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10.11.2005
Was nützen Informationen, wenn der Zugang zu ihnen fehlt? (Bild: AP) Was nützen Informationen, wenn der Zugang zu ihnen fehlt? (Bild: AP)

Kein Zugang zu Archiven

Hindernisse für die Forschung in östlichen EU-Staaten

Von Anat Kalman

Es ist sehr schwer. Seit zwei Jahren forsche ich über jiddische Revolutionäre in Vilnius zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch ich habe keinen direkten Zugang zu den Stadtregistern hier im Stadtarchiv. Wenn ich irgendwie an persönliche Daten wie Geburtsregister herankommen will, muss ich den Archivaren sagen, was ich genau suche und warum. Sie machen für mich die Arbeit - wenn sie Zeit haben - und ich bekomme vorgelegt, was sie ausgesucht haben.

Was die junge Doktorantin Evelina Lampertis beim Mittagessen in der Mensa der Vilnaer Universität über ihre Forschungen erzählt, ist in Mittelosteuropa selbstverständlich. Noch heute, fünfzehn Jahre nach der politischen Wende, unterstehen alle Archive den Innenministerien und damit den nationalen Sicherheitsdiensten. Direkten Zugang zu ihnen es gibt nicht. Und sie arbeiten auch nicht mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen zusammen. Wie Museen, Dokumentationszentren, Bibliotheken, Universitäten oder Gesellschaften für historische Aufklärung. Vor allem in den Baltischen Staaten, in Litauen, Lettland und Estland und in der Slowakei ist das so. Aber auch in Rumänien. Dort machte der ungarische Historiker Bela Borsi-Kalman vor einem Jahr außerdem noch eine andere bittere Erfahrung. Ihm wurde der Zugang zu den rumänischen Archiven grundsätzlich verboten.

Gerade weil ich hier zu den Spezialisten der rumänisch-ungarischen Geschichte zähle, ist es mir grundsätzlich untersagt worden, in den rumänischen Landesarchiven zu forschen. Das betrifft die Archive in Bukarest ebenso, wie alle anderen Archive in Siebenbürgen. Verantwortlich dafür sind die immer noch schlechten rumänisch-ungarischen Beziehungen und die Streitigkeiten in der Geschichtsschreibung.

Hindernissen wie diesen tritt die Europäische Kommission nun mit neuen Richtlinien entgegen. Ihr Ziel ist die Öffnung der Archive in allen EU-Staaten für Forschung, Bildungs - und Kulturarbeit. Dabei steht nicht nur Mittel-und Osteuropa im Kreuzfeuer der Kritik. Auch in westeuropäischen Ländern bleibt noch einiges zu regeln - meint Charles Keckemeti, der Generalsekretär des International Council of Archives ICA - des Internationalen Verbandes der Archive. Er hat die neuen EU- Richtlinien in Zusammenarbeit mit der Central-European-University in Budapest für die Europäische Kommission ausgearbeitet.

Ja, die schwarzen Löcher in der Geschichte. Jedes Land hat da seine sensiblen Punkte. In Italien bleiben bis heute alle Dokumente der Mussolini Ära fest unter Verschluss. Das Problem in Osteuropa ist aber, dass es sich nicht nur um sensible Epochen handelt, sondern der Zugang generell versperrt ist. Das hat mit dem kommunistischen Erbe zu tun. Mit der Tatsache, dass in den ehemaligen Ostblockstaaten vierzig Jahre lang der KGB alle Archive unter seiner Obhut hatte. Hier muss eine ganze Mentalität geändert werden. Auch wenn Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn ihre Archivnutzung etwas liberalisiert haben und man nicht mehr über die Ministerien muss, um eine Konusltationserlaubnis zu bekommen.

Das Recht auf direkten Zugang zu den Archiven soll für alle EU-Länder verbindlich sein. Und in Zukunft sogar - im Rahmen der Richtlinien - über den europäischen Gerichtshof "eingeklagt" werden können. Darüberhinaus ist jedoch noch eine gesamteuropäische Harmonisierung der Nutzungsregeln erforderlich. Was angesichts der unterschiedlichen Archivtraditionen keineswegs einfach und bei weitem noch nicht bis ins letzte Detail geregelt ist. Charles Keckemeti erklärt, was noch zu tun bleibt.

Es gibt ein ganzes Packet an praktischen Aspekten. Da geht es um die Frage, nach wie vielen Jahren Geburtsregister, Familienstammbäume, landwirtschaftliche Dokumente oder Krankendossiers der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfen. Zur Zeit hat da jedes Land seine Regeln. In Norwegen sind es 30, in Frankreich 150 Jahre. Ein anderes Problem sind die "Geheimdokumente" - etwa die Berichte der Sicherheitsdienste oder der Polizei. Eine Einsicht in diese Dokumente muss weiterhin beantragt werden. Doch dann stellt sich die Frage: steht mit einer ersten Genehmigung dieses Dokument dann auch automatisch anderen Forschern zur Verfügung ? Auch da gibt es je nach Land noch unterschiedliche Handhabungen.

Bis 2010 - so will es die Europäische Kommission - sollen alle europäischen Ar-chive nach einem einheitlichen Nutzungsprinzip verwaltet werden. Das erfordert jedoch auch eine grundlegende Modernisierung der osteuropäischen Archive, die viel Zeit, vor allem aber auch viel Geld benötigt. Restaurierungen von Dokumenten, Übertragung auf Mikrofilmen und computergerechte Katalogisierung. Selbst wenn der direkte Zugang in den nächsten Jahren möglich wird, so dauert es noch lange, bis in den Ländern Mittel- und Osteuropas der Umgang mit der dokumentierten Geschichte die gleiche Selbstverständlichkeit erreicht, wie in Westeuropa, wo die Archive nur in Deutschland im letzten Jahr bundesweit rund 300.000 Benutzer zählten.


 
 

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