisation durch Akkreditierung, dass dies eben nicht erfolgreich war, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Quittung bekommen wir ja nun in Form von Protesten der Studierenden. Und ich muss ganz deutlich sagen, die Studierenden richten sich hier weniger gegen die Universitäten, sondern gegen die Politik. Das ist die Angriffsfläche, die sich den Studierenden bietet. Die wissen ganz genau, wer hierfür ursächlich war, denn die Studierenden sitzen bei uns in den Fakultäten und erleben ja, wie Studiengänge akkreditiert werden und was da abgeht, wenn die Akkreditierungsagentur ins Haus kommt. Also noch mal: Das ist hier bürokratisch übersteuert und fehlgesteuert, und deswegen muss es weg.

Maleike: In "Campus & Karriere" war das Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 05:05 Uhr
Informationen am Morgen
Nächste Sendung: 09:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Campus & Karriere

neue Hochschule Lausitz

Sendezeit: 10.02.2012, 14:57

Musikstudent komponiert Sound für Elektroautos

Sendezeit: 10.02.2012, 14:51

Interview Zeugnistelefon Köln, Schulpyschologe Andreas Heidecke

Sendezeit: 10.02.2012, 14:39

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link