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12.06.2013
Ehemalige No-go-Area von Johannesburg wird wieder zu einem lebenswerten Stadtteil. (Bild: Peter Kreysler) Ehemalige No-go-Area von Johannesburg wird wieder zu einem lebenswerten Stadtteil. (Bild: Peter Kreysler)

Platz des Lichts

Das "Arts on Main"-Projekt in Johannesburg

Von Jan-Philippe Schlüter

Eine No-go-Area waren die Industriebrachen im östlichen Zentrum von Johannesburg lange Zeit. Ein Kunst- und Kulturprojekt hat der Region neues städtisches Leben verliehen, bekannte Künstler haben hier ihre Ateliers.

"Komplett heruntergekommen, die Gebäude alle leer, einfach dem Verrotten preisgegeben. Keiner war auf den Straßen, es war schmutzig und gefährlich. Eine Gegend, durch die man durchfährt, aber auf keinen Fall anhält. Fast schon post-apokalyptisch."

Gerade mal vier Jahre ist es her, dass der Osten von Johannesburgs Zentrum so ausgesehen hat, wie Immobilienentwickler Jonathan Liebmann und seine Kulturmanagerin Hayleigh Evans es beschreiben. Dutzende von verlassenen Industriegebäuden im Schatten der Autobahnen, die auf Stelzen die Stadt durchziehen. Eine vermeintliche No-go-Area.

Ganz anders heute: In Scharen kommen Familien aus den Vororten. Schieben sich mit Hunderten anderer Besucher durch die Hallen des "Market on Main", der hier jeden Sonntag stattfindet. Mittendrin steht Jonathan Liebmann. Mittellanges braunes Haar, lässig in Jeansjacke. Ein Gewinnertyp.

"Am Anfang haben die Leute gedacht, ich sei verrückt. Aber nachdem sie gesehen haben, dass es funktioniert, haben sie ihre Meinung geändert. Jetzt akzeptieren sie: Die Stadt ist zurück!"

2009 kauft Jonathan Liebmann einen alten Industriekomplex in Johannesburgs CBD, dem Central Business District. Seitdem die produzierende Industrie sich zurückgezogen hat, liegt die Gegend brach. Ausgerechnet hier, an der Main Street, will Liebmann sein Projekt "Arts on Main" starten. Dabei hilft ihm sicher auch seine Herkunft: Der 29-Jährige kommt aus einer wohlhabenden südafrikanischen Familie mit Sinn für Kunst.

"Ich habe am Anfang Künstler und Galerien angelockt. Die haben im Grunde die Wiederbelebung der Gegend hier beschleunigt. Ich denke, es ist international bewiesen, dass Künstler eine große Rolle spielen können, wenn es um die Revitalisierung eines Viertels geht."

Der Erste, der Arts on Main für sich entdeckt hat, ist William Kentridge, einer der bedeutendsten Künstler Südafrikas und regelmäßiger Gast auf der Documenta in Kassel. Er hat hier sein Atelier. Auch das Johannesburger Goethe-Institut ist seit Anfang an dabei. Im "Goethe on Main" bekommen vor allem Nachwuchskünstler die Chance, sich zu präsentieren. Gitta Zschoch ist beim Goethe-Institut für die Kulturprogramme zuständig.

Um die hier herzulocken, braucht es aber mehr als Künstlerateliers und Galerien. Deshalb gibt es in "Arts on Main" auch ein Restaurant mit Dachterrasse, Mode- und Einrichtungsgeschäfte. In dem weiß gekalkten Seitenflügel mit lichtdurchlässigem Dach ist die kleinste Brauerei Johannesburgs. Und sonntags den "Market on Main".

Ein Muss für jeden, der einen entspannten und hippen Sonntag verbringen will. In dem entkernten Backsteinbau stehen dicht gedrängt Essensstände. Paella, Sushi, mexikanisch, Thai oder italienisch, und natürlich: afrikanisch.

"Wir verkaufen hier Biltong. Das ist getrocknetes Fleisch. Und Trockenwürste haben wir auch im Angebot."
"Wir sind der Sharp!-Grill. Bei uns gibt es die Boerwors, die afrikanische Bratwurst, gegrilltes Huhn und Steaks im Brot."

Im Innenhof sitzen die Besucher unter Bäumen und genießen Sonne, Essen und Atmosphäre. Alles vermischt sich hier. Sprachen, Hautfarben, Alter. Auf der Dachterrasse des Restaurants tanzen drei Frauen um einen Oldtimer zu Kwaito-Beats.

"Schau Dir das an! Und hör mal die Musik. Ich liebe es! Manchmal komme ich nur zum Tanzen hier her. Ich finde es toll, was hier entsteht. Das ist der Beginn von etwas Großem."

Das "Arts on Main" brummt - und ist nur der Anfang. Mittlerweile gibt es hier ein Hotel, ein Independent-Kino, Restaurants und Büros. Jonathan Liebmann hat große Pläne für den ganzen Bezirk. Und hat ihm schon mal einen neuen Namen gegeben: Maboneng.

"Das heißt "Platz des Lichts". Wir haben mittlerweile 35 alte Häuser gekauft, von denen erst sieben renoviert sind. Ich gehe davon aus, dass wir hier noch mindestens zehn Jahre an der Belebung der Innenstadt arbeiten werden."

Nicht allen in Johannesburg gefallen die Pläne von Liebmann. Kritiker sprechen von einem Getto für Wohlhabende. Die eigentlichen Bewohner würden zu wenig einbezogen.

Für Liebmann ist das nur die Meinung überkritischer Journalisten. Die Bewohner des Viertels würden das anders sehen. So wie Philip, der sich im Market gerade ein Boerwors-Brötchen kauft:

"Ich habe hier gearbeitet und wohne hier. Als die Fabriken dicht gemacht haben, dachte ich: Das war es. Aber jetzt sehe ich, was in diesem Viertel passiert. Das ist besser als vorher. Das ist der beste Platz in Johannesburg."


 
 

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Das Arts on Main-Projekt in Johannesburg

Sendezeit: 12.06.2013 15:10

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