Barrierefreie, also behindertengerechte Internetangebote sind zwar für die öffentlichen Hand Pflicht, doch selbstverständlich sind sie im Alltag noch lange nicht. Deshalb werden Vorbilder Jahr für Jahr von Biene ausgezeichnet. Biene ist das Symbol von Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen für den Barriefreien Zugang.
Ich hab die ganz große Ehre, dieses Jahr Gold zu überreichen - und die Biene in Gold geht an die Barmer.
Drei Goldpreise in sieben Kategorien - der zweite ging übrigens an die deutsche Website des US- Pharmakonzerns Pfizer, der dritte an die Österreichische Seite HELP - vier silberne und viele Bronzene Bienen bedeuten, dass noch einiges getan werden muss, Internetauftritte für alle Nutzer, insbesondere für behinderte Internetnutzer zu öffnen. Barrierefreie Websites müssten eigentlich für jeden Webauftritt selbstverständlich sein, sagt der Bremer Informatikprofessor Herbert Kubicek:
Das muss man eben sagen, dass es im eigenen Interesse sein müsste, barrierefrei anzubieten. Nämlich der Markt im Behindertenbereich ist doch enorm und gerade Menschen mit Behinderungen sind besonders angewiesen auf das Internet. Sie bestellen über das Internet, sie kommunizieren darüber und brauchen einfach auch den Zugang. Und ich denke, es ist auch dann im Geschäftsinteresse von Warenhäusern und auch einigen mehr, dass sie sich entsprechend aufstellen.
Unverständlich sei, dass weltweit nur etwa drei Prozent aller Webauftritte für Behinderte vollständig nutzbar seien. In Deutschland habe sich die Lage in den letzten vier Jahren - seitdem es die BIENE gibt - verbessert, so Iris Cornelsen, neben Professor Kubicek eine der Initiatorinnen, des barrierefreien Netzzugangs. Die in früheren Jahren mit dem BIENE- Award ausgezeichneten Webauftritte seien inzwischen Maßstab neuer Webauftritte geworden. Dennoch würden viele andere Entwickler und Betreiber wahrscheinlich gar nicht wissen, dass sie potentielle Website- Besucher ausschließen:
In den häufigsten Fällen ist es so, dass die Barrierefreiheit im Konzept einer Internetseite nicht mitgedacht wird. Da gibt es eine breite Palette von Fehlern, die man machen kann: Man kann beispielsweise Schriften sehr klein machen, man kann die Links sehr nah aneinander machen, man kann kleine Symbole machen, die man schlecht treffen kann. Das ist jetzt mehr aus dem Bereich "Motorisch" oder "Schlecht lesbar". Man kann grundsätzlich eine Seite so gestalten, dass sie für assistive Technologien, zum Beispiel Vorlesegeräte überhaupt nicht zugänglich ist. Das liegt dann an der Programmierung, wenn sich nicht an Standards gehalten wird oder die Strukturen nicht richtig eingehalten werden.
Wichtig ist, dass eine Internetseite für jedes Ein- und Ausgabegerät funktioniert. Das heißt: egal, ob ich jetzt mit Monitor, Tastatur und Maus vorm Bildschirm sitze oder mit einer Vorlesesoftware oder Eingaben mit einer Tastatur machen muss oder über eine Kopf-Maus. Also, es gibt da ganz spezialisierte Geräte. Für alle diese Menschen muss die Website erreichbar sein, die diese Geräte nutzen müssen.
Auch für Gehörlose. Die immer schnelleren Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichen jetzt die Implementierung von Filmen in Gebärdensprache. Diese seien trotz eines schriftlichen Textes deswegen notwenig, weil Gehörlose ein grundsätzlich anderes Sprachverständnis haben, als Nicht- Gehörlose, sagt Ralph Raule, Präsidiumsmitglied des Deutschen Gehörlosenbundes, denn Schrift und Sprache seien für Gehörlose eben nicht miteinander verknüpft:
Gehörlose lernen stattdessen visuell miteinander zu kommunizieren über die Gebärdensprache. Gebärdensprache selbst wiederum kennt keine Schriftsprache. Wenn man jetzt unterstellt, dass Gehörlose keine Lautsprache und keine Schriftsprache können, werden sie erhebliche Schwierigkeiten haben, Texte zu lesen und zu verstehen. Und unsere Aufgabe ist es nun, diese Informationen, die als Schriftsprache vorliegen, in Gebärdensprache aufzuzeichnen und darzustellen. Bei der mündlichen Kommunikation gibt es Lösungsansätze des Gebärdensprach- Dolmetschers, aber der schriftliche Bereich, der bleibt immer noch brach. Aber das ist genau diese Aufgabe, die wir uns auserkoren hatten.
Ralph Raule, der selbst nur mittels eines Richtmikrofons hören kann, leitet in Hamburg das "Gebärdenwerk", eine auf Gebärdensprache spezialisierte Filmproduktion. Für ein anderes - speziell für Sehbehinderte und Blinde implementiertes Werkzeug wurde die Seite Gib Aids keine Chance ausgezeichnet: Das so genannte "Capture", eine grafisch verfremdete Zahlen- und Buchstabenkombination, mit dem man sich als Mensch verifizieren kann, um Spam-Robotern, die das nicht lesen können, die Spamereien zu erschweren, hat einen Nachteil: Auch Sehbehinderte können es kaum oder nicht entziffern. Die Aids- Informationsseite bietet das Capture nun auch als MP3- File an.
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Computer und Kommunikation
Sternzeit 11. Februar 2012
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Das Digitale Logbuch - Wasserspiele
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Auf dem Orbit abgehört
Sendezeit: 11.02.2012, 16:45
dradio-Recorder
im Beta-Test: