Einst bauten die europäischen Zuwanderer ihre eigenen Kirchen in Hazleton. (Bild: Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Einst war Hazleton geprägt von europäischen Migranten, die hier auch ihre eigenen Kirchen bauten. Nun leben in der Kleinstadt im Bundesstaat Pennsylvania überdurchschnittlich viele illegale Einwanderer, vor allem Latinos. Die Kleinstadt ist heute ein schwelender sozialer Brennpunkt.
Wer von der Autobahn im Norden kommt, fährt irgendwann über eine Kuppe, von der aus man die halbe Stadt vor sich liegen sieht. Aus dem Panorama ragt ein Gebäudetypus besonders heraus.
"In my house, I look out I can see at least a dozen steeples. There are so many churches here. It's unbelievable."
Kirchtürme. Wenigstens ein Dutzend, sagt Joseph Yanuzzi, der Bürgermeister, sieht er schon vom Balkon seines Hauses aus.
Die vielen Gotteshäuser - sie erinnern auf eine auffällige Weise an die Geschichte von Hazleton. An die vielen Einwanderer aus Europa, die hier, obwohl Angehörige der gleichen Konfession - nämlich mehrheitlich katholisch - bewusst ihre eigenen Kirchen bauten. Kent Jackson, Reporter der Lokalzeitung, des Standard Speaker.
"Wir hatten eine der ersten slowakischen Kirchen. Wir hatten polnische Gemeinden. Deutschsprachige. Katholiken und Protestanten. Und eine der ersten Tiroler Kirchen in den USA."
Abgrenzung von den anderen ethnischen Gruppen bis hin zur Rivalität - das gehört in Hazleton zur Grundbefindlichkeit. Ein Grund weshalb die Stadt, nachdem sie nur mühsam zum Schmelztiegel für für die europäischen Einwanderer wurde, heute erneut ein schwelender sozialer Brennpunkt ist.
Es begann damit in Hazleton schon vor einer Weile - mit dem Niedergang des einstigen Hauptwirtschaftszweigs - des Bergbaus. Und mit der Abwanderung von Menschen. Sie ließen leere Häuser zurück, leere Ladengeschäfte. Und: auch leere Kirchen. Vor acht Jahren wurde oben auf der Hügel-Kuppe, an der Ecke von North Church und West Eighth Street, sogar ein ganzes Krankenhaus geschlossen.
Doch richtig aggressiv wurde die Stimmung erst, als sich das Städtchen vor zehn Jahren zu einem Magneten für eine neue Generation von Zuwanderern zu entwickeln begann. Da verwandelte sich Hazleton über Nacht zu einem Laboratorium inmitten eines traditionellen Einwanderungslandes, das jedoch schon seit Jahren nicht mehr fähig ist, den ständigen Zustrom von außen zu bewältigen.
Die Menschen, die zugezogen sind, weil im wirtschaftlich angeschlagenen Hazleton die Mieten niedrig waren, veränderten das soziokulturelle Klima nachhaltig. Latinos. Spanisch sprechende Menschen überwiegend aus der Dominikanischen Republik. Viele mit einem dunkleren Hautton. Viele hatten vorher in großen und teureren Städten wie New York gelebt.
Die letzte Volkszählung 2010 weist aus, dass ihr Anteil mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Hazleton beträgt. Zehn Jahre zuvor lag er noch bei knapp fünf Prozent.
Je mehr Latinos kamen, desto schneller gerieten sie zu Sündenböcken für alle Probleme von Hazleton. Vor allem für die wachsende Kriminalität.
Die Fernsehnachrichten melden es jeden Tag: Mehr Kriminalität. Mehr Morde. Mehr Drogen. Mehr Gefahr.
Schon 2006 hatte der damalige Bürgermeister Lou Barletta eine simple Erklärung für dieses Phänomen die den alteingesessenen Bürgern einleuchtete. Das Problem so hieß es, seien die vielen illegalen Einwanderer unter den Latinos. Und so verabschiedete der Stadtrat eine Satzung, die Vermieter und Arbeitgeber bestrafen sollte, die Illegale beherbergen und beschäftigen. Barletta damals in einer Anhörung vor dem Washingtoner Senat:
"Durch diese Satzung soll Hazleton für Illegale zu einem der unangenehmsten Orte in den USA werden. Nur legale Einwanderer sind willkommen. Illegale nicht. Weil sie unsere begrenzten Finanzmittel auf sich ableiten."
Der Standpunkt eines Hardliners, heute ist er Kongressabgeordneter für die Republikanische Partei in Washington. Die Stadt Hazleton fand für diese Linie landauf, landab Applaus. Kritiker indes nennen es: Fremdenfeindlichkeit mit dem Anstrich des Legalen.
Die entsprechende Satzung ist bis heute nicht in Kraft getreten. Sie wandert noch immer durch die Instanzen der amerikanischen Gerichtsbarkeit. Bürgerrechtsgruppen halten sie für verfassungswidrig. Immerhin zeigte die Initiative Wirkung.
Die inzwischen spürbare Abwanderung der illegalen Latinos, den Hazletons Bürgermeister Yanuzzi registriert hat, bemerkt auch Lokalreporter Kent Jackson:
"Einige Menschen haben die Stadt verlassen. Sie wollten nicht erwischt werden. Es waren wohl ursprünglich rund 3400 illegale Einwanderer hier. Ich schätze, es sind jetzt noch 1000."
Doch: Trotz dieser Abwanderung ist die Kriminalität gestiegen. Und damit nahmen die Spannungen erneut zu. Erst vor einigen Wochen diskutierten auf einer öffentlichen vom Fernsehen übertragenen Podiumsveranstaltung Polizeichefs, Staatsanwälte und Politiker. Es gab viele Absichtserklärungen von der Bühne und Klagen aus dem Publikum. Doch nur eine einzige Wortmeldung brachte das Problem auf den entscheidenden Punkt:
"I like to just look around. For me what's missing here tonight is the Latino community. Where is everybody? Where is everybody?"
Die Latinos meiden tatsächlich die Öffentlichkeit. Und: Sie sind nirgendwo vertreten. Niemand von ihnen sitzt im Stadtrat. In keiner Behörde gibt es Angestellte, die Spanisch sprechen. Auch nicht bei der Polizei, die mit ihren 40 Beamten tagtäglich direkt mit den Problemen konfrontiert ist. Polizei-Chef Frank DeAndrea kennt dieses Dilemma, weiß aber offenbar nicht, wie er es ändern soll. Er zuckt mit den Achseln.
"Ich hätte sehr gerne, dass meine Polizisten beide Sprachen sprechen. Aber ich habe noch nicht mal einen einzigen ernsthaften Bewerber mit Spanischkenntnissen."
Ein Zeichen, dass sich im Zusammenleben der Stadt vielleicht doch noch etwas ändern könnte, setzt inzwischen die mächtige St. Gabriel-Kirche an der South Wyoming Street. Dort gibt es seit einiger Zeit sonntags immerhin zwei katholische Messen in spanischer Sprache.
Oder: Ein Lokal-Prominenter, Baseball-Trainer Joe Maddon, der in Florida lebt, engagiert sich jetzt persönlich im Hazelton Integration Project, und zwar nicht nur aus Sorge um das ramponierte Image seines Geburtsortes. Er betreut im Profi-Baseball schon lange Mannschaften, in denen Latinos integriert sind und eine wichtige Rolle spielen.
"Hazelton hat wirklich schlecht ausgesehen. Davon kommt man nur los, wenn man zusammenarbeitet. Für ein gemeinsames Ziel. Für den Erfolg. Das erlaubt einem, Beziehungen zueinander aufzubauen. Und sich gegenseitig zu vertrauen. Sobald wir einander vertrauen, können wir unsere Ideen offen austauschen. Aber ohne Vertrauen geht das nicht."
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USA: Hazleton, Pennsylvania und seine unsichtbaren Einwanderer
Sendezeit: 25.05.2013 13:52
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