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19.06.2009
Einheitliches Studium in Europa - jetzt erst 2020? (Bild: AP) Einheitliches Studium in Europa - jetzt erst 2020? (Bild: AP)

Zehn Jahre Bologna-Prozess

Geburtstagskind in der Kritik

Von Armin Himmelrath

Der Bologna-Prozess, eine europaweite Reform des Hochschulstudiums, wurde heute vor zehn Jahren auf den Weg gebracht. Das Ziel vom einheitlichen europäischen Hochschulraum ist noch nicht erreicht - bis 2020 soll es aber klappen.

Es war ein lauschiger Frühsommernachmittag, als am 19. Juni 1999 die damalige deutsche SPD-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im italienischen Universitätsstädtchen Bologna für die europaweiten Reformen stimmte. Ein Beschluss, den ihre CDU-Amtsnachfolgerin Annette Schavan zwar als politisches Erbe übernehmen musste, an dem sie aber nichts auszusetzen fand. Im Gegenteil: Der Humanist Erasmus von Rotterdam, sagt Annette Schavan, sei doch eigentlich schon im 15. Jahrhundert das Vorbild für die heutigen Reformen gewesen.

"Geboren in Rotterdam, Studien in Paris, Doktor-Degree in Turin, Lecturer in Cambridge, Forscher in Freiburg und der Ruhestand in Basel. Das war ein Leben zwischen 1466 und 1536, und letztlich muss so etwas im 21. Jahrhundert wieder möglich sein in Europa."

Von genau solcher Mobilität träumen die Befürworter des Bologna-Prozesses. Doch pünktlich zum zehnten Jahrestag der Bologna-Beschlüsse hagelt es heftige Kritik aus den Hochschulen. So haben 13 deutsche Professoren termingenau das "Schwarzbuch Bologna" herausgebracht, in dem sie mit den Reformen hart ins Gericht gehen. Die seien ein Schritt in Richtung DDR-ähnliche Planwissenschaft, die perfekte Organisationsform der Ineffizienz und nicht mehr als eine traurige Mogelpackung, so die Grundaussagen des Schwarzbuchs. Volker Stein ist Wirtschaftsprofessor in Siegen und einer der Herausgeber.

"Wir sind ja für die Studierenden da. Die wollen und können zu Recht verlangen, dass sie eine qualitativ hochwertige Ausbildung bekommen. Das funktioniert zunehmend weniger gut. Das System ist für die Studierenden absolut verschult. Die Flexibilität geht verloren. Das, was spannend ist - ich würd fast sagen: sexy war immer am Studium, nämlich das freie Rumschauen auch mal in andere Fächer, Fachbereiche, auch mal über den Tellerrand hinaus - geht zunehmend verloren oder ist absolut gar nicht mehr drin, weil die Zeit nicht reicht. ( ... ) Ziel des Ganzen, gekoppelt mit der Modularisierung der Studienpläne, ist, dass sie immer wieder kleine Wissenshäppchen bekommen, die aber nicht ein großes Denksystem ergeben. Und das ist für mich die Hauptkritik aus Sicht der Studierenden."


Das harte Urteil über den Bologna-Prozess kommt beim akademischen Nachwuchs gut an. Patrick Schnepper vom Landes-Asten-Treffen in Nordrhein-Westfalen hat die Bildungsproteste in dieser Woche mit organisiert - und die richten sich ausdrücklich auch gegen die Probleme der Bologna-Reformen.

"Ja, eigentlich ist es katastrophal. Es hat zu ner starken Verschulung geführt, dieser Prozess. Die Sachen, die uns versprochen wurden, wurden nicht erfüllt: Wir sind nicht mobiler geworden, sondern das Gegenteil ist geschehen. Die Studiengänge sind nicht flexibler geworden, sondern sie sind wesentlich verschulter geworden. Der Leistungsdruck ist höher geworden. Die soziale Dimension wurde komplett ausgeblendet - wir sind damit ganz und gar nicht zufrieden."

Dennoch: Trotz der heftigen Kritik plädiert - noch - niemand für eine bedingungslose Rückkehr zum alten Studiensystem mit Diplom und Magister. Aber der Reformprozess müsse dringend selber reformiert werden, sagt der Siegener Professor Volker Stein. Er macht seinen Kollegen den Vorwurf, ...

"... dass wir als Professoren, ich als Professor, wir als Gruppe nicht früh genug, nicht massiv genug den Fehlentwicklungen entgegen getreten sind. Es ist irgendwo auch unsere Schuld, weil wir den Widerstand, der sinnvoll ist, nicht früh genug organisiert haben. Das haben wir inzwischen mehr und mehr nachgeholt, und die Bewegungen kommen im Grunde von vielen Gruppen, aus vielen Fachbereichen, die sagen: Die Fehlentwicklungen sind eben zu gravierend."

Seine Forderungen: Die zwangsweise Akkreditierung der neuen Studiengänge müsse abgeschafft werden, Diplomabschlüsse sollten als Alternative zum Master wieder erlaubt sein. Und auch die Macht der Hochschulleitungen, sagt Volker Stein, müsse begrenzt werden - zugunsten der Professorinnen und Professoren, denen derzeit eine echte Mitwirkung an den Reformen versagt werde.

Viel Diskussionsstoff also noch für die nächsten zehn Jahre Bologna-Prozess.


Christian Scholz/ Volker Stein (Hrsg.):
Das Bologna-Schwarzbuch. Mit einem Geleitwort von Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands. DHV-Verlag, Bonn 2009; ISBN 978-3-924066-89-5
204 Seiten, 21 Euro


 
 

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