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06.09.2010
Ziel des Manifests: mehr Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Bild: AP) Ziel des Manifests: mehr Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Bild: AP)

"Es sei denn, man hat einen gut verdienenden Ehepartner"

Das Templiner Manifest soll Hochschulmitarbeitern mehr Sicherheit im Beruf geben

Von Philip Banse

Als die Theologie-Professorin Raja Scheepers in den Beruf einstieg, war es für sie nahezu die schönste Tätigkeit der Welt. Das hat sich heute geändert. Ende des Monats läuft ihre halbe Stelle aus.

"Als ich anfing, Theologie zu studieren, war Professorin der schönste Beruf, den ich mir vorstellen konnte - eben gerade wegen der Freiheit von Forschung und Lehre. Das hat sich so dramatisch geändert, dass ich niemandem mehr mit guten Gewissen raten könnte, diesen Beruf anzustreben - es sei denn, man hat einen gut verdienenden Ehepartner oder möchte überhaupt keine Familie haben."

Dr. Raja Scheepers wird den Wissenschaftsbetrieb wohl verlassen, frustriert und ausgelaugt. Die promovierte Theologin hatte drei Lehraufträge, hat zwei Bücher geschrieben, drei Bücher rausgegeben, sie hat 30 Aufsätze geschrieben, 50 Vorträge gehalten, Projekte, Fachtagungen und Gastvorträge organisiert und Drittmittel in sechsstelliger Höhe eingeworben. Nebenbei hat sie noch zwei Kinder bekommen. Heute habilitiert sich Raja Scheepers in Marburg, wohnt in Berlin und hat eine halbe Stelle in Erfurt - die Ende des Monats ausläuft. Dann ist sie arbeitslos.

"In den acht Jahren an der Universität hatte ich sieben verschiedene Beschäftigungsverhältnisse, ein Stipendium, viele Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Drittmittel-Stellen, war in Elternzeit und die nächste und letzte Stelle ist entweder Arbeitslosigkeit oder Stipendium."

Deswegen hat Raja Scheepers nun das Templiner Manifest unterzeichnet, einen Forderungskatalog, den die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft heute vorgestellt hat. Ziel des Manifests: mehr Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Anspruch und Wirklichkeit, so das Manifest, passten nicht zusammen im deutschen Wissenschaftsbetrieb: Einerseits sollen junge Wissenschaftler immer exzellentere Forschung bieten, andererseits würden ihre Arbeitsbedingungen immer schlechter: Von den festangestellten Wissenschaftler hätten über 88 Prozent einen befristeten Vertrag, sagt GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller. Unter dieser Unsicherheit leide die Forschung:

"Wer sich heute für die Wissenschaft entscheidet, geht ein sehr hohes Risiko ein, mit 40 in einer Sackgasse zu sein. Diesen Widerspruch zwischen hohen Anforderungen an die wissenschaftlichen Arbeit und schlechten Bedingungen für wissenschaftliche Arbeit führt zu einer großen Unzufriedenheit."

Daher habe die GEW das Manifest mit zehn Forderungen initiiert, die auf mehr unbefristete Festanstellungen in allen Forschungs-Bereichen abzielen. Darüber hinaus will die Gewerkschaft an Hochschulen Fuß fassen und Mitglieder gewinnen. Für Doktoranden fordert das Manifest tarifvertragliche geregelte Beschäftigungsverhältnisse. Deswegen hat Niklas Hoffmann unterschrieben, er promoviert an FU Berlin in Lateinamerikanistik. Die Promotion sei kein erweitertes Studium, sondern die erste Berufsphase als Wissenschaftler:

"Deswegen leitet sich für mich aus dieser Feststellung ab, dass die Promotion als Arbeitsplatz angesehen werden muss und deswegen auch ausreichend sozial versicherte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen müssen für junge Wissenschaftler, die auch - wie es außerhalb der Wissenschaft üblich ist - tarifvertraglich abgesichert sein müssen."

Gesicherte, langfristige Perspektiven fordert das manifest auch für Postdocs, also promovierte Wissenschaftler auf dem Weg zu Habilitation. Sie müssten dauerhaft an einer Hochschule bleiben können - ob sie nun Professor werden oder nicht. Deswegen hat die promovierte Theologin Raja Scheepers das Manifest unterschrieben:

"Es geht nicht darum zu fordern, was andere Berufsgruppen nicht haben, sondern zu fordern, was auch andere Berufsgruppen haben, dass man nämlich einen unbefristeten Vertrag hat und weiß: Hier kann ich bleiben, wenn ich keine silbernen Löffel klaue - so wie es meine Freundinnen, die Lehrer, Ärzte oder Richterinnen sind, auch möglich ist."

Nun nehmen befristete Arbeitsverhältnisse in allen Bereichen zu. Die Hochschulen argumentieren, sie müssten sparen. Befristete Arbeitsverträge seien nötig, um flexibel planen zu können. Flexible Personalplanung und langfristige Perspektiven für Wissenschaftler - das muss sich nicht ausschließen, sagt Gewerkschafter Andreas Keller:

"Die Hochschulen müssen eine vernünftige Personalentwicklungsplanung betreiben, die dann sicherstellt, dass, wenn in fünf Jahren bestimmte Drittmittel auslaufen und man normaler Weise dann einen Wissenschaftler auf die Straße setzen muss, eine neue Beschäftigung für den Kollegen vorgesehen ist."

Die GEW will bis Ende des Jahres Unterschriften für das Manifest sammeln und dann mit politischen Forderungen an die Öffentlichkeit gehen.

Link zum Templiner Manifest


 
 

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