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09.08.2002

Politikstudenten als 'Wahlfänger'

Die 'Politikfabrik' will junge Menschen zur Urne bringen

Mehr junge Leute für Politik interessieren - das wollte Professor Nils Diederich vom politikwissenschaftlichen Institut der FU Berlin mit einem Projektkurs erreichen. Über zwei Semester verteilt, im vergangenen Wintersemester Theorie, dieses Sommersemester dann Vorbereitung auf Aktionen im Vorfeld der Bundestagswahl, entstand dabei die 'Politikfabrik'. 80 Politikstudenten mischen dabei mit, etwas gegen die Politikverdrossenheit bei jungen Menschen zu unternehmen und sie für die Wahl zu begeistern.

In der Politikfabrik gibt es eine Presse-Gruppe, eine für Events, für Werbung und Monitoring. Und eine prominente Schirmherrin: Sandra Maischberger. Seit Juni sitzt auch die Bundeszentrale für politische Bildung mit im Boot. Und unterstützt beispielsweise den Dreh eines Werbespots am Reichstag. Fünf, sechs Jugendliche in Skater-Klamotten posieren vor dem Westportal: Zu zweit, alleine, dann wieder alle zusammen. Könnte für einen Musik-Clip von Viva sein, ist aber in Wirklichkeit für einen Spot der "Wahl-Gang" - einer Kampagne der Bundeszentrale für politische Bildung und der "Politikfabrik." Die "Politikfabrik" - das sind 80 Politologie-Studierende der FU Berlin, die etwas tun wollen gegen die Politikverdrossenheit unter Jungwählern. Simon Haag ist einer von ihnen:

Der Wahlspot wird auf jeden Fall diejenigen Nichtwähler ansprechen, die wirklich nichts mit Politik am Hut haben wollen. Also, unsere Idee war ein möglichst niedrigschwelliges Angebot abzugeben. Das lustig ist, das nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern klar sagt: Hier, das ist dein Ding. Du entscheidest mit. Verschenke deine Stimme nicht. Uns geht es nicht darum zu sagen: Demokratie und Partizipation sind wichtig. Das ist natürlich alles richtig, aber damit erreicht man vor allem heute keinen einzelnen Nichtwähler mehr.

Der 40-Sekunden-Spot soll ab Ende des Monats in den Kinos der Berliner Innenstadt laufen - vor allem im Wahlkreis 84 - also in Kreuzberg, Friedrichshain und Teilen vom Prenzlauer Berg. Hier leben besonders viele junge Leute. Bei der letzten Bundestagswahl hat hier nur jeder zweite zwischen 18 und 21 seine Stimme abgegeben.

Das Problem ist heute nicht, dass man die Leute für eine Partei gewinnen muss, sondern man muss die Leute zum Wählen bekommen. Das heißt, unser Ziel ist erst einmal, an die Leute überhaupt ranzukommen, mit denen überhaupt ins Gespräch zu kommen und aufzufallen,

sagt Henriette Volk, die stellvertretende Geschäftsführerin. Auffallen will man mit Spaß-Aktionen wie einer Beach-Party, wo man "baggern kann für mehr Demokratie." Mit Wahlplakaten, auf denen Promis wie Erkan und Stefan zum Wählen animieren - nach dem Motto: "Ej, Wählen is voll krasss, Alter." Und nach Ende der Sommerferien mit einer Tour durch Berliner Schulen, wo die beste "Wählerstimme" gekürt werden soll.

Endlich Pause beim Dreh vor dem Reichstag. Michael Ginsberg - einer der Schauspieler hier - ist schon seit mehr als acht Stunden auf den Beinen. Der 18 Jahre alte Gymnasiast macht zwar mit beim Wahl-Spot der "Wahl-Gang" - ob er aber selbst wählen geht am 22. September, weiß er noch nicht.

Weil ich nicht weiß, wen ich überhaupt wählen soll. Egal, was du wählst, es verändert sich eh nichts. Wir hatten früher Kohl, es hat sich nichts getan; jetzt haben wir Schröder und es hat sich überhaupt nichts getan.

Da ist sie wieder - die vielzitierte Politikverdrossenheit. Dagegen anzugehen, ist schwer. Zumal die Affären um den PR-Mann Hunzinger und die Frage, wer jetzt wie viele Bonusmeilen wie verflogen hat, alles andere als gute PR waren in Sachen Demokratie. Meint der Pressesprecher der Politikfabrik, Niklas Proksch.

Es geht gar nicht mehr um tatsächliche Politik-Inhalte, sondern es wird auf das Verhalten oder Fehlverhalten einzelner Politiker reduziert. Es wird das Privatleben in den Vordergrund gestellt, politische Inhalte werden immer weiter zurückgedrängt. Und gerade junge Menschen, die auf der Suche nach Entfaltungsmöglichkeiten sind und auch nach Ansprache suchen, finden sich natürlich immer weniger angesprochen von Politikern.

22. September, Punkt 18 Uhr - das ist die Ziellinie für die Macher der Politikfabrik. Wahlkampf bis zur letzten Minute: Am 22. sollen noch möglichst viele Jung-Wähler angesimst werden. Wann Niklas Proksch und Henriette Volk selbst wählen gehen, wissen sie noch nicht. Dass sie wählen gehen, ist aber klar. Proksch: "Ich bin ein ganz bewusster Wähler. Ich bin mit einem gewissen Politikinteresse groß geworden und habe auch einfach immer vermittelt bekommen, dass Wählen meine Möglichkeit der Partizipation ist." Und Henriette Volk meint: "Ich bin nicht in einem Haushalt aufgewachsen, wo Politik so diskutiert wurde. Aber dennoch war ich mir dieser Pflicht immer bewusst."

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Wer mehr erfahren will über die Wahl-Gang und die Politikfabrik, kann im Internet nachschauen - und zwar unter www.dieWahlGang.de und www.politikfabrik.de .

Bundeszentrale für Politische Bildung


 
 

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