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22.10.2003
Wissenschaftler wollen den freien Zugang zu Forschungstexten sicher stellen. (Bild: AP) Wissenschaftler wollen den freien Zugang zu Forschungstexten sicher stellen. (Bild: AP)

Open Access für alle

Wissenschaftsorganisationen unterzeichnen die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen

Markus Rimmele

Die Gedanken sind frei, aber das Wissen ist in der Regel kostenpflichtig oder vergriffen. Wer studiert und forscht, kennt das Problem: Fachbücher in der Bibliothek sind verliehen, selber kaufen zu teuer. Die aktuellen Forschungsergebnisse gibt es ohnehin nur in den teuren wissenschaftlichen Journalen. Das muss sich ändern, sagten nun Forscher auf einer Tagung der Max Planck Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Sie fordern freien Zugang zur Wissenschaft, den Open Access.



Ein Mausklick - und links auf dem Bildschirm erscheint die Kopie einer 5000 Jahre alten Keilschrifttafel aus dem Zweistromland und rechts daneben die Umschrift ins lateinische Alphabet. Für den Laien sind die kostenlos zugänglichen Zeichen im Internet zwar vollkommen unverständlich, für den Forscher aber von unschätzbarem Wert, denn die Originaltafel befindet sich womöglich im British Museum in London oder in der Eremitage in St. Petersburg und damit außer Reichweite des Wissenschaftlers. Mehr als 100.000 solcher Keilschriftdokumente aus den Museen der Welt werden bald online und für jeden verfügbar sein. Gemeinsam mit der University of California hat Peter Damerow vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin die Keilschrift-Datenbank aufgebaut. Nun profitieren Wissenschaftler davon, aber auch Studierenden. Themenbeispiel: die Bierproduktion in Mesopotamien.

Man kann sich vorstellen, was es für einen Studenten bedeutet, der über die Bierwirtschaft in Mesopotamien schreiben soll, wenn er traditionell in alten Aufsätzen nach Quellen suchen müsste, die Quellen in Bibliotheken nachschlagen und prüfen. Wir haben zwar erst ein Drittel der Texte aus dem dritten Jahrtausend in dieser Weise verfügbar, aber dennoch ist das eine so große Unterstützung, dass die Papiere einfach besser werden, als sie zuvor von Studenten geschrieben werden konnten.

Peter Damerows Keilschrift-Datenbank ist dem Prinzip des Open Access verpflichtet, also dem freien Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und kulturellem Erbe im Internet. 120 Experten diskutierten jetzt in Berlin über dieses Thema. Und heraus kam die so genannte Berlin-Erklärung, unterzeichnet von den großen deutschen Forschungsorganisationen, aber auch Vertretern aus Frankreich, Spanien, Italien und anderen Ländern. Ein Hauch von Pathos durchwehte den Raum, als der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Peter Gruss Teile der Erklärung verlas:


Die Unterzeichner der Berliner Erklärung
- ermutigen ihre Wissenschaftler, die eigenen Arbeiten nach dem Prinzip des "offenen Zugangs" zu veröffentlichen,
- appellieren an die Kulturinstitutionen, ihre Ressourcen ebenfalls nach dem Prinzip des "offenen Zugangs" zur Verfügung zu stellen.


Ob damit eine Revolution ausgelöst werde, sollten die späteren Generation beurteilen, meint Gruss:

Eine ist es gewiss: Es ist eine drastische Änderung des Publikationsgebarens, vor dem wir stehen.

Die Open-Access-Bewegung ist eine fast logische Folge der immer dichteren Vernetzung der Wissenschaft über das Internet. Wissenschaftliche Ergebnisse können heutzutage theoretisch jedem jederzeit zur Verfügung stehen. Theoretisch, denn in der Praxis wurde die Internet-Revolution noch nicht vollzogen. Noch immer läuft der Großteil der wissenschaftlichen Publikation über die Fachzeitschriften, das heißt ein Wissenschaftler überträgt die Publikationsrechte an seinen Ergebnissen an einen Verlag. In den vergangenen Jahren sind aber die Fachzeitschriften, nicht zuletzt wegen des Drucks durch das Internet, immer teurer geworden. Wissenschaftsorganisationen haben längst begonnen, Abonnements aus Kostengründen abzubestellen, das heißt die Verbreitung von Wissen wird immer weiter eingeschränkt. Die Verlage suchen sich aber keine neuen lukrativen Marktsegmente, sagt Jürgen Renn, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, sondern:

Die meisten Verlage und leider insbesondere die großen sehen hier nur die Möglichkeit, zu mauern, ihre Monopolstellung auszunutzen und die Preise, solange es geht, weiter hochzutreiben und das Ziel, das die Wissenschaft hat, nämlich Informationen möglichst effektiv zu verteilen, nicht so effektiv unterstützen, wie es wünschenswert wäre.

Die Open-Access-Bewegung möchte das Monopol der Verlage brechen und plädiert für Veröffentlichungen im Internet mit freiem Zugang für alle. Die Veröffentlichungskosten, die natürlich trotzdem gegeben sind, sollen als Teil der Forschungskosten angesehen und nicht auf die Nutzer abgewälzt werden. So könnte in Zukunft eine globale Vernetzung wissenschaftlicher Arbeit entstehen. Auch die Studierenden könnten plötzlich an der internationalen Wissenschaftsszene teilhaben, so Renn:

Für Studenten, gerade auch für finanziell nicht privilegierte, bietet die Open-Access-Bewegung die Realisierung des Rechts auf freien Zugang zum Wissen. Wenn die Open-Access-Bewegung langfristig Erfolg hat, dann werden alle wissenschaftlichen Informationen am Desktop des Studenten verfügbar und für ihn so benutzbar sein, wie sonst nur für Elitewissenschaftler mit privilegierten Zugängen zu Bibliotheken. Es ist eine Demokratisierung des Zugangs zur Information, der adäquat ist, weil diese Informationen zum Großteil mit öffentlichen Mitteln erwirtschaftet wurden.

Auch auf die Bibliotheken kommen neue Zeiten zu. Für sie liegt die Zukunft in der Bereitstellung elektronischer Publikationen. Auf Dauer werden sie dabei viel Geld sparen - ein hoffnungsvolles Signal beim derzeitigen Finanzdruck.


 
 

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