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13.06.2013 · 14:35 Uhr
Obwohl Deutschland sich um ausländische Ingenieure und andere Fachkräfte bemüht, kann der Staat qualifizierte Migranten kaum im Land halten. (Bild: picture alliance / dpa - Hendrik Schmidt) Obwohl Deutschland sich um ausländische Ingenieure und andere Fachkräfte bemüht, kann der Staat qualifizierte Migranten kaum im Land halten. (Bild: picture alliance / dpa - Hendrik Schmidt)

In Deutschland fehlen "Brückenangebote"

OECD-Experte über die Abwanderungsgründe von Migranten

Thomas Liebig im Gespräch mit Manfred Götzke

Mangelnde Sprachkenntnisse und eine unzureichende Anerkennung ausländischer Abschlüsse - das sind die Gründe, warum viele Einwanderer Deutschland bald wieder verlassen, sagt Thomas Liebig. Über "Brückenangebote" müsse der Staat Qualifizierungslücken schließen, sagt der OECD-Experte.

Manfred Götzke: Wir sind gekommen, um zu bleiben, wir gehen hier nicht mehr weg! - Die deutsche Wirtschaft würde sich freuen, wenn die hoch qualifizierten Zuwanderer dieses Liedchen der Helden anstimmen würden. Allein, sie tun es nicht. Die OECD, die hat heute neue Daten zur Zuwanderung nach Deutschland vorgestellt. Demnach kommen zwar immer mehr Einwanderer vor allem aus den EU-Krisenländern nach Deutschland - 2011 sind 300.000 eingewandert und damit 70.000 mehr als im Jahr davor -, aber die Einwanderer wandern dann auch ganz schnell wieder aus. Ich möchte darüber jetzt mit Thomas Liebig sprechen. Er ist Migrationsexperte der OECD, guten Tag, Herr Liebig!

Thomas Liebig: Guten Tag, Herr Götzke!

Götzke: Herr Liebig, wie lange halten es denn die Griechen und Spanier so bei uns aus?

Liebig: Ja, von den Griechen und Spaniern und insgesamt von den Migranten aus den Krisenstaaten, die im Jahr 2011 nach Deutschland gekommen sind, waren am Ende des Jahres 2012 nur rund 40 Prozent nach wie vor noch in Deutschland. Bei den Griechen waren es ungefähr die Hälfte, die länger als ein Jahr geblieben sind, bei den Spaniern war es nur jeder Dritte.

Götzke: Das ist ja sehr verwunderlich, denn die Arbeitslosigkeitssituation in diesen Ländern hat sich ja nicht verbessert.

Liebig: Wir dürfen nicht vergessen, dass in Deutschland in den offiziellen Statistiken sehr, sehr viele kurzfristige Migration auch gemessen wird. Das heißt, das sind Leute, die häufig nach Deutschland kommen, noch nicht unbedingt einen Job vorab haben und sich erst mal versuchen, vielleicht möglicherweise mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, und eigentlich einen guten Job suchen und den möglicherweise nicht finden, weil ihnen zum Beispiel vielleicht Sprachkenntnisse fehlen oder sie auch nicht die spezifischen Qualifikationen haben, die deutsche Arbeitgeber suchen.

Götzke: Das sind dann zum Beispiel die Spanier, die einfach mal so nach Berlin fliegen und gucken, ob sich da irgendetwas ergeben kann oder auch nicht?

Liebig: Offensichtlich ist ein sehr großer Teil, wie gesagt, kommt noch nicht mit einem konkreten Arbeitsangebot, sondern sucht vor Ort und wird häufig wohl dann auch nicht fündig, ja.

Götzke: Ist denn damit auch die Idee, Deutschlands Fachkräftemangel mit arbeitslosen spanischen Ingenieuren zu lösen, damit eine Schnapsidee?

Liebig: Nun ja, es ist sicherlich … Ein Bestandteil der globalen Strategie zur Bewältigung des Fachkräftemangels ist es ja auch, zur innereuropäischen Mobilität zu greifen. Das kann natürlich auch nur ein ergänzendes Mittel sein und es wird ja auch nur als ein ergänzendes Mittel angesehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass natürlich häufig, wie gesagt, die Sprachthematik gerade in diesen sehr spezialisierten Berufsfeldern, gerade in den hoch qualifizierten Berufen, die ja in Deutschland auch nachgefragt werden, aber auch bei vielen mittelqualifizierten technischen Berufen sehr, sehr wichtig sind. Und die haben diese Migranten vielfach noch nicht und da müssten sie möglicherweise erst mal in einen Sprachkurs investieren oder auch die Arbeitgeber bereit sein, diese Leute ohne die Sprachkenntnisse einzustellen. Und das ist offensichtlich bislang noch nicht in großem Umfang der Fall.

Götzke: Sie sagen es, möglicherweise müssten die Arbeitgeber in Deutschland ja auch Sprachkurse vorhalten, wenn es der Staat nicht leistet!

Liebig: Das ist richtig. Und hier stellt sich natürlich gerade für den Mittelstand die Problematik, wie sie das dann konkret bewerkstelligen sollen, wenn sie ein oder zwei neue Arbeitskräfte für den Technikerberuf beispielsweise suchen, wie sie das konkret bewerkstelligen sollten. Hier muss man sich möglicherweise mit staatlicher Unterstützung zusammentun, um hier konkrete Lösungen zu machen. Für große Unternehmen ist das weniger ein Problem, weil die können das dann auf Betriebsebene bereits anbieten, und das wird auch zum Teil bereits getan.

Götzke: Sprache ist das eine, das andere ist die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Da haben wir ja seit einem Jahr, seit gut einem Jahr das Anerkennungsgesetz für die Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Funktioniert das noch nicht so richtig, müsste man da noch mal nachbessern?

Liebig: Nun, das war ein sehr, sehr wichtiger Schritt. Zum einen, weil das einfach auch mal ins Bewusstsein gerufen hat, dass viele Migranten, die sich seit vielen Jahren in Deutschland befinden, sehr gute Qualifikationen haben, die aber auf dem Arbeitsmarkt noch nicht hinreichend wertgeschätzt werden. Von daher war es ein wichtiges Signal, das überhaupt erst mal zu kommunizieren. Zum Zweiten nehmen Arbeitgeber natürlich das auch wahr, eine offizielle Zertifizierung wird auch auf dem Arbeitsmarkt entsprechend bewertet, positiv bewertet. Aber was noch fehlt ein Stückchen, sind diese Brückenangebote für die Leute, die keine volle Anerkennung bekommen, weil vielleicht ihr Diplom schon etwas veraltet ist oder nicht ganz mit einem deutschen vergleichbar ist, und wo man dann noch nachbessern müsste. Und da müsste hier vielleicht noch mehr in Brückenangebote investiert werden.

Götzke: Sie haben ja auch untersucht, wie sich der Zuzug von Menschen aus EU- und Nicht-EU-Staaten auf Steuern und Sozialkassen in Deutschland auswirkt. Lässt sich die Behauptung des Innenministers halten, Zuwanderer - insbesondere aus Osteuropa - würden vor allem in die Sozialkassen einwandern?

Liebig: Wir haben in unserer Studie untersucht, zum ersten Mal für alle OECD-Länder vergleichend, wie denn der gegenwärtige fiskalische Pakt, also der fiskalische Beitrag netto sozusagen der Zuwandererbevölkerung, die sich bereits im Land befindet, ist, und da kamen wir für Deutschland, aber auch für viele andere Länder, zu dem überraschenden Ergebnis - wenn man die öffentliche Debatte sich anschaut, mag es für viele überraschend sein zumindest -, dass die Zuwanderer nicht stärker, sogar etwas weniger von Sozialleistungen profitieren, wenn wir in Deutschland mal den Rentenbereich ausklammern, als Nichtzuwanderer.

Götzke: Zuwanderung lohnt sich also, sagt Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD. Vielen Dank!

Liebig: Danke sehr!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


 
 

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Einwanderer bleiben nicht lange hier

Sendezeit: 13.06.2013 14:37

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