Das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler bei den PISA-Studien hat auch den Blick auf die Bildung der Kleinsten gelenkt. Schon im Kindergarten sollen sie gezielt gefördert werden. Doch die bisherige Ausbildung der Erzieherinnen an Fachschulen ist darauf nicht eingerichtet. Erst langsam entstehen in Deutschland Hochschulstudiengänge für eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung der Erzieherinnen - wie es in vielen anderen europäischen Ländern schon lange Praxis ist.
In Italien jedenfalls sind sie schon viel weiter. Seit neun Jahren bildet das Land mit dem schiefen Turm seine Erzieherinnen auf höchstem akademischen Niveau aus. Doktorin Bärbel Riedmann von der Universität Bozen:
Die Studierenden bekommen wirklich die letzten Ergebnisse aus der Forschung. Sie bekommen teilweise von Dozenten noch Unterlagen, die noch nicht gedruckt sind, für ihr Studium, für ihre Ausbildung. Ich denke, sie haben wirklich die Neuigkeiten und werden ganz anders für ihren Beruf vorbereitet.
Erzieherinnen auf den neuesten Stand der Forschung über die kindliche Entwicklung, frühkindliche Bildungsprozesse und moderne Erziehungsmethoden zu bringen, darum geht es. In Deutschland musste die private Robert Bosch Stiftung einspringen, um diese Trendwende in der Ausbildung einzuleiten. An fünf deutschen Hochschulen fördert sie derzeit Studienangebote zur frühkindlichen Bildung. So auch an der Universität Bremen. Die Mathematikdidaktikerin, Professor Dr. Dagmar Bönig, über nur einen Vorteil der wissenschaftlichen Ausbildung:
Ich glaube, wenn Kindergärtnerinnen schauen sollten, wo Mathematik im Alltag der Kinder überhaupt vorkommt, dann werden die nur ganz wenig finden. Wenn ich draufgucke, könnte ich ihnen eine Fülle mehr an Sachen sagen. Und ich kann das, weil ich Hintergrundwissen habe. Ich kann das, weil ich was vom Fach verstehe.
Das Wissen über das Wesen der Mathematik schärft den Blick und kann schon im frühen Alter mathematisches Denken fördern. Schließlich steckt Mathematik überall im Spielalltag der Kinder, sagt Bönig:
Das Fach Mathematik ist geprägt von Mustern. Das ist aber in dem Verständnis von Kindergärtnerinnen gar nicht verhaftet. Von daher fällt ihnen nur auf, was mit Zahlen und Zählen zu tun hat. Dass geometrische Formen, dass Bauen mit Bauklötzen, viele Dinge in der visuellen Wahrnehmung oder Musterlegen zutiefst mathematisch sind, das merken sie ja gar nicht, weil sie nichts davon wissen.
Vor eineinhalb Jahren startete die Universität Bremen mit dem Bachelor Abschluss "Fachbezogene Bildungswissenschaften". Inzwischen hat sich ein reger Austausch zwischen Universität und Bremer Kindergärten entwickelt. Kinder kommen an die Universität und experimentieren in Laboren. Genauso gehen die Studierenden immer wieder in die Kindergärten. Und nicht nur die, auch ihre Professoren holen sich dort ganz praktische Erfahrungen. Denn die frühkindliche Bildungswissenschaft steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Nur eines ist klar: der Kindergarten als Lernort funktioniert anders als Schulen. Professorin Dr. Brunhilde Marquardt Mau:
Das Element der Entspannung, das Moment der Konzentration, das sind Dinge, die wir zwar vorbereiten können in unserem Labor. Aber die natürlich im Kindergartenalltag einen ganz andere Stellenwert haben. Und wir brauchen Erfahrung welche Lernangebote sind überhaupt sinnvoll für Kinder im Kindertagesbereich.
Die Universität Bremen nimmt rund 90 Studierende pro Jahr auf. Weitere hundert vielleicht werden derzeit etwa an der Alice Salomon Fachhochschule in Berlin oder auch an der Evangelischen FH Freiburg ausgebildet. Viel zu wenige, sagt Professorin Dr. Ursula Carle. Sie ist die treibende Kraft für die frühkindliche Bildung in Bremen. Bei diesem Tempo wird Deutschland noch lange brauchen um das Niveau Italiens zu erreichen:
Nur noch in Österreich und in Deutschland werden Erzieherinnen an Fachschulen ausgebildet. Sonst überall an Hochschulen. Von daher ist der Trend eindeutig. Das wird auf jeden Fall so werden. Aber wir sind ziemlich weit zurück, schätze zehn Jahre werden wir brauchen, bis das Feld umgestellt ist.
Das Tempo hängt aber auch vom Willen der Träger der Kindertagesstätten ab. Ob Kommune oder Freie Träger, sie müssen bereit sein, die neuen, wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräfte zu bezahlen. Wer besser qualifiziert ist, wird natürlich auch eine höhere Entlohnung fordern. Da müssen einige Träger sicherlich noch umdenken, weiß Carle:
Wer nicht in Bildung investiert, kann auch keine guten Erfolge von Bildung erwarten. Bildung gibt es nicht zum Nulltarif.
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