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31.03.2007
Die US-Regierung bekräftigte in Lissabon ihren Führungsanspruch bei der Internetaufsicht. (Bild: AP) Die US-Regierung bekräftigte in Lissabon ihren Führungsanspruch bei der Internetaufsicht. (Bild: AP)

ICANN unter Kontrolle

US-Heimatschutz will direkten Zugriff auf Internet-Namensverwaltung

Manfred Kloiber im Gespräch mit Peter Welchering

Eine ganze Woche nahm sich die Internet-Verwaltung ICANN für ihre Frühjahrstagung in Lissabon Zeit, um eine lange Agenda abzuarbeiten. Brisant dabei: Das US-Heimatschutzministerium verlangt nach Einfluss auf die Namensverwaltung im Internet.

Manfred Kloiber: Die Agenda des ICANN-Treffens war anspruchsvoll, die Themenliste lang. Zombie-Adressen im Netz, massive Datenschutzprobleme, ein Antrag auf Schaffung eines Rotlichtbezirks im Internet und die Forderung des amerikanischen Heimatschutzministeriums, direkt auf die Namensverwaltung zugreifen zu können, bestimmten die Diskussionen in Lissabon. Wieso wollen die amerikanischen Heimatschützer denn direkt auf die Namensverwaltung im Internet zugreifen, Peter Welchering?

Peter Welchering: Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe, die Heimatschutzminister Chertoff in der vergangenen Woche auch noch einmal klar mit Blick auf die ICANN-Tagung in Lissabon zusammengefasst hat. Grund Nummer 1: Es gibt zu viele Manipulationen im Internet. Da werden Internet-Protokoll-Adressen vorgetäuscht, von gefälschten Internet-Adressen werden Phishing-Attacken gestartet oder Trojaner losgeschickt. Deshalb soll jede IP-Adresse lückenlos mit einer eigens verschlüsselten Signatur versehen werden. Damit kann dann nachvollzogen werden, woher wirklich eine Datei gekommen ist. Und da sagt der amerikanische Heimatschutzminister: Auf diese Signatur müssen wir aus Gründen der nationalen Sicherheit Zugriff behalten. Das heißt zugespitzt formuliert: Wenn das Heimatschutzministerium eine Online-Durchsuchung mit einem Computervirus startet, soll der absendende Server zwar eine Signatur aufweisen, aber nicht die richtige IP-Adresse. Das Heimatschutzministerium braucht eine Art Generalschlüssel für die Namensverwaltung, um eigene Aktionen im Netz tarnen zu können. Grund Nummer 2: Die verschlüsselte Signatur enthält viele für das Heimatschutzministerium interessante Informationen wie zum Beispiel personenbezogene Absenderdaten. Um mit denen arbeiten zu können, braucht das Heimatschutzministerium einen Generalschlüssel. Der dritte Grund: Die Regierung der Vereinigten Staaten beansprucht nach wie vor eine Art Oberaufsicht über das Internet. Deshalb muss der Schlüssel für die Sicherung des Namensraums in amerikanischer Hand bleiben. Das ist schon allein eine Frage der Symbolik.

Kloiber: Was sagen denn die Betreiber der so genannten Root-Server, also derjenigen Instanzen, die die Rechner für die Namensverwaltung weltweit betreiben, zu diesem amerikanischen Vorstoß?

Welchering: Zehn Rootserver-Betreiber sind amerikanische Unternehmen. Die haben sofort ihre Zustimmung erklärt und auch ansonsten sehr patriotisch argumentiert. Die beiden europäischen Rootserver-Betreiber sehen diesen Vorstoß des Heimatschutzministeriums mit großer Skepsis. Für Lars-Johan Liman von der schwedischen Autonomica, einem der beiden Rootserver-Betreiber in Europa, war das in Lissabon Anlass, noch einmal eine Internet-Verwaltung unter UNO-Aufsicht zu fordern.

Kloiber: Würde die Internet-Verwaltung ICANN bei einer UNO-Oberaufsicht über das Internet denn überhaupt mitspielen?

Welchering: Innerhalb des ICANN-Vorstandes gäbe es dafür sogar eine schweigende Mehrheit. Aber faktisch ist eine Verwaltung des Internet unter UNO-Aufsicht derzeit ausgeschlossen. Die Chancen dafür waren auf dem Weltinformationsgipfel in Tunis vor eineinhalb Jahren wesentlich besser als heute. Die amerikanische Regierung sagt sehr klar: Die Internet-Ressourcen weltweit sind eine amerikanische Angelegenheit. Die Regierung Bush wird die Aufsicht über das Internet nicht aus amerikanischer Hand geben.

Kloiber: Die Empfehlungen zum Datenschutz waren ja ein weiteres Streitthema. Wie sahen denn da die Positionen aus?

Welchering: Zum einen geht es darum, welche persönlichen Daten der Serverbetreiber und Namensinhaber in der Who-is-Datenbank veröffentlicht werden dürfen. Umstritten ist dabei vor allen Dingen die E-Mail-Adresse, weil da sehr viel Spam generiert wird. Dem Vorschlag, dass man die persönlichen Kontaktdaten von Namensinhabern nur bei den Registrare vorhält, will die amerikanische Regierung nur zustimmen, wenn diese Angaben verpflichtend an amerikanische Sicherheitsbehörden geliefert werden. Ansonsten ist für die Bush-Regierung eine dezentrale Datenschutzregelung nicht vorstellbar. Die ICANN-Tagung in Lissabon hat ganz klar gezeigt: Der Konflikt um die amerikanische Herrschaft über das Internet spitzt sich zu. Die amerikanische Regierung geht hier so stark wie schon seit mindestens zehn Jahren nicht mehr in die Offensive. Die Vertreter der nationalen Länderdomain-Registries, die also Punkt-de, Punkt-at und so weiter verwalten, haben diesen Konflikt deutlich gemacht. Aber ihnen fehlt zurzeit noch die Unterstützung der Europäischen Union, die sich aus Internet-Diskussion zurzeit völlig heraushält.


 
 

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