Musik dringt aus den Fenstern des Schellingstraßen-Gebäudes. Eines Gebäudes, bei dem die Hülle gleich andeutet, was drin ist: Graffitis auf einer Außenmauer sagen: Die Häuser denen, die drin wohnen! Selbstverwaltung für die Schelling! Oder ganz einfach: Solidarität!
In WGs mit bis zu zwölf Leuten wohnt man in der Schellingstraße. Die Hälfte der Bewohner sind Studenten. Auf den Fluren ist wenig Platz und viel gestapelt. Wenn der Wäscheständer grade da steht, gibt es kein Durchkommen. Es gibt wenig Platz aber viel Leben.
Vor 20 Jahren hatte in der Schellingstraße alles begonnen: Hausbesetzer nahmen das einstige Kasernengebäude in Beschlag. Weil der Bund sich keinen Ärger einhandeln wollte, ließ er die Schellingstraße nicht räumen. Statt dessen vermietete er sie ans Studentenwerk. Das sorgte für Mietverträge und für zumindest halbwegs geordnete Verhältnisse, erzählt Dietmar App, der in den 80ern hier gewohnt hat:
Wir haben uns arrangiert: Offiziell wohnten hier nur Studenten - inoffiziell waren aber immer auch andere da.
Und daran hatte sich bis zuletzt nichts geändert. Strohmänner oder Stroh-Studenten unterschrieben für Azubis oder Arbeitslose die Mietverträge. Das Studentenwerk duldete das.
Vor vier Jahren beschloss der Bund, das Gebäude zu verkaufen. Das war die Chance für die Bewohner: Sie gründeten eine GmbH und machten sich Gedanken über die Kaufpreis und Finanzierung. Mit dem Bund waren sie sich schnell einig. Mit dem Studentenwerk aber nicht. Das hatte im Hinterhof des Gebäudes zwei Wohnheime gebaut. Erst nach vierjährigem Tauziehen war man sich über einen Kaufpreis für die Wohnheime einig. Eine Zeit, in der sich Anita manchmal selbst wie eine Hausbesetzerin fühlte:
Da kam manchmal dieses Gefühl hoch - und als wir den ersten Vertrag unterschrieben haben, haben wir gleich mal "Ton, Steine, Scherben" aufgelegt - aber wir sind schon anders - eine neue Zeit, eine neue Generation.
Gestern war es nun so weit: Vor 50 Zuhörern verlas der Notar unter Apfelbäumen den Kaufvertrag zwischen Bund und Bewohnern. Dann wurde unterzeichnet. Damit steht nun fest, dass es das alternative Leben in der Schellingstraße auch weiterhin geben wird. Hätte der Bund an einen anderen Investor verkauft, dann hätten die meisten der 110 Bewohner wohl ihre Koffer packen müssen - und irgendwo auf dem teuren und überlaufenen Tübinger Wohnungsmarkt eine Bleibe finden müssen. Eine Bleibe, die sie vielleicht nicht hätten finanzieren können.
Tim ist erleichtert.
Wir können wohnen bleiben und uns selbst verwalten. Das zeigt doch, dass man sich von solchen Zwängen befreien kann.
Dass die Schellingstraßenbewohner trotz ihrer ungewöhnlichen Wohnverhältnisse keine Chaotentruppe sind, zeigt ihre Finanzierung. Alles ist klar geregelt: Insgesamt werden Kauf und Sanierung zwei Millionen Euro kosten. Die werden über ein Bank-Darlehen, über Bürgschaften der Bewohner und über so genannte Direktkredite beigebracht. Dabei stellen Privatleute aus ganz Deutschland ihr Geld gegen einen geringen Zinssatz zur Verfügung - einfach weil ihnen die Idee gefällt. Über 410.000 Euro sind auf diese Weise bereits zusammen gekommen. Mehr als sich Finanzplaner Sven Hödl erhofft hatte:
Das zeigt doch, dass die Leute alternative Anlageformen suchen, bei denen die Häuser nicht spekulativ weiter verkauft werden.
Denn Eigentümer der Schellingstraße sind immer die aktuellen Bewohner. In den nächsten Jahren wollen die frischgebackenen Hausbesitzer ihre renovierungsbedürftigen Häuser auf Vordermann bringen und den WGs einen anderen Zuschnitt verpassen - damit man auch dann noch den Flur entlang gehen kann, wenn gerade Waschtag war. Ansonsten soll die Schellingstraße aber bleiben, wie sie ist.
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